Berufungsverfahren in Moskau: Gericht vertagt Prozess um Pussy Riot

Verschoben auf den 10. Oktober: In Moskau hat ein Gericht das Berufungsverfahren der regierungskritischen Punkband Pussy Riot überraschend vertagt. Grund sind Unklarheiten um den Rechtsbeistand.

DPA

Moskau - Das Berufungsverfahren gegen die drei russischen Sängerinnen der regierungskritischen Punkband Pussy Riot dauerte am Montag nicht lange: Nach etwas mehr als einer Stunde wurde das Verfahren auf den 10. Oktober vertagt. Das Gericht in Moskau folgte damit dem Antrag einer der jungen Frauen, die sich von ihren Anwälten trennte und damit zurzeit keinen Verteidiger hat.

Jekaterina Samuzewitsch beantragte zu Beginn der Anhörung am Montagmorgen, den Anwalt zu wechseln. Die Richter lehnten die Eingabe zunächst ab, boten ihr aber wenig später an, eine förmliche Ablehnung ihrer Verteidiger zu beantragen. Laut Interfax erklärten die beiden anderen Musikerinnen, keinen Antrag auf Ablehnung ihrer Verteidiger stellen zu wollen.

Die inhaftierten Musikerinnen waren Mitte August wegen einer regierungskritischen Aktion in einer Moskauer Kirche zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt worden.

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Prozess gegen Pussy Riot: Polit-Punks hinter Rauchglas
Die Verteidiger der Frauen gehen nicht davon aus, dass die Berufung Erfolg hat, sondern rechnen maximal mit einer Reduzierung der Haftstrafe um sechs Monate. Der Fall löste international Kritik aus und führte zu weltweiten Solidaritätsbekundungen für die jungen Frauen.

So lief die Gerichtssitzung - das Minutenprotokoll:

+++ Polizei nimmt Demonstranten fest +++

[10.50 Uhr] Vor dem Gerichtsgebäude nimmt die Polizei mehrere Menschen fest, die mit aufblasbaren Puppen eine schärfere Verurteilung der drei Frauen gefordert hatten. Sie kritisierten die internationale Unterstützung für Pussy Riot als "Politschwindel". Dagegen zeigten zahlreiche andere Demonstranten ihre Sympathie für die drei Frauen.

+++ Gericht vertagt Sitzung +++

[10.13 Uhr] Das Gericht beschließt, dass Samuzewitsch erst dann wieder vor Gericht erscheinen muss, wenn sie einen offiziell bestellten Anwalt hat. Die Sitzung wird geschlossen, das Verfahren wird vertagt auf den 10. Oktober um 11 Uhr im selben Saal 338 des Moskauer Gerichts.

+++ Tolokonnikowa sucht Blickkontakt mit ihrem Mann +++

[10.05] Vor dem Glaskäfig, in dem die Pussy-Riot-Bandmitglieder sitzen, haben sich drei Polizisten postiert. Von den Besucherbänken sind die drei Frauen kaum zu sehen. Tolokonnikowa sucht den Blickkontakt mit ihrem Mann Pjetr Wersilow. Der sitzt in der ersten Reihe.

+++ Anwältin der Geschädigten wirft Pussy Riot Verzögerungstaktik vor +++

[10.00 Uhr] Die Anwältin der Geschädigten wirft Samuzewitsch vor, mit ihrem Antrag den Prozess verzögern zu wollen.

+++ Großer Andrang vor dem Gericht +++

[9.56 Uhr] Vor dem Eingang zum Gericht haben sich mehr als hundert Vertreter verschiedener politischer und gesellschaftlicher Gruppierungen versammelt. Auch viele Unterstützer der Punkband sind darunter. Aber auch russisch-orthodoxe Gläubige sind gekommen, um ihre Meinung kundzutun. Sie sitzen und beten still, einige rufen: "Christus ist auferstanden!" Zwischen dem Anwalt Mark Feigin und den bulligen Gerichtsdienern entwickelt sich ein Wortgefecht: "Bürger, drei Schritte zurück", ruft der Gerichtsdiener. "Ich schreibe eine Beschwerde", kontert der Anwalt.

+++ Gericht befragt Bandmitglieder +++

[9.36 Uhr] Tolokonnikowa und Aljochina werden nach ihren Anwälten gefragt. Sie erklären, dass sie von den Anwälten Fejgin, Wolkowa, Torokuchin vor Gericht vertreten werden - und betonen, dass die Verhandlung nicht stattfinden könne, wenn Samuzewitsch keine juristische Vertretung hat. Die Verhandlung wird erneut unterbrochen.

+++ Samuzewitsch will neuen Anwalt +++

[9.20 Uhr] Jekaterina Samuzewitsch verzichtet auf die Dienste ihrer Anwältin Violetta Wolkowa. Sie begründet dies damit, dass sie mit ihr in bestimmten Positionen nicht übereinstimmt. Laut ihrer Aussage hat sie einen neuen Anwalt, der aber noch nicht offiziell bestellt ist. Das Gericht will von Samuzewitsch wissen, worin die Uneinigkeit mit der Anwältin bestehe. Darauf gibt Samuzewitsch keine Antwort. Das Gericht legt eine kurze Verfahrenspause ein. Die Anwälte hatten schon am Sonntagabend berichtet, es werden von Verwandten Druck auf Samuzewitsch ausgeübt, die Anwälte zu wechseln.

+++ Bewaffnete Polizisten patrouillieren im Gerichtssaal +++

[9.10 Uhr] Nadeschda Tolokonnikowa, 22, Maria Aljochina, 24, und Jekaterina Samuzewitsch, 30, sitzen in einer mit getönten Scheiben abgedunkelten Zelle. Im Gerichtssaal patrouillieren Sicherheitskräfte mit Maschinenpistolen.

+++ Anwalt lehnt Forderungen der orthodoxen Kirche ab +++

[8.35 Uhr] Ein Anwalt der Pussy Riots hat die Forderungen der orthodoxen Kirche nach Buße zurückgewiesen. "Falls mit Buße ein Schuldeingeständnis gemeint ist, so ist das sehr unwahrscheinlich", sagte Verteidiger Mark Fejgin am Montag. Die jungen Frauen hätten stets klargemacht, dass sie ihr umstrittenes Punk-Gebet gegen Kremlchef Wladimir Putin in einer Kirche als politische Performance sehen.

+++ Anhänger und Gegner wollen protestieren +++

[7.54 Uhr] Vor der Berufungsverhandlung gegen drei Mitglieder der russischen Polit-Punkband Pussy Riot hat die Moskauer Polizei rund um das Gericht ein Großaufgebot zusammengezogen. Streifenwagen patrouillierten die Umgebung, wie die Agentur Interfax am Montag meldete. Anhänger und Gegner der inhaftierten Frauen haben Proteste angekündigt. Das Gericht soll das Urteil prüfen. Die Frauen waren nach einem Punk-Gebet gegen Kremlchef Wladimir Putin in einer Kirche zu je zwei Jahren Straflager verurteilt worden. Der Richterspruch wegen Rowdytums aus religiösem Hass hatte weltweit für Empörung gesorgt. Die Anwälte kritisieren das Urteil als politisch motiviert.

ala/beb/hen/dpa/dapd

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insgesamt 82 Beiträge
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1. Sorry Spon
seine-et-marnais 01.10.2012
Zitat von sysopDie russische Justiz entscheidet über die Berufung der drei inhaftierten Bandmitglieder von Pussy Riot. Wird die zweijährige Haftstrafe bestätigt? Die Polizei schützt das Gericht mit einem Großaufgebot. Verfolgen Sie die aktuellen Entwicklungen im Live-Ticker. Liveticker zum Pussy-Riot-Berufungsverfahren - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/liveticker-zum-pussy-riot-berufungsverfahren-a-858859.html)
Ist das nicht ein wenig zu viel an Aufmerksamkeit?
2. falscher weg
aueronline.eu 01.10.2012
Ich bin nicht an irgendeine Religion gebunden, doch finde ich es falsch, andre Leute religiöse Überzeugung mit Füssen zu treten. In der Sache finde ich die Mädels aber gut und mutig. Strafe muss sein, aber angemessen. Dass hinter medjedews Forderung auch Putin steht, der korrigieren muss aber nicht offen eingestehen kann, leuchtet ein und auf. Lasst den Typ sein Gesicht wahren, M. Rudert für ihn zurück und fertig.
3.
wschwarz 01.10.2012
Zitat von sysopDie russische Justiz entscheidet über die Berufung der drei inhaftierten Bandmitglieder von Pussy Riot. Wird die zweijährige Haftstrafe bestätigt? Die Polizei schützt das Gericht mit einem Großaufgebot. Verfolgen Sie die aktuellen Entwicklungen im Live-Ticker. Liveticker zum Pussy-Riot-Berufungsverfahren - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/liveticker-zum-pussy-riot-berufungsverfahren-a-858859.html)
Nach ihrer Haft werden sie Vorgruppe bei Madonna, ihre Bücher werden zu Bestsellern, sie werden in Talk-Shows sitzen.
4.
_stordyr_ 01.10.2012
Zitat von sysopDie russische Justiz entscheidet über die Berufung der drei inhaftierten Bandmitglieder von Pussy Riot. Wird die zweijährige Haftstrafe bestätigt? Die Polizei schützt das Gericht mit einem Großaufgebot. Verfolgen Sie die aktuellen Entwicklungen im Live-Ticker. Liveticker zum Pussy-Riot-Berufungsverfahren - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/liveticker-zum-pussy-riot-berufungsverfahren-a-858859.html)
Es ist halt quasi das Mutterland der Demokratie :) Wer erwartet hier etwas anderes, als einen weiteren Schauprozess, in dem das neue Zarenregime seine Macht demonstriert?
5. Na ja. Erst müssen die Mädels die Haft überstehen.
alex300 01.10.2012
Zitat von wschwarzNach ihrer Haft werden sie Vorgruppe bei Madonna, ihre Bücher werden zu Bestsellern, sie werden in Talk-Shows sitzen.
Praktisch alle Häftlinge in Russland sind RPK-Fanatiker, so was wie Orthodoxe Taliban. Nur wenn die Mädels von den anderen komplett abgeschirmt bleiben, haben sie eine Chance zum überleben. Ob Putin das zulässt? Also, die westlichen Medien dürfen sie nicht im Stich lassen! Auf jeden Fall weiter berichten!
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Pussy Riot: Punk gegen Putin

Bevölkerung: 142,958 Mio.

Fläche: 17.098.200 km²

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

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