Proteste gegen Pussy-Riot-Urteil: Die Verzweifelten von Moskau

Von Diana Laarz, Moskau

Es hat alles nichts genutzt: Hunderte Oppositionelle forderten vor dem Gerichtsgebäude in Moskau Freiheit für Pussy Riot - und im Saal rattert die Richterin ungerührt das Urteil gegen die drei jungen Frauen herunter. Die Demonstration der Staatsmacht macht viele Kreml-Kritiker sprachlos.

Pussy Riot: Punk gegen Putin Fotos
AFP

Die Urteilsverkündung ist eine Qual. 160 Minuten verliest Richterin Maria Syrowa ihre Entscheidung im Fall Pussy Riot.

Anwalt Nikolai Polosow tupft sich im Minutentakt die Schweißperlen von der Stirn. Die Polizistin vor dem Sicherheitskasten scheitert beim Versuch, ein Gähnen zu unterdrücken. Und die Angeklagte Jekaterina Samutsewitsch hüpft von einem Fuß auf den anderen, als ihr nach einer halben Stunde Stehen auf dem Fleck die Beine müde werden.

Nur Richterin Syrowa zeigt wie immer kein Zeichen von Erschöpfung. Zur Feier des Tages trägt sie einen Ring mit einem walnussgroßen Bernstein. Die Unterlagen, aus denen sie liest, liegen in einer Mappe mit dem russischen Doppeladler in Gold auf dem Umschlag. Sie rattert das Urteil herunter, mit klarer Stimme, ohne Höhen und Tiefen, sie stockt in über zweieinhalb Stunden nicht einmal. Auch nicht, als sie die Strafe verkündet: zwei Jahre Haft für jede der drei Frauen. Die Verurteilten lachen laut auf, so laut dass es scheppernd durch das Sicherheitsglas tönt, hinter dem sie gefangen sind. Es scheint, als wollten sie dieses Urteil, das Land, in dem sie leben, den Patriarchen Kyrill und Präsident Wladimir Putin auslachen.

Es ist das vorläufige Ende des Prozesses gegen Jekaterina Samutsewitsch, 30, Maria Aljochina, 23, und Nadeschda Tolokonnikowa, 22. Die drei Frauen waren Ende Februar mit bunten Strickmasken über den Köpfen und in Neonkleidern in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale mit ihrem inzwischen berühmt gewordenen Punkgebet aufgetreten - "Jungfrau Maria, vertreibe Putin". Richterin Marina Syrowa, schmale Lippen und starrer Blick, hat keinen Zweifel daran, dass dieser Auftritt in Russland "religiösen Hass" geschürt und die Gefühle vieler orthodoxer Gläubiger verletzt hat.

Ausnahmesituation rund um das Moskauer Chamowniki-Gericht

Die Urteilsverkündung am Freitag sorgt schon Stunden vor Verhandlungsbeginn für eine Ausnahmesituation rund um das Moskauer Chamowniki-Gericht. Früh am Morgen hatten Polizisten die Straße zum Gerichtsgebäude mit schweren Eisengittern gesperrt. Demonstranten werden, anders als an den anderen Verhandlungstagen, nicht vor das Gericht gelassen. Ihre Plakate - "Wir sind alle Pussy Riot" - halten sie etwa 150 Meter vom Gerichtssaal entfernt in die Höhe.

Nur mit Mühe gelingt es einzelnen Personen, durch den drängelnden Pulk aus Demonstranten und Journalisten in den Gerichtssaal vorgelassen zu werden, in dem schon der gefallene Oligarch Michail Chodorkowskij sein Urteil hörte. Zwar sind extra für diesen Tag die Bänke rausgeschafft worden, der Platz reicht trotzdem bei weitem nicht aus. Unter denen, die hineingelangen, sind die grüne Bundestagsabgeordnete Marieluise Beck und der bekannte russische Blogger und Oppositionsführer Alexej Nawalnyj, dem selbst wegen einer Anklage eine Gefängnisstrafe droht. Bei einem vorherigen Besuch war ihm der Zutritt zum Gericht noch verwehrt worden. Nun schreitet er Kaugummi kauend durch die Menge, die ihm bereitwillig Platz macht. "Endlich mal wieder ein Grund, Schlange zu stehen", sagt er. Die Umstehenden lachen.

Nawalnyj, Beck, Eltern und Partner der Angeklagten sehen an diesem neunten und letzten Verhandlungstag drei Frauen hinter Sicherheitsglas, die erstaunlich gelöst ihres Schicksals harren. Durch die Polizistinnen, die den braunen Kasten wie eine Mauer abschotten, lächeln sie einfach hindurch. Ihre stummen Antworten auf die ohne Atempause vorgetragenen Ausführungen von Richterin Syrowa sind skeptisch in die Höhe gezogene Augenbrauen und die in Handschellen liegenden verschränkten Arme vor der Brust. "Wir und ihr haben schon gewonnen", hatte Nadeschda Tolokonnikowa am Tag vor dem Urteil über ihren Anwalt der Öffentlichkeit mitteilen lassen. Entsprechend zufrieden sieht sie aus. Ihr aktuelles Statement trägt sie Gelb auf Blau auf dem T-Shirt: eine geballte Faust und der Spruch "No Pasarán" - ein Zitat der spanischen Revolutionärin Dolores Ibárruri: "Sie werden nicht durchkommen!"

Die Entscheidung ist keine Überraschung

Die etwa tausend Unterstützer, die sich in der Zwischenzeit vor den Absperrgittern versammelt haben, nehmen das Urteil mit einem Aufschrei und einem gellenden Pfeifkonzert auf. Die Entscheidung ist keine Überraschung, dennoch ist die Empörung groß. In den Stunden zuvor hat die Polizei einige Demonstranten festgenommen, doch der Protest ist ungebrochen. Ein Gitarrist, das weiße Band der Opposition am Gitarrenhals, singt mit geschlossenen Augen "Hare Krischna". Der Ruf "Freiheit für Pussy Riot" hallt über den Platz.

Eine von denen, die am lautesten schreien, ist Galina Kaptur. Kaptur, eine pensionierte Chemikerin mit grauem Stoppelhaar, war an jedem einzelnen Prozesstag vor dem Chamowniki-Gericht. Jeden Tag, oft über zwölf Stunden lang, zeigte sie Flagge für Pussy Riot. "Ich weiß, dass die Mehrheit in unserem Land möchte, dass die Frauen bestraft werden", sagt Galina Kaptur. "Aber ich bin hier, um zu zeigen, dass es hier auch anständige Bürger gibt." Danach schweigt sie, fassungslos.

Die Suche nach den richtigen Worten dauert danach noch stundenlang. Der Vater von Jekaterina Samutsewitsch stammelt "Es ist eine Schande" in die Mikrofone. Alexej Nawalnyj spricht laut, aber auch ein wenig hilflos, über die Justizwillkür in seiner Heimat. Marieluise Beck sagt: "Ich glaube, den Frauen ist noch gar nicht bewusst, in welch einer schlimmen Situation sie sind. Der bittere Alltag wird erst kommen, wenn wir alle wieder abgereist sind."

Als sie zu Ende gesprochen hat, herrscht für einen Moment Ruhe unter den Demonstranten. Zu hören sind nur noch die Rufe eines Grüppchens am Rande. Sie tragen Rosenkränze und Holzkreuze. Sie schreien: "Patriarch Kyrill, unser Führer."

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insgesamt 21 Beiträge
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1. In Russland gehen die Lichter aus
jura12 17.08.2012
Eine schwache Staatsführung schlägt um sich und kämpft ums Überleben. Russland fällt endgültig zurück in die Dunkelheit.
2.
vaseline 17.08.2012
das war nicht anders zu erwarten zumal zar putin & co nach den doktrin von stalin bis breschniew agiert und daher ist es nur verwunderlich, dass die drei nicht die todesstrafe erhielten aber den mut hat putisch auch auf grund der internationalen proteste nicht aber trotzdem stellt sich die frage, wo denn die deutschen, protestierenden politiker incl. merkel sind oder hat putin und schröder gesagt, wenn ihr euer maul aufmacht, drehen wir den gas- und ölhahn zu also kuscht euch gefälligst das nennt sich dann demokratie und freiheit.
3.
regensommer 17.08.2012
Als Schröder mal meinte Putin wäre lupenrein, war klar dass Restrußland vor dem demokratischen Ende steht.
4.
Hirschmann12 17.08.2012
Zitat von jura12Eine schwache Staatsführung schlägt um sich und kämpft ums Überleben. Russland fällt endgültig zurück in die Dunkelheit.
Na wenn Sie das glauben... Sie sollten sich mal anschauen wie seit Jahren Gegner mundtod gemacht werden. Wenn es nicht durch Drohung geht, werden sie öffentlich diffamiert, bis von Schägern verprügelt. Das Problem ist Russland ist so down, daß sich die meisten einen starken Mann wie Putin wünschen und genau das ist der Trick. Lasse nichts funktionieren ohne dich und streue die Meinung, daß nur Du es richten kannst. und die Leute greifen nach den Strohalm....... Das hat immer schon funktioniert
5. zu jura12!
demokratischersozialist 17.08.2012
Machen sie sich da mal keine falschen Hoffnungen! Aus welchen Grund sollte die Russische Staatsmacht um das Ueberleben kaempfen? Mir ist nicht bekannt, das es in Russland auch nur eine ernst zunehmende Kraft geben wuerde, die faehig waere der russischen Staatsmacht auch nur annaehernd gefaehrlich zu werden! Es gibt zwar ein paar Oppositionelle aber die sind schon untereinander so zerstritten, das sie es nicht einmal fertig bringen irgend eine gemeinsame Basis oder gar ein Programm fuer die Zukunft zu erarbeiten! Das einzige was diese Opposition von sich geben kann, ist der Spruch, -Putin muss weg-! Aber damit holen sie keinen Menschen mehr hinter den Ofen hervor!!
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