Pussy Riot Gesetze, Sex und Blaubeerkuchen

"Anleitung für eine Revolution" nennt Pussy-Riot-Mitgründerin Tolokonnikowa ihr ebenso unterhaltsames wie politisches Buch. Die Aktivistin hat erkannt, dass Russlands Hauptproblem nicht Putin ist, sondern die Gesellschaft.

Aktivistin Tolokonnikowa: "Lies keine Nachrichten, mach sie!"
AFP

Aktivistin Tolokonnikowa: "Lies keine Nachrichten, mach sie!"

Von und , Moskau


Ihr Buch, so erzählt Nadeschda Tolokonnikowa in ihrer Moskauer Altbauwohnung, habe sie zu einem guten Teil im Flugzeug geschrieben. "Das Internetzeitalter lässt mich nicht richtig zu Ruhe kommen, ständig Anrufe, ständig neue Nachrichten auf dem Smartphone", sagt sie. "Nach den zwei Jahren hatte ich da wohl auch digitalen Nachholbedarf und habe es etwas übertrieben." Erst in den vergangenen Monaten habe sie sich vom Onlinezwang wieder befreien können.

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Ihr Buch "Anleitung für eine Revolution" ist dennoch oder vielleicht gerade deshalb ein perfektes Internet-Zeitalter-Werk. Die Autorin hat es in 198 Lesehäppchen gegliedert, die mitunter nur wenige Zeilen umfassen, höchstens aber anderthalb Seiten lang sind.

Das Buch ist eine Mischung aus Autobiografie und Revolutionspamphlet. Es prangert die Verhältnisse in russischen Gefängnissen an und das korruptes Herrschaftssystem, dem sie Anfang des Monats ihren neuen Clip gewidmet hat.

Passagen über Tolokonnikowas Kindheit in Nordsibirien, über ihre ersten Skandalperformances, ihre Lagerhaft und die politische Situation in Russland wechseln in ihrem Buch mit eingestreuten Liedtexten und kurzatmigen Slogans ab. "Lies keine Nachrichten, mach sie!", steht dann da oder "Lebe so, dass dein Leben ein Filmplot werden könnte." Oder: "Diktatur tötet."

Tolokonnikowas Buch wird im Westen mit Interesse und Begeisterung aufgenommen werden. "In Russland aber wird sich kein Verlag trauen, es zu veröffentlichen", sagt sie. "Wir arbeiten daran, es mit der Unterstützung eines wohlhabenden Sympathisanten im Selbstverlag herauszubringen."

Jubel für Designerkleider

Ihr Buch und das Phänomen Pussy Riot generell stehen deshalb auch für die lange Geschichte fundamentaler westlicher Fehleinschätzungen gegenüber Russland. Diese Kette von Irrtümern und Missverständnissen hat letztlich zu einem neuen Kalten Krieg in Europa und dem gar nicht so kalten, sondern gefährlich heißen Krieg in der Ostukraine geführt.

In den Achtzigerjahren bejubelten die Menschen von Paris bis New York Raissa, die Frau des Generalsekretärs Michail Gorbatschow. Mit ihren teuren Designerkleidern galt sie als Verkörperung einer modernen, nicht länger Furcht erregenden Sowjetunion. In Russland aber war Raissa wegen ihrer Extravaganz und ihrer Einmischungen in die Politik verhasst.

Und je stärker die Gorbimania in Bonn und London anschwoll, die Begeisterung über den Mann, der die Berliner Mauer und den Eisernen Vorhang gleichsam im Alleinhang einriss, desto einsamer wurde es um Gorbatschow in seiner eigenen Heimat. Den Auseinanderfall der Sowjetunion und den Verlust des Imperiums haben ihm die Russen bis heute nicht verziehen.

Die Frauen von Pussy Riot schließlich werden im Westen als Kämpferinnen gegen das autoritäre Kreml-Regime gefeiert, "gleichsam als letzte Hoffnung für den zivilisierten Rest der Menschheit", wie das Kreml-Propagandablatt "Komsomolskaja Prawda“ höhnt. Madonna und Hollywoodgrößen unterstützen Pussy Riot als Ikonen der Freiheit, Hillary Clinton und die amerikanische Uno-Botschafterin trafen die Frauen. Russlands Uno-Botschafter erregte sich: "Amerika soll doch einmal Pussy Riot-Konzerte in einer Washingtoner Kathedrale, an der Klagemauer oder in Mekka organisieren."

Putin und die Geheimdienste

Als im Winter 2011/2012 Hunderttausende Moskauer gegen Wahlfälschungen und gegen eine Rückkehr Putins in den Kreml demonstrierten, berichteten westliche Medien so, als hätte der Sturz Putins unmittelbar bevorgestanden. Seinen Rückhalt in den Geheimdiensten, im Militär und in der konservativen Bevölkerungsmehrheit aber hatte Putin nicht verloren.

Anders als der Westen hat Tolokonnikowa erkannt, dass nicht Putin das Hauptproblem ist, sondern die russische Gesellschaft. Deshalb will sie nun eine künstlerische Kehrtwende einleiten: weg von der intellektuellen Elite, hin zum Volk. Weniger Subkultur, mehr Mainstream.

Das war bei einem Untergrundkonzert kürzlich in Moskau zu beobachten und in Gesprächen zu erkennen, die der SPIEGEL mit Tolokonnikowa führte (dazu mehr im aktuellen SPIEGEL).

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Mehr über die Pop-Dissidentin Tolokonnikowa im Video:

DER SPIEGEL

Zum Autor
Yuri Afanasiev

Matthias Schepp, 51, leitet das Moskauer SPIEGEL-Büro. Er ist seit 23 Jahren Auslandskorrespondent und berichtete außer aus Russland auch aus China und den USA. Mit der Pussy-Riot-Aktivistin Nadeschda Tolokonnikowa führte er durch einen Briefwechsel ein Interview, als sie in Lagerhaft war. Als Tolokonnikowa freigelassen wurde, gab sie Schepp das erste Interview. In der vergangenen Woche lud sie ihn zu sich nach Hause ein, um über ihren neuen Videoclip zu sprechen. Schepp ist der Autor von "Gebrauchsanweisung für Moskau" (2008) und, zusammen mit dem Fotografen Gerd George, von "Von Peking nach Berlin" (2006).

insgesamt 36 Beiträge
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irrenderstreiter 22.02.2016
1.
"Die Aktivistin hat erkannt, dass Russlands Hauptproblem nicht Putin ist, sondern die Gesellschaft." - Heureka! Der Satz hat mir den Tag versüßt, danke dafür!
-Jack- 22.02.2016
2. Wer die Gesellschaft als Problem bezeichnet,
..hat wohl selbst ein Problem.
Neophyte 22.02.2016
3. Eine clevere mutige Frau!
Leider eine rare Ausnahme in Russland, die meisten Russen werden durch PutinTV täglich mit Nationalstolz und Desinformationen gefüttert und so ruhig gestellt..
adsoftware 22.02.2016
4. Tolokonnikowa intelligenter als die Deutschen
Die Frau hat erkannt, dass verschiedene Völker verschiedene Kulturen haben. Sonst könnte man ja aus der ganzen Welt ein einziges Land mit einer einzigen Regierung machen. Fehlt nur noch die deutsche Erkenntnis, dass Russland nach russischer Art leben will, ohne dass die Moral-Apostel des westlichen Finanzkapitalismus dazwischenquatschen.
Observator 22.02.2016
5. Wer hat welches Problem?
Vielmehr hat die russische Gesellschaft ein Problem: Die Tolokonnikowa und ihre schmale, aber doch recht verstreute Anhängerschaar. Der Geisterfahrer auf der Autobahn ist auch zunächst verwundert und dann sauer darüber, dass ihm so Viele entgegen kommen.
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