Russischer Oligarch Putin-Gegenspieler Boris Beresowski tot aufgefunden

Einst galt Boris Beresowski als "Pate des Kreml" - dann wandelte er sich zum erbitterten Gegner des russischen Präsidenten Putin. Mit seinen Tiraden gegen Moskau machte er sich mächtige Feinde. Nun ist der Oligarch mit 67 Jahren im britischen Exil tot aufgefunden worden.

REUTERS

London - Boris Beresowski wurde in seinem Haus außerhalb Londons entdeckt. "Sein Tod wird derzeit als ungeklärt betrachtet und eine vollständige Untersuchung ist angelaufen", erklärte die Polizei.

Sein Schwiegersohn Egor Schuppe hatte auf Facebook den Tod des Tycoons vermeldet und über Depressionen berichtet. Nach Angaben seines russischen Anwalts Alexander Dobrowinski habe Beresowski Selbstmord begangen. "Ich habe aus London einen Anruf erhalten, in dem mir gesagt wurde, dass Beresowski sich umgebracht hat", sagte er dem Sender Rossia 24, ohne zu erläutern, wer ihn aus London anrief. Beresowski sei zuletzt in einem "furchtbaren Zustand" und "völlig überschuldet" gewesen. Die russische Nachrichtenagentur RIA Novosti berichtet hingegen, der Geschäftsmann sei einem Herzinfarkt erlegen.

Nach Angaben der BBC und des "Daily Telegraph" ist Beresowski in seinem Haus in Ascot gestorben. Zuvor hatte es geheißen, er sei in Surrey aufgefunden worden. Polizisten haben das Grundstück in Ascot weiträumig abgesperrt. Der "Daily Telegraph" berichtet zudem, Beresowski habe in seinem Badezimmer gelegen.

Von den Finanzproblemen erfuhr die Öffentlichkeit Mitte März. Der Unternehmer ließ das Warhol-Bild "Roter Lenin" bei Christie's versteigern und erlöste 133.000 britische Pfund. Russlands einstmals reichster Mann musste sich auch von mehreren Autos trennen, darunter ein Rolls-Royce Baujahr 1927.

Beresowski hatte im vergangenen Jahr einen kostspieligen Prozess gegen seinen Ex-Partner, den Multimilliardär und Eigner des FC Chelsea, Roman Abramowitsch, in London geführt: Er verklagte seinen früheren Schützling auf 5,6 Milliarden Dollar Schadensersatz, weil der ihn beim Verkauf der Ölfirma Sibneft betrogen haben soll. Der Anspruch wurde abgewiesen.

Absturz eines Milliardärs

Die britischen Medien verfolgten den Schlagabtausch amüsiert, hatte er doch einen hohen Unterhaltungswert. Die Schauplätze der in Frage stehenden Deals waren Yachten, Privatflugzeuge und Luxushotels. Angesichts der detaillierten Einblicke in das Leben der Superreichen sprach der "Independent" abschätzig von "Oligarchen-Porno".

Allein die von Beresowski zu begleichenden Gerichtskosten betrugen 35 Millionen Pfund. Auf fünf Millionen Pfund beliefen sich die Forderungen seiner Ex-Frau Elena Gorbunowa.

Vom Strippenzieher zum Gegenspieler

Der promovierte Mathematiker war in den neunziger Jahren im Zuge der postsowjetischen Privatisierung zu einem der reichsten und mächtigsten Männer Russlands aufgestiegen. Er galt einst als "Pate des Kreml": Wie kein Zweiter verstand er es, Geld in politischen Einfluss zu verwandeln und Macht wieder in noch größeren Reichtum.

Mit Beteiligungen an Banken, Ölgesellschaften und Medien häufte er ein geschätztes Vermögen von etwa drei Milliarden Dollar an. 1996 half er dem angeschlagenen Präsidenten Boris Jelzin bei dessen Wiederwahl. Beresowski stieg zum Vizepräsidenten des einflussreichen Sicherheitsrats auf. Bald war er der wichtigste Strippenzieher auf den Korridoren des Kreml.

1999 förderte Beresowski auch Putins Aufstieg. 2000 sagte er noch im SPIEGEL-Gespräch über den Politiker, er sei der "richtige Mann in dieser für Russland so schweren Zeit": "Ich halte Wladimir Putin für einen Anhänger der Marktwirtschaft und für einen Verteidiger der politischen Freiheiten."

Beresowski rief zum Sturz Putins auf

Putin aber wandte sich gegen den Oligarchen, Beresowski floh nach London. 2003 erhielt er in Großbritannien politisches Asyl. Dort schmiedete er seither Rachepläne, während sein Vermögen schwand. Die Opposition in seiner Heimat unterstützte er finanziell massiv. Unentwegt rief der für sein hektisches Temperament bekannte Regimekritiker zum Sturz Putins auf - und machte sich damit mächtige Feinde. 2007 verkündete er im britischen "Guardian", er plane eine gewaltsame Revolution gegen Putin.

Die russische Justiz beantragte mehrfach vergeblich die Auslieferung des Milliardärs, sie warf ihm mehrere Wirtschaftsverbrechen vor. Die Moskauer Behörden beschuldigten ihn im vergangenen Jahr zudem der Anstiftung zu "massiven Störungen", nachdem er dazu aufgerufen habe, die Rückkehr Putins in den Kreml zu verhindern.

Gegen Beresowski gab es mehrere Anschläge. So wurde 2007 ein angebliches Mordkomplott bekannt: Der Oligarch sollte erschossen werden, sagte ein Zeuge damals aus. Britische Agenten warnten Beresowski, der damals vorübergehend das Land verließ.

kgp/AFP/dpa



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