Prozess gegen Pussy Riot: "Das System hat Angst vor der Wahrheit"
Am 17. August soll das Urteil im Prozess gegen Pussy Riot fallen - doch schon jetzt macht die Punkband klar: Dem Druck des russischen Staates will sich die Gruppe nicht beugen. In ihrer Schlusserklärung warfen die Musikerinnen dem Gericht stalinistische Methoden vor.
Moskau - Vor dem für Ende kommender Woche erwarteten Urteil gegen die russische Punkband Pussy Riot haben die angeklagten Musikerinnen dem Gericht in einer mutigen Schlusserklärung stalinistische Methoden vorgeworfen. Das Verfahren sei eine "politische Unterdrückungsanordnung", sagte Sängerin Nadeschda Tolokonnikowa am Mittwoch.
"Während des gesamten Verfahrens wurde uns nicht zugehört", klagte die 22-jährige Tolokonnikowa aus einem Glaskasten heraus, in dem die Frauen im Gerichtssaal eingesperrt werden. Der Prozess sei vergleichbar mit den berüchtigten Schnellverfahren zur Zeit des sowjetischen Diktators Josef Stalin. "Unser Platz ist in Freiheit und nicht hinter Gittern", sagte sie. "Pussy Riot sind die Schüler und Nachfahren der Dissidenten." Gleichzeitig sagte die Angeklagte den "Kollaps dieses politischen Systems" voraus.
Tolokonnikowa sowie der 24-jährigen Maria Aljochina und der 29-jährigen Jekaterina Samuzewitsch wird "Rowdytum" vorgeworfen. Sie waren im Februar in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale zum Altar gestürmt und hatten ein "Punkgebet" gerufen: "Jungfrau Maria, Mutter Gottes, räume Putin aus dem Weg." Mit ihrem Auftritt kurz vor der Präsidentenwahl protestierten sie gegen Russlands heutigen Staatschef Wladimir Putin und kritisierten dessen Beziehungen zur mächtigen russisch-orthodoxen Kirche.
Urteil am 17. August
Auf "Rowdytum" stehen in Russland bis zu sieben Jahre Haft. Die Staatsanwaltschaft hatte am Dienstag jeweils drei Jahre gefordert und den Frauen auch "Anstachelung zu religiösem Hass" vorgeworfen. Die Verteidigung plädierte auf Freispruch. Am Mittwoch sagte Richterin Marina Syrowa, das Urteil werde am Nachmittag des 17. August verlesen.
Sängerin Tolokonnikowa erklärte vor Gericht: "Mit jedem Tag beginnt eine wachsende Zahl von Leuten zu erkennen, dass, wenn sich die politische Maschinerie gegen Mädchen wendet, die 40 Sekunden in der Christ-Erlöser-Kathedrale aufgetreten sind, dies nur bedeutet, dass dieses politische System Angst vor der Wahrheit und unserer Ernsthaftigkeit hat." Mit einem Blick auf die Ankläger sagte sie: "Wir haben mehr Freiheit als diese Leute von der Staatsanwaltschaft - weil wir sagen, was wir wollen."
Eine Anwältin der Angeklagten, Violetta Wolkowa, sagte vor Gericht, wenn ihre Mandantinnen wirklich zu Haftstrafen verurteilt würden, dann hätten die russischen Behörden "ihre Entscheidung gefällt". "Das würde bedeuten, dass sich die Behörden für den Weg der Diktatur entschieden haben."
Madonna zeigt sich solidarisch, die Bundesregierung besorgt
Putin, gegen den Pussy Riot bereits im russischen Protestwinter auf dem Roten Platz demonstriert hatte, sagte am Rande der Olympischen Spiele vergangene Woche, die Strafe gegen die drei jungen Frauen sollte "nicht zu hart" ausfallen. Die internationale Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat die Angeklagten als politische Gefangene bezeichnet.
Prominente Musiker wie Pete Townshend von The Who, Neil Tennant von den Pet Shop Boys und Madonna haben ihre Freilassung gefordert. Madonna kam mit einer Skimütze auf die Bühne, wie sie die Punkerinnen bei ihrem Protest trugen. Auf ihren Rücken hatte sie sich die Worte "Pussy Riot" schreiben lassen.
Die Bundesregierung erklärte, sie verfolge den umstrittenen Gerichtsprozess gegen die Punkband mit Sorge. "Die Deutsche Botschaft beobachtet den Prozess nicht nur aus der Ferne, sondern war auch bei der Verhandlung anwesend und steht mit Anwälten der Gruppe in Kontakt", sagte ein Sprecher von Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) in Berlin. Zudem habe der Menschenrechtsbeauftragte Markus Löning "bereits die Unverhältnismäßigkeit dieses Prozesses verurteilt".
Auch der stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter bestätigte, der Vorgang werde intensiv beobachtet. Generell sei die Bundesregierung besorgt darüber, "dass die Entfaltungsmöglichkeiten der russischen Zivilgesellschaft in jüngster Zeit eingeschränkt wurden".
phw/APD/dpa/AFP
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