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Neuer Protest-Clip von Pussy Riot: In Netzstrümpfen gegen Putin

Von und Denis Synjakow (Fotos), Moskau

Pussy Riot

Sie trägt zur Uniform rote High Heels und Netzstrümpfe: Pussy-Riot-Aktivistin Tolokonnikowa prangert in einem neuen Videoclip die Machenschaften von Russlands Generalstaatsanwalt Tschaika an.

Gleich hinter der Haustür wartet die erste Überraschung. Neben schwarzen Winterschuhen stehen High Heels mit zehn Zentimeter hohen Absätzen, ein Paar ist rot, das andere rosa. Willkommen in der Wohnung von Russlands bekanntester Feministin, der Politaktivistin und Pussy-Riot-Musikerin Nadeschda Tolokonnikowa.

"Die Schühchen sind nur Requisiten für unseren neuesten Clip", sagt sie. "Im Alltag ziehe ich so was nicht an." Natürlich könne jede selbstbestimmte Frau sich für Kleider ihrer Wahl entscheiden. "Aber wenn ich Frauen in High Heels sehe, möchte ich sie immer Huckepack nehmen. Sie tun mir leid, weil das Laufen so unbequem ist", sagt sie.

Tolokonnikowa trägt eine schwarze Trainingsanzugshose, schwarz-weiß gestreifte Socken und ein braunes T-Shirt mit der Aufschrift "Matriarchat jetzt". In der Küche sitzen ihr Mann Pjotr Wersilow, eine Freundin und ein Regisseur, mit dem sie zusammenarbeitet.

In den vergangenen Monaten war es still geworden um die Punk-Aktivisten von Pussy Riot. Das soll sich nun mit der Veröffentlichung eines neuen, viereinhalb Minuten langen Videoclips ändern, den SPIEGEL ONLINE vorab exklusiv sehen konnte.

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Pussy Riot: Rap-Angriff auf das System Putin
Mit dem im Studio aufgenommenen Rap "Tschaika" versucht Tolokonnikowa, über das Internet in Russland eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen. Denn das Staatsfernsehen sowie die vom Kreml kontrollierten Zeitungen und Radiosender ignorieren ihre Aktivitäten. Sie berichten weder über ihre Teilnahme an Solidaritätskonzerten für politische Gefangene noch über die von Pussy-Riot-Mitgliedern gegründete Bürgerrechts-Organisation "Zona Prawa", Zone des Rechts. Mit ihr setzen sich Tolokonnikowa und Marija Aljochina seit ihrer Freilassung aus der Lagerhaft im Dezember 2013 für die Rechte von Häftlingen ein.

Der Clip, in dem die Machenschaften von Generalstaatsanwalt Jurij Tschaika angeprangert werden, ist ein musikalischer Frontalangriff auf das System Putin. Tschaika steht im Verdacht, über seine Familie Kontakt zu Kriminellen und Mafiakreisen gepflegt zu haben.

Das Video steht aber auch für einen Strategiewechsel und Imagewandel, der nicht jedem Pussy-Riot-Anhänger gefallen dürfte: Weg von überfallartigen Aktionen im öffentlichen Raum wie beim berühmten Punk-Gebet in der Moskauer Christus-Erlöser-Kathedrale, für die drei Pussy-Riot-Mitglieder in Haft kamen. Stattdessen hin zum Massenpublikum. Auch dürfte die Frage gestellt werden, wie das Spiel mit dem Sex zu einer Feministin passt: Am Ende des Clips rekelt sich Tolokonnikowa lasziv in schwarzen Netzstrümpfen vor einem Ölporträt des russischen Präsidenten. Sie trägt knallrot geschminkte Lippen zur Schau, statt der für die frühen Pussy-Riot-Auftritte typischen Sturmhauben aus Wolle.

"Mein Seelenführer hat mir gesagt, Familienwerte gelten als heilig", singt Tolokonnikowa in Anspielung auf die von Putin bei öffentlichen Auftritten vertretene Moral. Ihre beiden Mitstreiterinnen von damals, Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch, sind nicht mehr dabei. Stattdessen engagierte Tolokonnikowa Schauspieler und Tänzerinnen.

Salzlager statt Weihnachtsbaum

Mit Ironie und Sarkasmus greift Tolokonnikowa auf, wie Russlands Generalstaatsanwalt diese "heiligen" Familienbande interpretiert. Sie schlüpft in die Rolle des Generalstaatsanwalts und singt: "Mein Sohn wünscht sich zu Weihnachten keinen Weihnachtsbaum, sondern eine Salzlagerstätte" - damit ist also eine lukrative Geldquelle gemeint.

Jurij Tschaika ist seit 2006 Generalstaatsanwalt und war davor sieben Jahre lang Justizminister. Beide Söhne des Generalstaatsanwalts stehen im Ruf, sich mithilfe des Netzwerks ihres Vaters und krimineller Methoden bereichert zu haben. Darüber hat der Oppositionsführer und Anti-Korruptions-Blogger Alexej Nawalny Anfang Dezember einen Film veröffentlicht. Demnach soll sich Tschaikas ältester Sohn Artjom, 41, eine Werft im sibirischen Irkutsk mit brachialen Methoden angeeignet haben. Der alte Direktor der Firma, der sich dem Verkauf widersetzte, wurde ermordet aufgefunden.

Die damalige Frau von Tschaikas Stellvertreter soll mit seinem ältesten Sohn vor Jahren ein Hotel in Griechenland gekauft und mit einer für ihre brutalen Morde berüchtigten Mafiabande in Südrussland Geschäfte gemacht haben.

Igor, der jüngere Sohn des Generalstaatsanwalts, ist 27 Jahre alt, aber bereits Multimillionär. Seine Firmen erhalten zahlreiche Staatsaufträge.

Tschaika bezeichnet die Vorwürfe von Vetternwirtschaft, Korruption und Mordkomplotten als Verschwörung westlicher Geheimdienste und des US-Investors Bill Browder, gegen den er ermittelt hatte.

Nach einer Umfrage des angesehenen Moskauer Meinungsforschungsinstituts Lewada haben zwei Drittel der Russen noch nichts von den Enthüllungen über den Clan des Generalstaatsanwalts gehört. Mit ihrem Video will Tolokonnikowa das ändern.

Das neues Musikvideo von Pussy Riot in voller Länge:

Pussy Riot
Den kompletten Song-Text in deutscher Übersetzung finden Sie hier.
Zum Autor
Yuri Afanasiev

Matthias Schepp, 51, leitet das Moskauer SPIEGEL-Büro. Er ist seit 23 Jahren Auslandskorrespondent und berichtete außer aus Russland auch aus China und den USA. Mit der Pussy-Riot-Aktivistin Nadeschda Tolokonnikowa führte er durch einen Briefwechsel ein Interview, als sie in Lagerhaft war. Als Tolokonnikowa freigelassen wurde, gab sie Schepp das erste Interview. In der vergangenen Woche lud sie ihn zu sich nach Hause ein, um über ihren neuen Videoclip zu sprechen. Schepp ist der Autor von "Gebrauchsanweisung für Moskau" (2008) und, zusammen mit dem Fotografen Gerd George, von "Von Peking nach Berlin" (2006).

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 42 Beiträge
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1. Ist das Kunst oder kann das weg?
themistokles 03.02.2016
Zugegeben, ich verstehe den Inhalt nicht. Aber alleine die "musikalische" Untermalung und der gesprochene Text (kein Sprechgesang!) schrecken schon ab. Mit Musik hat das alles am allerwenigsten zu tun. Sorry, aber das können andere besser.
2. Frage:
ernstmoritzarndt 03.02.2016
Dauert es zwei oder 3 Wochen, bis Frau Tolokonnikova wieder im russischen Knast sitzt? Evtl. ist auch die Frage erlaubt, wie lange sie die Publikation ihres Filmes überlebt - oder vielleicht stirbt ja auch (natürilch völlig unerwartet) ein anderes Mitglied der Familie.
3. Naja ...
Divius 03.02.2016
Sie wedern in diesen Zeiten von Mehrheit Russen als Lakaien des Westens verstanden. Die Promotion hier hilft auch nichts.
4. Perfekte Vermarktung
geando 03.02.2016
...für Drittklassige Musiker. Auch das Video ordne ich eher in die Kategorie Selbstinszenierung. Frau Tolokonnikowa ist für mich schon durch die Art ihres Umgangs mit ihrem Kind bei mir völlig "unten durch". Wens interessiert, kann die Story gerne "googlen". Da haben echte politische Oppositionelle wie Kasparow, Nemzow oder auch mutige JournalistInnen wie Frau Politkowskaja, die ihre Arbeit teilweise mit dem Leben bezahlen mussten viel eher die Aufmerksamkeit des Westens verdient, als diese kreischenden Selbstdarstellerinnen.
5. Zivilcourage
ompo58 03.02.2016
Ganz schön mutig die Mädels. Hut ab!
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