Kommerzschlacht um Pussy Riot: Mode, Masken, Puppen - und der schnelle Rubel

Von , Moskau

Während Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Aljochina im Straflager sitzen, versucht ihr Anwalt, die Marke Pussy Riot rechtlich schützen zu lassen. Es geht um T-Shirts, Bücher, DVDs und Spielzeug mit dem Logo der jungen Frauen - Geschäftemacher hoffen auf den schnellen Pussy-Rubel.

Pussy-Riot-Mode: Masken, Shirts, Fingerpuppen Fotos
DPA

Für das US-amerikanische "Time Magazine" zählen sie zum Kandidatenkreis für die Kür zur "Person des Jahres". "Wann hat das letzte Mal eine Rockband die Welt verändert", fragen die Journalisten von "Foreign Policy" und setzen Pussy Riot auf Platz 16 - knapp hinter Bundeskanzlerin Angela Merkel - der Liste der hundert einflussreichsten Menschen der Welt.

Es stimmt ja. Verhaftung, Prozess und Verurteilung der russischen Protestgruppe haben weltweit Aufsehen erregt. Ein Dutzend TV-Übertragungswagen stand während der Berufungsverhandlung Mitte Oktober vor dem Moskauer Gericht. Pussy Riot bewegten die Massen, vor allem im Ausland, weil der Prozess die verworrene und verfahrene Lage in Putins Russland scheinbar auf ein einfaches Bild reduzierte: drei junge Frauen, eingesperrt in einen Glaskäfig, gegen den übermächtigen Staat.

Der Fall Pussy Riot ist groß geworden, vielleicht zu groß für seine Protagonisten. Er ruft Trittbrettfahrer auf den Plan, Geschäfte- und Stimmungsmacher. Pussy Riot droht die Deutungshoheit in eigener Sache zu entgleiten, während Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Aljochina ihre zweijährige Haftstrafe verbüßen, in Strafkolonien, weit entfernt von Moskau.

Es geht um Spielzeug mit Pussy-Riot-Logo, Kleidung und DVDs

Mark Feigin, im Prozess Verteidiger der Frauen, hat nun versucht, die Marke Pussy Riot rechtlich schützen zu lassen. Eine Firma namens Web-Bio reichte einen entsprechenden Antrag beim russischen Patentamt ein, das Unternehmen ist registriert auf den Namen von Feigins Frau. Es ging um Rechte an Spielzeug mit Pussy-Riot-Logo, Kleidung und DVDs.

Das Patentamt lehnte das Ansinnen ab, Maria Aljochina und Nadeschda Tolokonnikowa feuerten ihren Anwalt. Er hatte behauptet, im Namen der Bandmitglieder gehandelt zu haben. Pussy Riot bestreiten das vehement. Laut Berichten der Moskauer Tageszeitung "Kommersant" hat die Firma von Feigins Frau bereits einen Vertrag mit einer britischen Produktionsfirma über einen Film geschlossen, der Wert soll sich auf 200.000 Pfund belaufen.

Während des Prozesses hatten sich Größen des Pop und Rock für Pussy Riot stark gemacht. Möglicherweise hat der Einsatz sich aber für die Stars mehr gelohnt als für die inhaftierten Frauen. Madonna verkauft jetzt in ihrem Online-Fan-Shop auch Pussy-Riot-Shirts für 19,95 Dollar das Stück. Es gebe zwar kein formales Abkommen, sagt Tolokonnikowas Ehemann Pjotr Wersilow. Madonna werde aber sicher in Zukunft Gelder "für die Belange der Inhaftierten" überweisen.

Ehemann begeht "Verrat an der Idee des Punk"

Wersilow hatte im September in New York stellvertretend für Pussy Riot den Lennon-Ono-Friedenspreis entgegengenommen, überreicht von Yoko Ono. Um höhere Honorare herauszuschlagen verweist Wersilow in Verhandlungen mitunter auf "drängenden Bedarf unseres 'Free Pussy Riot Campaign Fund'".

Die Geschäftstüchtigkeit ihres Ehemanns ging selbst seiner Frau Nadeschda Tolokonnikowa zu weit. In einem vom Radiosender Echo Moskau veröffentlichten Brief warf sie ihm "Verrat an der Idee des Punk und an Pussy Riot" vor.

"Stoppt den Wahnsinn" schrieb sie in einem zweiten Brief, der dem Vermarktungsstreit gewidmet war. "Stoppt die Streitigkeiten über die Marke! Stoppt die Registrierung der Marke! Geld ist Staub."

Geholfen hat es wenig. Mitte November kam das erste Buch über den Fall auf den Markt. "Pussy Riot: Was war das?" stand auf dem Cover, darüber der Name von Nadeschda Tolokonnikowa. Das suggerierte einen Bericht aus erster Hand, in Wahrheit enthielt das Buch aber nur dreist aus dem Internet zusammenkopierte Beiträge, veröffentlicht ohne das Einverständnis der Autoren.

In Deutschland hat der Nautilus-Verlag in dieser Woche auch ein Buch herausgebracht: "Ein Punk-Gebet für die Freiheit", 9,90 Euro, eine Materialsammlung mit Briefen der Inhaftierten, Interviews und "Solidaritätsadressen von Yoko Ono, JD Samson u.v.a.", wie der Verlag wirbt.

Steilvorlagen für die Kreml-Propaganda

Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" hat Hunderte Fan-Artikel bei der Online-Börse Ebay gezählt. Beim Versandhändler Amazon sind es immerhin noch 68 Treffer für "Pussy Riot", darunter viele T-Shirts und Pullover mit der Aufschrift "No pasaran", dem antifaschistischen Schlachtruf, den Tolokonnikowa oft im Gerichtssaal auf einem T-Shirt trug.

Die Trennung von dem Verteidiger-Trio um Mark Feigin, dem Anwalt mit dem gescheiterten Patent-Anspruch, ist schmutzig. Jekaterina Samuzewitsch, die dritte angeklagte Pussy-Riot-Aktivistin, hatte sich während der Berufungsverhandlung mit den Juristen überworfen. Als sie den Rechtsbeistand wechselte kam sie auf Bewährung frei.

Seitdem fordert die 30-Jährige, Feigin die Anwaltslizenz zu entziehen. Der wiederum wehrt sich mit der Behauptung, Samuzewitsch habe einen Deal mit Putins Geheimdienst geschlossen: Als Gegenleistung für eine Freilassung habe Samuzewitsch eingewilligt in eine "bestellte Lügen- und Verleumdungs-Kampagne", sagt Feigin. "Dafür hat man sie rausgelassen".

Die immer neuen Volten in der Schlammschlacht um Pussy Riot sind Steilvorlagen für die Kreml-Propaganda. "Das Projekt Pussy Riot tritt in seine letzte Phase ein," ätzt die regierungstreue Tageszeitung "Iswestija": "Abschöpfung und Abrechnung des Profits."

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1. Symbole
Anton T 01.12.2012
Die großartigen Pussy Riot-Frauen können nix dafür, daß es Trittbrettfahrer gibt, die mit der Popularität der Gruppe Geld machen wollen. Die für russische Verhältnisse epochale politische Leistung und die Integrität dieser mutigen Frauen bleiben davon unberührt. Pussy Riot haben Geschichte geschrieben, sie sind zum Symbol für Freiheit und Menschenrechte geworden, in Russland und der ganzen Welt. Pussy Riot werden weitermachen, ihnen wird die Sympathie der Welt gehören, sie stehen für ein humanes und modernes Russland. Putin ist in der Welt bekannt als mafiöser Diktator, als Symbol für den kriminellen Teil Russlands.
2. optional
sobollo 01.12.2012
the american way of life in russia?
3.
tubolix 02.12.2012
Zitat von sysop"Wann hat das letzte Mal eine Rockband die Welt verändert", fragen die Journalisten von "Foreign Policy" und setzen Pussy Riot auf Platz 16 - knapp hinter Bundeskanzlerin Angela Merkel - der Liste der hundert einflussreichsten Menschen der Welt.
muß man angst vor der zukunft haben wenn leute wie Pussy Riot an einfluß gewinnen ? das der ganze prozess eine farce ist steht ausser frage aber dennoch sollte man nicht vergessen wie es dazu kam.
4. Ein paar Mutige sollten etwas ähnliches einmal
almabu 02.12.2012
in einer Kirche in den USA versuchen! Danach wüssten sie garantiert alles über den "American Way Of Life"! Die Frage wäre nur, ob sie's noch erzählen könnten oder wann..?
5. genau das
Anton T 02.12.2012
"Für das US-amerikanische "Time Magazine" zählen sie zum Kandidatenkreis für die Kür zur "Person des Jahres". Das wäre eine wichtige und richtige Geste, wenn ein Jahr nach dem "arabischen Demonstranten" Pussy Riot zur "Person of the year" gewählt werden würden. Die Kuratoren des Lutherpreises sind vor ein paar hinterwäldlerischen Pfaffen aus dem eigenen Verein eingeknickt. Und Pussy Riot hätten derlei Preise tatsächlich verdient, sind diese Frauen doch ein Vorbild an Zivilcourage und ein Sinnbild für Zivilgesellschaft. Pussy Riot ist zum globalen Symbol für Freiheit und Menschenrechte geworden. Ich muß zugeben, ich hätte nie und nimmer gedacht, daß eine solche Leistung ausgerechnet in Russland erbracht werden würde. Wer in einem aggressiven und gefährlichen Umfeld wie in Russland das tut, was Pussy Riot tut, verdient die Unterstützung von allen aufrechten Demokraten und Freunden der Freiheit auf dieser Welt. Die Amerikaner machen es richtig. Der Magnitsky Act sanktioniert Putins kriminelle Handlanger durch Einreiseverbot und Einfrieren von deren Konten. Durch Auszeichnungen an Leute wie Pussy Riot würde die russische Zivilgesellschaft gestärkt werden. Genau das hat der Westen in den letzten Jahren sträflich vernachlässigt. Free Pussy Riot!
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