Prozess in Moskau Pussy Riot bitten Gläubige um Entschuldigung

Ein Gericht in Moskau entscheidet, ob die Verurteilung der Mitglieder von Pussy Riot rechtmäßig ist. Die drei Frauen geben sich vor Gericht kämpferisch, entschuldigen sich aber bei den Gläubigen für ihren Anti-Putin-Protest in einer Kirche.

Alechina (l.), Samuzewitsch, Tolokonnikowa: Hoffnung, dass das Urteil aufgehoben wird
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Alechina (l.), Samuzewitsch, Tolokonnikowa: Hoffnung, dass das Urteil aufgehoben wird


Moskau - Kommen die drei Mitglieder von Pussy Riot auf Bewährung frei? Die Hoffnung ist nach den ersten Stunden des Berufungsverfahrens der drei inhaftierten Mitglieder der Punkband gering. Die russische Justiz hat für Mittwochmittag eine Entscheidung über angekündigt. Nadeschda Tolokonnikowa, 22 Jahre, Jekatarina Samuzewitsch, 30 Jahre, und Maria Alechina, 24 Jahre, waren im August zu zwei Jahren Haft in einem Straflager verurteilt worden.

Wie SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Benjamin Bidder berichtete, lehnte das Gericht zwei Anträge der Verteidigung ab. Einer der Richter tug noch einmal die Hauptpunkte des Urteils und die Argumente der Berufungsklage vor.

Die Musikerinnen von Pussy Riot verlangten die Aufhebung des Urteils: "Wir sind alle unschuldig. Wir sind bisher gegen Putin aufgetreten und tun dies jetzt." Die Frauen gaben sich kämpferisch, baten die Gläubigen aber mehrfach um Entschuldigung. Alle drei gaben Erklärungen ab. "Ich wollte eine politische Aktion durchführen, nicht die Gläubigen beleidigen", sagte Samuzewitsch. Die Idee des Punk-Gebets sei politisch und nicht religiös gewesen.

Die Mitglieder der Punkband hatten im Februar in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau gegen Präsident Wladimir Putin mit einem Punk-Gebet protestiert. Eine Buße, wie die Kirche sie verlangt, lehnten die Frauen jedoch ab.

Als Alechina in ihrem Statement den Namen von Präsident Putin erwähnte, wurde sie von der sichtlich nervösen Richterin unterbrochen, wie mehrere Beobachter übereinstimmend twitterten. Das Gericht sei keine politische Bühne, so die Richterin.

Samuzewitschs Anwältin forderte, den Fall ihrer Mandantin getrennt zu behandeln, weil diese gar nicht, bei dem Punk-Gebet mitgemacht habe. Sie sei vor der Aktion aus der Kirche geworfen worden. Ein Zeuge habe ausgesagt, dass das Mädchen mit der Gitarre von einem Wachmann weggebracht worden sei.

Die Anwältin der Klägerseite, Larisa Pavlova, verlangte, dass das Urteil gegen die Frauen unverändert in Kraft tritt. Kurz vor 12.00 Uhr setzte die Richterin ein Pause an. Um 12.30 Uhr soll die Entscheidung verkündet werden, wie die Richterin ankündigte.

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Prozess gegen Pussy Riot: Polit-Punks hinter Rauchglas
Vor dem Gericht ist die Polizei mit einem massiven Aufgebot vertreten. Es seien so viele Beamte wie noch nie zuvor vor Ort, sagte der Russlandkorrespondent des TV-Senders n-tv. Wie die Agentur Interfax meldete, kontrollierten Streifenwagen die Umgebung. Auch im Gerichtssaal waren viele Polizisten anwesend. Vor dem Gebäude demonstrierten Anhänger und Gegner der inhaftierten Frauen. Auf einem großen Transparent forderten Putin-Gegner den Rücktritt des Präsidenten. Mindestens zwei Menschen wurden festgenommen, hieß es.

Ministerpräsident Dmitrij Medwedew hatte Mitte September mit einer Forderung nach Milde die Hoffnung genährt, dass Nadeschda Tolokonnikowa, Jekatarina Samuzewitsch und Maria Alechina auf Bewährung frei kommen könnten. Die drei Frauen weiter in Gefangenschaft zu halten sei "unproduktiv", sagte der Premier.

Auch die russisch-orthodoxe Kirche hatte sich für eine Begnadigung der Musikerinnen eingesetzt. Voraussetzung sei, dass die Frauen Reue für ihren Protest gegen Präsident Putin in der Kathedrale zeigten, teilte die Kirche mit.

Der Anwalt der drei Pussy-Riot-Aktivistinnen, Nikolaj Polosow, warf der russischen Regierung vor dem Prozess eine Hetzkampagne gegen die Punkband vor. Die überwiegend staatlich gelenkten Massenmedien würden einen "Propaganda-Feldzug" gegen die Gruppe führen, sagte er. "Leider hat die Regierung mit ihrer Propaganda Erfolg und weite Teile der Bevölkerung sind davon überzeugt, dass die Strafe für unsere Mandantinnen gerechtfertigt ist."

Präsident Putin hatte im Interview mit dem Fernsehsender NTV erklärt, er halte das Urteil gegen die drei Frauen für richtig. Die Entscheidung sei korrekt, denn niemand dürfe "die moralischen Grundlagen untergraben". Das sei zweifellos eine Ausübung von Druck auf das Berufungsgericht, dessen Entscheidung dadurch vermutlich beeinflusst werde, sagte Anwalt Polosow.

Die bereits für vergangene Woche angekündigte Gerichtsentscheidung war vertagt worden. Die Verteidigung der Frauen geht nicht davon aus, dass die Berufung Erfolg hat, sondern rechnet maximal mit einer Reduzierung der Strafe.

heb/dpa/dapd/AFP

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ronald1952 10.10.2012
1. Die Frage die sich wohl jedem
Zitat von sysopAPDer Prozess gegen Pussy Riot geht in die nächste Runde: Ein Gericht in Moskau muss entscheiden, ob die Verurteilung gegen drei Mitglieder der kreml-kritischen Band rechtmäßig ist. Ein Großaufgebot der Polizei bewacht das Gerichtsgebäude. Pussy Riot bittet Gläubige um Entschuldigung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/pussy-riot-prozess-polizei-riegelt-gerichtsgebaeude-ab-a-860434.html)
auftut, warum so viel Polizei? Was, bzw vom wem soll wer geschützt werden. Ich persöhnlich glaube dieses rießen Aufgebot der Polizei ist dort, um von zu viel Demokratie zu schützen. Denn eines dürfte wohl sicher sein wovor sich Herr Putin fürchtet, Demokratie. Dieses Wort bereitet diesem alten KGB Chergen mit Sicherheit manche Schlaflose Nacht. Vielleicht sollte diesem Herrn doch mal ein bischen Nachhilfe in sachen Demokratie von seinem Busenfreund Herrn Schröder gegeben werden. Der, der mal hierzulande Bundeskanzler gewesen ist. Nur eines ist sicher, die Menschen in Russland haben genug von den Jahrhunderten der Despoden dessen Gipfel die Kommunisten waren. Es ist noch nicht das letzte Wort zur Demokratie in Russland gesprochen worden. Und eines sollte Herr Putin sich gut merken, jeder Despot, alle in allen Jahrhunderten hatten eines gemeinsam, sie mussten gehen,alle früher oder später.
ermanerich 10.10.2012
2. Etwas
Zitat von sysopAPDer Prozess gegen Pussy Riot geht in die nächste Runde: Ein Gericht in Moskau muss entscheiden, ob die Verurteilung gegen drei Mitglieder der kreml-kritischen Band rechtmäßig ist. Ein Großaufgebot der Polizei bewacht das Gerichtsgebäude. Pussy Riot bittet Gläubige um Entschuldigung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/pussy-riot-prozess-polizei-riegelt-gerichtsgebaeude-ab-a-860434.html)
mehr Ruhe und Sachlichkeit dürfte allen Beteiligten gut tun. Und die Akzeptanz der Regeln eines anderen Staates, der zudem ein zuverlässiger Wirtschaftspartner war und ist. Dass in Russland keine Demokratie im westlichen Sinne herrscht, dürfte jedem hinlänglich bekannt sein. wohin das Experiment einer solchen Demokratie führte haben die Russen selbst erfahren dürfen, als Herr Jelzin samt seiner Technokraten herrschte. Und die Russen wählten halt ihren neuen Zaren. Was die Damen betrifft - deren musikalische Bekanntheit bei eher null liegt - die sich ausschliesslich provozierend profilieren - hat Herr Putin ja deutlich gemacht, dass man wie bei kleinen Kindern eine deutliche Entschuldigung erwartet. Und wenn die Damen im Hauptheiligtum der russischen Orthodoxen ihre Mätzchen abziehen - und der Westen dies so toll findet - sollte man ihnen doch nach Verbüssung ihrer Strafen die Möglichkeit für derartige Auftritte auch in katholischen Domen gewähren - ob das allerdings die betroffenen Gemeinden so schick finden, darf bezweifelt werden.
ratxi 10.10.2012
3. Vielleicht
Zitat von sysopAPDer Prozess gegen Pussy Riot geht in die nächste Runde: Ein Gericht in Moskau muss entscheiden, ob die Verurteilung gegen drei Mitglieder der kreml-kritischen Band rechtmäßig ist. Ein Großaufgebot der Polizei bewacht das Gerichtsgebäude. Pussy Riot bittet Gläubige um Entschuldigung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/pussy-riot-prozess-polizei-riegelt-gerichtsgebaeude-ab-a-860434.html)
Vielleicht geschieht ja ein kleines Wunder und die Mädels können erstmal raus......und bekommen später Bewährung.
linkslibero 10.10.2012
4. sieht man dort genauso
"Präsident Putin hatte im Interview mit dem Fernsehsender NTV erklärt, er halte das Urteil gegen die drei Frauen für richtig. Die Entscheidung sei korrekt, denn niemand dürfe "die moralischen Grundlagen untergraben". Inschallah. Ajatollah Putin hat gesprochen. Seine Kollegen im Iran und Saudi-Arabien sehen das schließlich genauso.
dokuti 10.10.2012
5. Die beleidigten Gläubigen
In Deutschland gibt es nicht wenige Leute, die eine strenge Bestrafung der drei Frauen richtig finden, wegen der "Schändung" einer Kirche. Wenige Minuten kindliches Rumgezapple auf einem Altar soll mit einigen Jahren Straflager geahndet werden. Mit der Frage nach der Verhältnismäßigkeit stößt man auf Granit. Es gibt bei den Religiösen kein Pardon für drei junge Frauen, die niemandem geschadet haben. Es überwiegt der Hass auf die "Schänderinnen" einer "heiligen Stätte" und es wird die harte Bestrafung befürwortet. Da ist sind sie wieder, die beleidigten Religiösen und die Forderung nach Bestrafung von Blasphemie. Es ist mir unheimlich mit welchem Eifer sie ihren Götzen Menschenschicksale opfern wollen und von der Gesellschft den Schutz für ihren religiösen Unfug und Mumpitz verlangen und leider auch erhalten.
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