Putin und die Kraniche: Flieg, Wladimir, flieg!

Von , Moskau

Es ist wieder soweit: Wladimir Putin zieht in die Wildnis - und hat seine PR-Strategen mitgebracht. Da sind gut ausgeleuchtete Macho-Fotos des russischen Präsidenten garantiert. Dieses Mal hebt der selbsternannte Naturbursche mit einem Schwarm Kraniche ab.

REUTERS

Am Freitag will Russlands Präsident Wladimir Putin in Wladiwostok Staats- und Regierungschefs von Pazifik-Anrainerstaaten begrüßen. Für den Gipfel hat der Kreml eigens einen neuen Stadtteil für rund zwölf Milliarden Euro auf eine Insel vor die Hafenstadt betoniert. Putin wird dort Chinas Staatsoberhaupt Hu Jintao die Hand schütteln und wohl auch US-Außenministerin Hillary Clinton, die Präsident Barack Obama vertritt.

Auf dem Weg nach Osten aber hat Putin einen Zwischenstopp am Polarkreis eingelegt, um eine Mission zu erfüllen, auf die der Präsident sich laut Bekunden des Kremls anderthalb Jahre gewissenhaft vorbereitet hat: die Rettung einer vom Aussterben bedrohten Kranich-Art.

Auf einer Wiese, 2000 Kilometer nordöstlich von Moskau, zog Putin einen weißen Overall und eine schwarze Fliegerbrille an und schwang sich in den Sitz eines Ultraleichtfliegers. Aus Lautsprechern an seinem Fluggerät erschallten die krächzenden Laute eines Kranich-Muttertiers.

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Russischer Präsident: Eisbär, Tiger, Kranich - Putin kriegt sie alle
Als Putin abhob, folgte ihm eine Handvoll elternloser Jungvögel. Er führte sie nach Süden, in Richtung ihrer Winterquartiere.

So setzte sich also Russlands starker Mann an die Spitze eines Schwarms sibirischer Kraniche, die den örtlichen Ureinwohnern als die "verehrtesten Götter gelten", wie der Reporter der Regierungszeitung "Rossiiskaja Gaseta" notierte.

Es ist wieder so weit: So, wie der Herbst Jahr für Jahr Schwärme von Zugvögeln in wärmere Gefilde aufbrechen lässt, so treibt die Sorge um Putins Image die PR-Strategen des Kremls in die Natur.

Auf Tuchfühlung mit Tiger und Wal

2007 ließen sie ihn mit nackter Brust durch Sibirien reiten, 2008 mit einem Betäubungsgewehr auf ein seltenes Exemplar des Amur-Tigers feuern, natürlich nur zu Forschungszwecken. 2010 dann schoss Putin mit Armbrust in einer nebelverhangenen Bucht auf einen tonnenschweren Wal, um Gewebeproben zu entnehmen. Putin gibt sich gern naturverbunden, er hat Spaß an solchen PR-Stunts, und bei der Mehrheit der russischen Bevölkerung kamen sie gut an.

Bis vor einem Jahr. Im August 2011 stieg Putin im Neopren-Anzug in die Fluten des Schwarzen Meers, und als er wieder auftauchte, hielt er zwei altertümliche Amphoren in der Hand, die angeblich aus dem sechsten Jahrhundert nach Christus stammten, aber seltsam blank geputzt im Sonnenlicht glänzten.

Das war selbst in Russland, der Heimat von Fürst Potjomkin, zuviel der Inszenierung. Die öffentliche Stimmung drehte sich gegen den Kreml, und als Putin im September dann den angeblich seit langem geplanten Ämtertausch mit Noch-Staatsoberhaupt Dmitrij Medwedew verkündete, schlug sie in Empörung um. Es war der Auftakt zu Massendemonstrationen, wie sie Russland seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hatte.

Auch die Kranich-Rettung bringt den Kreml in Erklärungsnot: Putin verdient offiziell nur umgerechnet 84.000 Euro pro Jahr; den laut russischen Medien rund 18.000 Euro teuren Ultraleichtflieger aber will er für die Mission selbst bezahlt haben. In der öffentlichen Deklaration von Putins Einkommen und Vermögensgegenständen taucht er nicht auf.

"Putin sollte mit den Kranichen überwintern"

Mascha Gessen, Journalistin und Autorin des Putin-kritischen Buchs "Der Mann ohne Gesicht" hat die Kreml-Inszenierung schon ihren Job als Chefredakteurin von "Wokrug Sweta - Um die Welt" gekostet. Das Magazin ist das russische Pendant zu "Geo" oder "National Geographic". Gessen sollte auf Drängen der Verlagsleitung einen Reporter zu Putins Kranich-Flug schicken, widersetzte sich aber und musste ihren Posten räumen.

Im Internet setzt es reichlich Spott über die PR-Aktion. In sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter machen Fotomontagen die Runde, auf denen Putin mit entblößter Brust auf einem Hai reitet. Das Amt des Präsidenten sei Putin offenbar zu langweilig, ätzt Anton Orech, Star-Kommentator des kritischen Radiosenders "Echo Moskau". Der Kreml-Chef alias Kranich-Papa solle doch am besten mit seinen neuen Schützlingen im Süden überwintern, "damit wir ihn wenigstens von September bis März nicht bei uns sehen müssen".

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insgesamt 30 Beiträge
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1. Er muss was hinzuverdienen.
Gluehweintrinker 06.09.2012
Zitat von sysopREUTERS/ KrmelinEs ist wieder soweit: Wladimir Putin zieht in die Wildnis - und hat seine PR-Strategen mitgebracht. Da sind gut ausgeleuchtete Macho-Fotos des russischen Präsidenten garantiert. Dieses Mal hebt der selbsternannte Naturbursche mit einem Schwarm Kraniche ab. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,854261,00.html
Die 90.000 EUR reichen nicht aus. Er braucht einen Nebenjob. Der Arme.
2. Komplexe
earl grey 06.09.2012
Zitat von sysopREUTERS/ KrmelinEs ist wieder soweit: Wladimir Putin zieht in die Wildnis - und hat seine PR-Strategen mitgebracht. Da sind gut ausgeleuchtete Macho-Fotos des russischen Präsidenten garantiert. Dieses Mal hebt der selbsternannte Naturbursche mit einem Schwarm Kraniche ab. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,854261,00.html
Mein Gott, was muss dieser Mann für Komplexe haben.
3. üben
Anton T 06.09.2012
Zitat von sysopREUTERS/ KrmelinEs ist wieder soweit: Wladimir Putin zieht in die Wildnis - und hat seine PR-Strategen mitgebracht. Da sind gut ausgeleuchtete Macho-Fotos des russischen Präsidenten garantiert. Dieses Mal hebt der selbsternannte Naturbursche mit einem Schwarm Kraniche ab. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,854261,00.html
Diese Inszenierungen als Naturbursche stehen in offensichtlichem Widerspruch zu den Drangsalierungen, denen sich Umweltschützer in Russland andauernd ausgesetzt sehen. Wenn wirtschaftliche Interessen berührt sind, ziehen Umweltschützer in Russland in den meisten Fällen den Kürzeren. Auch Greenpeace Russland gilt seit der Gesetzesnovelle als "ausländischer Agent". Lecks in Ölpipelines zerstören die Taiga seit Jahren. Die massive Umweltzerstörung hat Putin in den letzten 13 Jahren mitnichten gestört. Stattdessen übt er sich in spätpubertären Posen in der Wildnis mit nacktem Oberkörper. Wann wird die russische Öffentlichkeit endlich dieses Mannes überdrüssig?
4. Titel ...
iron mace 06.09.2012
Zitat von earl greyMein Gott, was muss dieser Mann für Komplexe haben.
Im Gegensatz zu unseren übergewichtigen und/oder laschen Politikern macht Putin bei solchen Auftritten tatsächlich keine schlechte Figur und wirkt nicht deplatziert wie ein Westerwelle oder Niebel in der Wüste. Das kommt in Russland an, das mag im Rest der Welt seltsam erscheinen, spiegelt aber recht gut was in Russland zählt. Das Putin ein Despot ist, der genügend Angriffsfläche hat, die aber von den Medien nicht genutzt werden ist traurig. Warum man sich aber dann über derart unwichtiges echauffiert verschließt sich mir komplett.
5.
caneletto 06.09.2012
Oh, unser Zar will sich ja wieder als Superheld inszenieren - Regierungsgeschäfte sind ja so langweilig. Ganzes Land jubelt: der große Versprecher hat auf unsere Kosten 1,5 Jahre das Fliegen gelernt und überhaupt amusiert sich prächtig. Man muss mal ja bedenken, auch wenn er den fliegenden Zeug selbst gekauft hat, in den Norden kam er ja nicht alleine, sondern mit ein Paar Flugzeugen, einem Trupp Sicherheitsleuten und sonstigen wichtigen Leuten, die er da benötigt. JAAAA WIR LIEBEN IHM!!!!!!
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