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Biografie des russischen Präsidenten: Putin wie er weint, wie er hofft, wie er lacht

Von , Moskau

Der Westen sieht den russischen Präsidenten als Aggressor - im Ukrainekonflikt und in der Syrienkrise: Was aber denkt Wladimir Putin über sich selbst? Auszüge aus einer neuen Biografie über den Kreml-Chef, der an diesem Mittwoch Geburtstag feiert.

Wladimir Putin weint. Er stürmt an seinen Leibwächtern vorbei und läuft durch die menschenleeren Gassen von Sankt Petersburg, die für seinen Besuch eigens abgesperrt worden sind. Russlands Präsident, für Rührseligkeit nicht bekannt, war am offenen Sarg seines Judotrainers in Tränen ausgebrochen.

Der Hamburger Dokumentarfilmer Hubert Seipel, 65, beschreibt die Szene aus dem August 2013 in seinem Buch "Putin - Innenansichten der Macht". Es ist eine der Stellen, an denen ein zumindest für den deutschen Leser unbekannter Kreml-Chef sichtbar wird.

Seipel hat so viel Zeit mit dem russischen Präsidenten verbracht wie kein anderer westlicher Journalist. In den vergangenen fünf Jahren hat er Putin auf mehr als einem Dutzend Reisen begleitet und mehr als zwanzig ausführliche Interviews geführt. Deshalb kann Seipel einen Einblick in Wladimir Putins Gedanken geben, der an diesem Mittwoch seinen 63. Geburtstag feierte: die Wut auf die Nato, seine Abneigung gegen Barack Obama, sein Blick auf Deutschland und Angela Merkel.

Was im Kopf des Kremlherrn vorgeht, darüber rätseln westliche Spitzenpolitiker, das interessiert längst auch einfache Bürger. "Die Dämonisierung von Wladimir Putin ist keine Strategie, sie ist ein Alibi für die Abwesenheit einer Strategie", zitiert Seipel den amerikanischen Politikstrategen Henry Kissinger. Aber im Gespräch mit dem SPIEGEL sagt er auch: Putin könne "ganz gut mit seinem Image als böser Bube leben".

Die folgenden Ausschnitte aus der Biografie zeigen Wladimir Putin, wie ihn die Welt sonst nicht sieht:

Putin über seine Jugend 

Wohnraum ist knapp. In einer Kommunalka, wie die städtischen Gemeinschaftswohnungen genannt werden, in denen mehrere Familien aufeinandersitzen, lebt auch Putin mit seiner Familie in einem Zimmer. Seine kleinen Fluchten als Jugendlicher spielen sich draußen in den Hinterhöfen ab. "Jeder lebte irgendwie in sich selbst", beschreibt er die Zeit. "Ich kann nicht behaupten, dass wir eine sehr emotionale Familie waren, dass wir uns austauschten. Sie behielten vieles für sich. Ich wundere mich noch heute, wie sie mit den Tragödien umgingen." Die Geschichte der Stadt Sankt Petersburg ist einer von mehreren Gründen, warum er als Jugendlicher vom Geheimdienst träumt. "Ich war politisch interessiert, aber ich kann nicht behaupten, dass ich mich im Alter von zwanzig Jahren tiefgründig mit Politik auseinandergesetzt habe. Ich wusste damals nichts von Repressionen aus der Stalinzeit, die mit dem KGB verbunden waren, nichts von Dissidenten wie dem Physiker Andrej Sacharow beispielsweise."

Die heimliche Taufe 

Putin beim Entzünden einer Kerze in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale im zentralrussischen Wladimir (Aufnahme vom Dezember 2000)

Putin öffnet die Tür, knipst das Licht an und bekreuzigt sich. Es ist die Privatkapelle des Präsidenten mit einer kleinen Apsis und einem Altar. An einigen Wänden hängen goldfarbene Ikonen, andere sind bemalt mit bekannten Motiven aus der Bibel. Als er im Jahre 2010 als neuer Präsident in sein staatliches Domizil vor den Toren Moskaus einzog, ließ er die damals halbverfallene Kirchenruine renovieren. Während der nächtlichen Führung outet sich Putin als russisch-orthodoxer Gläubiger. Er spricht von seinem Vater, der Fabrikarbeiter und strikter Kommunist gewesen sei - im Gegensatz zu seiner Mutter, die ihn einige Wochen nach seiner Geburt in einer Kirche in Sankt Petersburg heimlich taufen ließ. Das Potenzial für die Neuauflage des alten Bündnisses von Thron und Altar in Russland ist beträchtlich. Putin knipst das Licht wieder aus und zieht die Tür zu. "Ohne die Verbindung der geschichtlichen und religiösen Erfahrungen", fasst er sein Credo zum Abschied zusammen, "gibt es für uns in Russland keine nationale Identität".

Sein Beichtvater 

Pater Tichon in einer Aufnahme vom Oktober 2012

Pater Tichon liest regelmäßig die Messe in der Präsidentenkapelle. Der Abt des Sretensky-Klosters gilt als "duchownik" – als spiritueller Anleiter und Beichtvater des ersten Mannes im Staat. Ob es tatsächlich so ist oder nicht, lässt der Abt offen. Pater Tichon beantwortet derartig direkte Fragen nach seiner konkreten Funktion grundsätzlich nicht. Er hält sich an den Grundsatz, dass der Glaube Berge versetzen kann, und an die altbewährte Erkenntnis: Eine graue Eminenz bleibt nur dann eine einflussreiche Eminenz, wenn viele über ihre Beziehung zur Macht spekulieren, aber möglichst wenige über Details der Beziehung Bescheid wissen. Dass der Präsident ein gläubiger Mensch ist, daran lässt er keinen Zweifel aufkommen. Putin ist ein Christ, der sich nicht nur so nennt, sondern auch sein Christsein praktiziert. "Er beichtet, nimmt an der heiligen Kommunion teil und weiß um seine Verantwortung", sagt der Priester.

Seine Kindheit 

Hungernde Russen in Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg (Aufnahme vom Winter 1941/1942)

"Mein Vater wurde als Soldat schwer verletzt und hat meine Mutter im letzten Moment vor dem Hungertod gerettet, als er aus dem Krankenhaus nach Hause kam", beschreibt Putin die Leidensgeschichte seiner Eltern, als wir im Herbst 2011 zum ersten Mal zusammen in St. Petersburg sind und an dem Blockade-Denkmal am Siegesplatz vorbeifahren. 871 lange Tage, vom September 1941 bis zum Januar 1944, haben die deutschen Truppen die Stadt belagert und die Bewohner von der Versorgung abgeschnitten. Seine beiden älteren Brüder hat Putin nie gesehen - sie waren schon tot, als er, ein Nachkömmling, 1952 geboren wurde. Einer starb kurz vor dem Krieg, ein anderer während der Belagerung. Die Eltern überlebten und machten das Trauma vornehmlich mit sich selbst aus.

Die KGB-Vergangenheit 

Putin im Februar 2006 in Moskau bei einer Rede vor dem russischen Geheimdienst FSB

Der KGB heuert den Juristen nach seinem Examen 1975 an und bildet ihn für die Auslandsaufklärung aus. "Wer Beziehungen hatte, kam nach Bonn oder Wien, weil das Gehalt in der Landeswährung ausbezahlt wurde", erklärt er, warum er anschließend in die DDR geschickt wurde. "Unsere Abteilung hieß Auslandsaufklärung aus dem Inland. Für die inneren Angelegenheiten der DDR selbst waren andere Abteilungen zuständig." Sein Job ist es, die nächsten Jahre von Dresden aus Informationen über Nato-Länder wie die Bundesrepublik zu beschaffen und Informanten anzuwerben. Putin kramt in der Schreibtischschublade seines Büros in Nowo-Ogarjowo, zieht einen Ordner mit persönlichen Unterlagen hervor und zeigt das Schreiben des KGB, dass der Oberstleutnant Wladimir Wladimirowitsch Putin mit Wirkung zum 31. Dezember 1991 aus dem Dienst entlassen ist. "Aber einmal KGB, das wissen Sie und Ihre Kollegen bestens, heißt ja immer KGB", fügt er ironisch hinzu. "Da helfen mir auch keine Urkunden."

Seine Haltung zu Homosexuellen 

Demonstration von Homosexuellen in Sankt Petersburg (Aufnahme vom Mai 2014)

"Warum ist das Thema Schwule wichtig für den Staat? Ich habe nichts gegen Homosexuelle", beschreibt Putin in einer der nächtlichen Diskussionen im Frühjahr 2013 seine Haltung zu Schwulen und Lesben. "Der Staat soll sich auf das konzentrieren, was wichtig ist. Schwule kriegen keine Kinder. Es ist nicht des Staats, sexuelle Vorlieben zu alimentieren. Oder diese Vorstellung auch noch als außenpolitische Forderungen an andere Staaten heranzutragen." Putin macht eine kurze Pause und kommt dann zu dem Kernpunkt seiner Überzeugung, der ihn umtreibt, seitdem er im Kreml eingezogen ist. "Es ist eine Entscheidung, die unsere Gesellschaft trifft und niemand anders. Ich habe auch nichts gegen Herrn Westerwelle", fügt er leicht spöttisch hinzu.

Putins Treffen mit homosexuellen Politikern 

Putin mit Wowereit in Berlin (Aufnahme vom September 2001)

"Der Westen folgt seinen Vorstellungen, ob wir das mögen oder nicht", sagt Putins geistlicher Berater Pater Tichon. Dann erzählt der Abt eine Geschichte, um Putins pragmatischen Umgang mit dem Thema zu beschreiben. Als sie wieder einmal zum Essen verabredet waren, berichtete die russische Presse gerade über einen anstehenden Besuch in Berlin und auch darüber, dass der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit ein bekennender Homosexueller sei. Er habe als fürsorglicher Geistlicher dem Präsidenten abgeraten, einem Schwulen öffentlich die Hand zu schütteln. Doch Putin widersprach: Zum einen sei es Wowereits Privatsache, und zum anderen sei der Mann der Repräsentant der Stadt Berlin, argumentierte er. Als Putins damalige Frau Ljudmila sich auf die Seite des Priesters schlug und Tichons Forderung unterstützte, fiel Putins Antwort kurz und ironisch aus: "Liebling, kein Grund zur Eifersucht."

Putin über Obama 

Putin und Obama (September 2015 in New York)

Putin hält Barack Obama zum einen für naiv - was er selbstverständlich nie öffentlich sagen würde. Zum anderen erklärt er den eigenen Hardlinern im russischen Sicherheitsrat regelmäßig, dass es ohne Amerika auch nicht geht.

Putin und Merkel

Merkel am Grab des unbekannten Soldaten (Mai 2015)

Angela Merkel legt mit dem russischen Präsidenten an der Kreml-Mauer Blumen am Grab des unbekannten Soldaten nieder. Der Besuch der Kanzlerin, der als Zeichen des guten deutschen Willens in schwierigen Zeiten gedacht ist, entgleist auf der Pressekonferenz. Sie sagt: "Durch die verbrecherische und völkerrechtswidrige Auseinandersetzung in der Ostukraine hat die Zusammenarbeit einen schweren Rückschlag erlitten." Das Wort Verbrechen hat Merkel nur noch in einem anderen Zusammenhang auf ihrem Sprechzettel stehen: als sie auf den Holocaust eingeht. Putin hat die Gleichsetzung registriert. Er übergeht die diplomatische Breitseite unkommentiert. "Sie war als die einzige Regierungschefin der G-7-Runde da. Alles, was mit Krieg zusammenhängt, sorgt natürlich für emotionale und politische Erregung", formuliert er einen Monat später bei unserem Gespräch. "Die Bundeskanzlerin vertritt nicht irgendein europäisches Land, sondern Deutschland. Deswegen war das ein Übergriff von ihrer Seite. Aber sie war Gast, und deshalb habe ich es vorgezogen zu schweigen. Es wäre nicht angebracht gewesen, Streit anzufangen."

Die Gleichsetzung zwischen der Annexion der Krim und dem Holocaust sei ein Versehen gewesen, sagt ein Vertrauter Merkels. Das Problem ist nur, dass ihr Putin den vermeintlichen Ausrutscher durchaus als gezielten Affront zugetraut hat.

Putin über Snowden

Edward Snowden (Aufnahme vom Juni 2013)

"Mein Geheimdienstchef hat mich angerufen und mir gesagt, dass Edward Snowden auf dem Weg nach Moskau ist, um dort umzusteigen und weiterzufliegen", antwortet Putin auf meine Frage, wann er erstmals von dem Whistleblower gehört habe. "Wir waren erst einmal vorsichtig. Wir wussten ja, dass er für die CIA gearbeitet hatte." (...) Gelegentlich merkt Putin mit klammheimlicher Freude an, Snowden habe der Menschheit ja durchaus einen wertvollen Dienst erwiesen. Eine Woche nachdem Putin entschieden hat, dem Whistleblower Asyl zu gewähren, sagt Barack Obama ein für September 2013 geplantes Treffen ab. Seit dem Ende der Sowjetunion hat noch kein US-Präsident einen solchen Zweiergipfel platzen lassen. (...) Putin weiß: Obama kann den Konflikt im Nahen Osten nicht ohne Russland lösen. Er ist fest davon überzeugt, dass Amerika nicht mehr der Nabel der Welt ist, weil sich auf dem Globus langsam mehrere Machtzentren wie China, Indien oder Brasilien herauskristallisieren.

Zum Autor
Hubert Seipel, 65, traf Wladimir Putin erstmals im Januar 2010. Es folgten zwei Dutzend ausführliche Interviews, Putin nahm den Dokumentarfilmer mit auf Reisen zum Papst, nach China, Südafrika und in die russische Provinz. Seipels Buch "Putin - Innenansichten der Macht" erscheint im Oktober.

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insgesamt 69 Beiträge
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1. Der Westen sieht Putin als Aggressor?
rofis 07.10.2015
Wer ist bitte dieser Westen? Ich habe mein inzwischen auch schon fortgeschrittenes Leben in diesem Weltteil verbracht und kann diese Bewertung nicht nachvollziehen. In der Ukraine nicht - auch wenn mir die Beurteilung da zumindest vom Hören-sagen bekannt ist. In Syrien muss ich aber sagen, dass diese Ansicht allem zuwider läuft, was der gesunde Menschenverstand dazu hergibt. Werde bitte ist dieser Westen, der die Brandstiftung des Imperiums komplett ignoriert? ??
2. Das scheint endlich einmal ein informatives Buch über Putin zu sein.
Big_Jim 07.10.2015
Warum spricht Frau Merkel nicht einmal so offen über ihre Vergangenheit? Besonders die Zeit vor der Wende wäre sicher interessant für ihre Wähler. Wie auch immer: Das Putin Buch kaufe ich mir für den Winterurlaub. Ein sehr interessanter Typ über den ich gern mehr erfahren möchte.
3. Ich freue mich
avers 07.10.2015
für Herrn Seipel, der aus seiner priveöligierten Rolle ordentlich Kapital schlagen kann.Gleichzeitig ist natuerlich nicht zu übersehen, dass er sich, moeglicherweise mehr unbewusst als bewusst zum handlanger macht. Wer annimmt, dasPutin nicht Produkt und Werkzeug des KGB ist, der ist naiv. Genauso naiv ist es, sich KGB-Offiziere wie in Amifilmen und möglichst kulturlos vorzustellen. Zumindest die Aufklärung war intelligent, vor allem intelligent genug, um andere um den Finger zu wickeln. Zu Glauben, was Putin zu seiner Gesellschaftssicht mit Zwanzig sagt, ist schlechthin lächerlich. Wir sind gleichaltrig, ich habe ihn damals an der Uni gesehen und ich weiss, was wir von Solchenizyn und Sacharov gewusst und gehalten haben. Obrigkeitshörigkeit war durchaus nicht jedem eigen. Bei weitem nicht jeder wollte zum KGB. Psychologisch basierte Dessinformation nahm übrigens an der KGB-Hochschule breiten Raum im Studium ein. Dass wird Herr Seipel sicher berücksichtigt haben. PS. Der Trainer, um den Putin geweint hat, soll zu seiner Präsidentenzeit zum Multimillionär geworden sein. Das beleuchtet Herr Seipel sicher genauso wie die Garagenkooperative...
4.
meierxx 07.10.2015
wieso denkt der westen putin sei ein aggressor, wo ist er denn aggresiv? weil die krim abgestimmt hat zu russland zu wollen? weil in der ostukraine prorussische menschen verbrannt und zerbombt werden? ich empfinde die usa und ihre verbündeten als agressor, was ist den mit liybien den irak syrien afghanistan passiert? wo haben denn die usa nicht überall nach dem zweiten weltkrieg eingegriffen, mit millionen von toten.
5. Das Jugendbild Putins
Pfaffenwinkel 07.10.2015
läßt auf einen sensiblen Menschen schließen, der sich wohl mit den Jahren einen Panzer zulegen musste. Jeder hat halt seine guten und weniger guten Seiten.
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