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Marathonprozess in Moskau: Pussy-Riot-Sängerin kollabiert im Gerichtssaal

Sie bekommen wenig Essen und Schlaf, sind zwölf Stunden pro Tag in einem Käfig eingesperrt: Die Strapazen des Prozesses sind den regierungskritischen Musikerinnen der russischen Punkband Pussy Riot anzusehen. Eine brach vor Gericht zusammen - und musste vom Notarzt versorgt werden.

Maria Alechina am Dienstag vor dem Gericht: Am Mittwoch erlitt sie einen Schwächeanfall Zur Großansicht
AP

Maria Alechina am Dienstag vor dem Gericht: Am Mittwoch erlitt sie einen Schwächeanfall

Moskau - Am dritten Verhandlungstag in dem Prozess gegen Mitglieder der regierungskritischen russischen Punkband Pussy Riot hat eine der drei angeklagten Frauen einen Schwächeanfall erlitten. Notärzte mussten mehrfach in den Gerichtssaal eilen, nachdem mindestens eine Musikerin über schweres Unwohlsein geklagt hatte.

Als im Prozessverlauf drei Krankenwagen zum Gericht kamen, hieß es von Mitarbeitern zunächst, allen drei Frauen gehe es schlecht. Später sagte ihr Verteidiger Nikolai Polosow, die Rettungskräfte seien wegen Maria Alechina gekommen. "Sie haben ihr die notwendigen Spritzen gegeben", sagte er. Alechina sei wegen eines zu niedrigen Blutzuckerspiegels im Moskauer Gerichtssaal kollabiert. Den niedrigen Blutzuckerspiegel führte Polosow darauf zurück, dass Alechina Vegetarierin sei und sich in der Haft nicht richtig ernähren könne.

Der Anwalt bekräftigte außerdem seine Kritik an den Haftbedingungen der Musikerinnen. Die Regierungskritikerinnen hätten kaum geschlafen, wenig gegessen und an den ersten Verhandlungstagen jeweils zwölf Stunden in einem Käfig ausharren müssen. "Sie werden nach Mitternacht ins Gefängnis zurückgebracht, bekommen kein Abendessen und können dann nur wenige Stunden schlafen", sagte Polosow. Bereits zuvor hatte die Verteidigung kritisiert, die Frauen würden morgens um 5 Uhr geweckt und bekämen mitunter zwölf Stunden lang nichts zu essen. Die Musikerinnen kritisieren die Strapazen des Prozesses als "Folter".

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Pussy Riot: Neonstrümpfe vor Gericht
Doch selbst der Schwächeanfall lässt Russlands Justiz unbeeindruckt. Begleitet von den Noteinsatz-Szenen hat das Moskauer Gericht den umstrittenen Strafprozess gegen die Band fortgesetzt. Obwohl Alechina bereits am ersten Verhandlungstag nach einigen Stunden über Kopfschmerzen klagte, wurde die Verhandlung bis zum späten Abend nicht unterbrochen. Als die drei Frauen am Mittwoch in Handschellen in das Gerichtsgebäude geführt wurden, sagte Alechina jedoch, es gehe ihr gut.

Kirchenmitglieder kritisieren den Prozess als von Putin gesteuert

Den Frauen wird "Rowdytum" vorgeworfen, wofür ihnen bis zu sieben Jahre Haft drohen. Die Band hatte im Februar in einer Moskauer Kathedrale aus Protest gegen den damaligen Ministerpräsidenten und heutigen Staatschef Wladimir Putin unter anderem den Satz "Maria, Mutter Gottes - verjage Putin!" gesungen. Auch international wird der Prozess scharf kritisiert und als politisch motiviert angesehen.

Der Prozess spaltet auch die russische Gesellschaft. Ein Politiker der regierenden Partei Geeintes Russland und ein bekannter Geistlicher kritisierten öffentlich die Verhandlung. "Je länger der Prozess dauert, umso mehr wird er zum Symbol für Justizwillkür in Russland", schrieb der Politiker Waleri Fedotow aus St. Petersburg, der Heimatstadt von Kreml-Chef Wladimir Putin, in einem Internetblog. Er wolle zeigen, dass nicht alle in der Partei "solch mittelalterliche Fanatiker sind".

Die Protestaktion der Frauen gegen Putin in einer Moskauer Kirche habe zwar viele gekränkt, sei aber kein Grund für eine Gefängnisstrafe, betonte Fedotow. Der Geistliche Andrej Kurajew sagte, auch in Kirchenkreisen gehe die Vermutung um, der Prozess sei von Putins Umfeld gesteuert.

Die Verteidigung warf der Staatsanwaltschaft eine "gefälschte Anklage" vor. Einige Nebenkläger seien mit völlig identischen Aussagen zitiert, "bis hin zum gleichen Druckfehler", sagte ein Verteidiger. Richterin Marina Syrowa wies aber erneut einen Befangenheitsantrag gegen sich ab. Zudem räumte sie der Verteidigung nicht mehr Zeit zum Studium der 3000 Seiten umfassenden Anklage ein.

lgr/dpa/AFP

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1. Gar nicht gut
Europa! 01.08.2012
Zitat von sysopAPSie bekommen wenig Essen und Schlaf, sind zwölf Stunden pro Tag in einem Käfig eingesperrt: Die Strapazen des Prozesses sind den regierungskritischen Musikerinnen der russischen Punkband Pussy Riot anzusehen. Eine brach vor Gericht zusammen - und musste vom Notarzt versorgt werden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,847719,00.html
Putin und seine Anhänger wären gut beraten, wenn sie die Staatsanwaltschaft zurückpfeifen würden. Drei junge Musikerinnen, mit denen sich die Jugend der ganz Welt identifizieren kann, zu Märtyrerinnen zu machen, ist so ziemlich das Dümmste, was man als Präsident tun kann.
2.
brazzo 01.08.2012
Zitat von sysopAPSie bekommen wenig Essen und Schlaf, sind zwölf Stunden pro Tag in einem Käfig eingesperrt: Die Strapazen des Prozesses sind den regierungskritischen Musikerinnen der russischen Punkband Pussy Riot anzusehen. Eine brach vor Gericht zusammen - und musste vom Notarzt versorgt werden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,847719,00.html
Ich möchte in keinem Land leben, in dem Rowdytum mit 7 Jahren bestraft wird... 3000 Seiten Anklageschrift... Realsatire pur. Die Namen des Politiker und des Geistlichen sollte man sich merken. Da kommt demnächst bestimmt was. Steuervergehen oder so.
3. 40
Anton T 01.08.2012
Der Auftritt in der Kirche dauerte 40 Sekunden, dann wurden die jungen Frauen von den Ordnern aus der Kirche hinausgeführt. Sie wurden nicht der Polizei übergeben, es gab keine Anzeige. Niemand in der Kirche war "beleidigt" noch wurden "religiöse Gefühle verletzt". Die Ordner sahen in dem Auftritt in der Kirche offensichtlich keinen Gesetzesverstoß. Ein paar Tage später wurde auf youtube das Video eingestellt mit Text und Musik. Putin wird darin kritisiert, die Gottesmutter möge Feministin werden und den Putin fortjagen. Und dafür gibt es jetzt 3000(!) Seiten Anklageschrift und einen grotesken Prozeß, der in der gesamten Welt und von großen Teilen der russischen Gesellschaft kritisiert wird. Der Prozeß trägt die Handschrift der unerbittlichen Härte des russischen Diktators Wladimir Putin. Er will Rache, er will Abrechnung mit seinen Gegnern und Kritikern. Russland ist eine Diktatur.
4. Putin hat Angst vor 3 Mädels
theresia 01.08.2012
und schaut zu, wie in Syrien Tausende sterben. Eben ein, lt.Ex-Schröder, ein lupenreiner Demokrat.
5.
Jondo 01.08.2012
Und Mütterchen Russland schüttelt den Kopf. Und weint. Hinter vorgehaltener Hand. Nachher ist das plötzlich auch verboten.
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Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

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