Vertrauter Putins: "Russland und der Westen driften auseinander"

Wladimir Putin hat wegen des abgefangenen syrischen Flugzeugs aus Moskau seine Türkei-Reise verschoben. Im Interview verteidigt sein Vertrauter Wladimir Jakunin Russlands Waffenlieferungen an Diktator Assad. Dem Westen wirft er vor, auf Konfrontation zu setzen.

Syrischer Airbus in Ankara: "Russland kennt sich im Nahen Osten gut aus" Zur Großansicht
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Syrischer Airbus in Ankara: "Russland kennt sich im Nahen Osten gut aus"

SPIEGEL ONLINE: Sie sind der Initiator eines "Dialogs der Zivilisationen". Wie ist der Stand der Beziehungen zwischen Russland und dem Westen?

Jakunin: Wir sind auf dem Weg in eine Sackgasse. Dabei stehen wir vor gemeinsamen Problemen. Die Weltordnung, wie wir sie kannten, zerbricht. Zu Zeiten des Kalten Krieges balancierten wir einige Male am Rande eines Atomkriegs. Das Gleichgewicht des Schreckens sorgte für eine Art Stabilität, ein großer Krieg konnte vermieden werden. Die Welt heute ist aber nicht weniger gefährlich, wie der Konflikt an der syrisch-türkischen Grenze zeigt.

SPIEGEL ONLINE: Was muss getan werden?

Jakunin: Ein Krieg muss unter allen Umständen vermieden werden. Russland ist gegen jede Art von äußerer Gewalteinwirkung. Wir sagen das heute mit Blick auf Syrien. Wir haben das im Vorfeld der Irak-Invasion 2003 gesagt, damals zusammen mit Deutschland und Frankreich. Heute wissen wir, dass das Gerede von Massenvernichtungswaffen nur ein Vorwand war, eine Lüge der Amerikaner auf höchstem staatlichen Niveau, vorgetragen vor den Vereinten Nationen.

SPIEGEL ONLINE: Liegt Russlands Unterstützung für Syrien nicht daran, dass das Land ein traditioneller Bündnispartner des Kreml ist?

Jakunin: Sie liegt daran, dass Russland sich im Nahen Osten gut auskennt. Wir denken, dass Assad immer noch von einer Mehrheit der Bevölkerung unterstützt wird. Und wir wissen, dass die Assad-Gegner von außen mit Waffen unterstützt werden.

SPIEGEL ONLINE: Gerade ist in der Türkei ein Flugzeug festgehalten worden, an dessen Bord Militärgerät gewesen sein soll. Und Assad bekämpft seine Gegner mit Hubschraubern und schwerer Artillerie, die er aus Russland hat. Oder etwa nicht?

Jakunin: Das darf man nicht gleichsetzen. Russland hat Waffen - und zwar auf Grundlage lange bestehender Verträge - an die legitime, völkerrechtlich anerkannte Regierung Syriens geliefert. Dem Westen aber geht es um regime change, den Sturz dieser Regierung. Zum Flugzeugvorfall in der Türkei liegen mir keine konkreten Erkenntnisse vor.

SPIEGEL ONLINE: Teilen Sie nicht die Besorgnis über die Menschenrechtsverletzungen unter Assad?

Jakunin: Die Demokratisierung des Nahen Ostens, wie sie der Westen propagiert, führt dazu, dass der Einfluss der Islamisten wächst, die vorher am Rande der Gesellschaft waren.

SPIEGEL ONLINE: Die jahrelange Unterdrückung hat die Islamisten doch erst groß werden lassen.

"Bei Saudi-Arabien wird geschwiegen"

Jakunin: Das rechtfertigt keine Eingriffe von außen. In den Köpfen westlicher Politiker scheinen militärische Interventionen und Bombardements seit den Angriffen der Nato auf Jugoslawien in den neunziger Jahren zu legitimen Mitteln der Politik geworden zu sein. So sollen alle auf Linie gebracht werden, die mit den westlichen Rezepten zur Demokratisierung der Gesellschaft und der Liberalisierung der Wirtschaft nicht einverstanden sind. Der Mitbegründer unseres Dialogs der Zivilisationen, der vor zwei Jahren verstorbene indische Philosoph Jagdish Karpur, sprach von einer Herrschaft des Konsums, den einige Staaten offenkundig mit Waffengewalt durchsetzen wollen. Diese Art von Globalisierung aber hat keine Zukunft.

SPIEGEL ONLINE: Damit unterstellt er, dass die jüngsten Kriege vor allem um Märkte geführt wurden. Wollen Sie leugnen, dass beispielsweise der libysche Staatsführer Gaddafi ein brutaler Gewaltherrscher war?

Jakunin: Mit dem haben sich Frankreich oder Italien doch lange hervorragend arrangiert. Der Westen misst mit zweierlei Maß. Oder ist Saudi-Arabien etwa eine tolle Demokratie im westlichen Sinne? Da wird aber geschwiegen, weil das Land ein wichtiger Bündnispartner des Westens ist. Der Westen möchte eine neue Weltkarte zeichnen und merkt nicht einmal, dass er damit Verhältnisse schafft, die sich gegen ihn wenden.

SPIEGEL ONLINE: Die Menschen in einigen Ländern des Nahen Osten waren ihrer Gewaltherrscher überdrüssig.

Jakunin: Sie wollen aber nicht vom Westen dominiert werden. Die Sowjetunion hat versucht, den Kommunismus in alle Welt zu exportieren. Das Ergebnis ist bekannt. Nun versucht der Westen, Demokratie zu exportieren und zwar in Regionen, in denen es dafür traditionell keine Grundlage gibt. Das wird kein gutes Ende nehmen. Wenn Russland aber zur Mäßigung und Verhandlungen auffordert, werden wir dafür noch auf die Anklagebank gesetzt. Russland und der Westen driften auseinander.

"Schamloser Auftritt von ungezogenen Gören"

SPIEGEL ONLINE: Es gibt aber gemeinsame Ziele, wie den Kampf gegen den Terrorismus. Der von Obama verkündete reset, der "Neustart" der Beziehungen zu Russland, hat zu einem nuklearen Abrüstungsvertrag geführt. Warum sehen Sie eine neue Krise in den Ost-West-Beziehungen heraufziehen?

Jakunin: Von unseren Vorschlägen für eine gemeinsame Raketenabwehr will die Nato nichts wissen, stattdessen gibt es einen Nato-Alleingang an unseren Grenzen. Oder schauen Sie auf den Skandal um Pussy Riot. Man konnte den Eindruck haben, dass der Westen kein größeres Problem hat, als diesen schamlosen Auftritt von ein paar ungezogenen Gören in einer Kirche.

SPIEGEL ONLINE: Die Empörung richtete sich vor allem gegen das Strafmaß von zwei Jahren. Halten Sie das für angemessen?

Jakunin: Ich kann Ihnen versichern, dass die Mehrheit unserer Bevölkerung damit vollkommen einverstanden ist. Es ist sogar so, dass mehr Menschen für eine härtere Strafe sind als für eine mildere.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ein orthodoxer Christ. Ist der Kern der christlichen Lehre nicht Liebe und Vergebung?

Jakunin: Vergebung setzt wirkliche Reue voraus. Die kann ich bei den Frauen nicht erkennen. Ihre Mitstreiter planen im Gegenteil neue Aktionen.

SPIEGEL ONLINE: In den vergangenen Monaten hat das Parlament eine Fülle von Gesetzen beschlossen, die Bürgerrechte und Demonstrationsfreiheit einschränken. Halten Sie das für richtig?

Jakunin: Auf welcher Grundlage eigentlich nimmt sich der Westen das Recht heraus, Russland ständig zu kritisieren? Mir gefällt auch manches im Westen nicht. Aber ich laufe nicht mit erhobenem Zeigefinger herum und kritisiere Dinge, die die innere Angelegenheit eines Staates sind.

Das Interview führte Matthias Schepp.

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insgesamt 145 Beiträge
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1. Recht hat er
famulus 12.10.2012
Zitat von sysopWladimir Putin hat wegen des abgefangenen syrischen Flugzeugs aus Moskau seine Türkei-Reise verschoben. Im Interview verteidigt sein Vertrauter Jakunin Russlands Waffenlieferungen an Diktator Assad. Dem Westen wirft er vor, auf Konfrontation zu setzen. Putin-Vertrauter: Russland und der Westen driften auseinander - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/putin-vertrauter-russland-und-der-westen-driften-auseinander-a-860764.html)
Recht hat Jakunin. Und was bedeuten soll, dass er ein Vertrauter Putins sein soll, weiß wohl nur der Schreiber des Artikels. Ist das etwa anderswo nicht so, dass Kanzler, Präsidenten oder dergleichen Vertraute in Positionen in ihrer Regierung einsetzen. Oder umgibt sich Obama nur mit Leuten, die gegen ihn sind und ihn nicht leiden können?
2. Der Westen möchte eine neue Weltkarte zeichnen und merkt nicht einmal, dass er damit
topodoro 12.10.2012
Besser kann man die NATO Unterstützung der Islamisten in Libyen und in Syrien nicht bezeichnen. Und der Tod und die Umstände des Todes des US Botschafters in Libyen machen das sogar sehr deutlich.
3.
uwe1960 12.10.2012
Zitat von sysopWladimir Putin hat wegen des abgefangenen syrischen Flugzeugs aus Moskau seine Türkei-Reise verschoben. Im Interview verteidigt sein Vertrauter Jakunin Russlands Waffenlieferungen an Diktator Assad. Dem Westen wirft er vor, auf Konfrontation zu setzen. Journal 24: Gadget News, Automobilwelt, Reisen, Finanzen und Lifestyle (http://journal24.info/)
Putin ist in Ordnung. Russland braucht keine Weicheier und auch keine Demokratie, die den Oligarchen noch mehr Macht gibt, das russische Volk zu berauben und das Land zu zerstören.
4. Noch ein Diktator ....
NilsCA 12.10.2012
Zitat von sysopJakunin verteidigt Russlands Waffenlieferungen an Diktator Assad. Dem Westen wirft er vor, auf Konfrontation zu setzen.
.. und sein Sprachroh, der sich um das Auseinanderdriften der Kulturen "sorgt". Mit Russland zusammenarbeiten ist, wie mit Saudi Arabien zusammenzuarbeiten, aber ohne irgendwelche Vorteile. Wieso sollte der Westen das machen
5. .
martinom 12.10.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINE: Teilen Sie nicht die Besorgnis über die Menschenrechtsverletzungen unter Assad? Jakunin: Die Demokratisierung des Nahen Ostens, wie sie der Westen propagiert, führt dazu, dass der Einfluss der Islamisten wächst, die vorher am Rande der Gesellschaft waren.
Diese Aussage muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Dahinter steckt eine glasklare und rationale Interessenabwägung und die Einschätzung, bei welcher Art von Regime man mehr Einfluss behält. Ich würde mir solche Deutlichkeit (und vor allem Intelligenz) auch von EU-Außenpolitikern wünschen.
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Bevölkerung: 142,958 Mio.

Fläche: 17.098.200 km²

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

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Zur Person
  • REUTERS
    Wladimir Jakunin, 64, gehört zum engen Führungskreis um Putin. Er ist Chef der Russischen Eisenbahnen mit 976.000 Angestellten. Von 1985 bis 1991 war er zweiter Mann an der Botschafter der Sowjetunion bei den Vereinten Nationen in New York. Im Jahr 2002 gründete er das "World Public Forum - Dialoque of Civilizations", um Eliten aus verschiedenen Erdteilen und mit unterschiedlichen Weltanschauungen miteinander ins Gespräch zu bringen.

Fläche: 783.562 km²

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Staatsoberhaupt: Abdullah Gül

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