Putin-Vorstoß Militärexperte warnt vor Raketenschild in Aserbaidschan

Die Nato hat skeptisch auf den Vorstoß von Wladimir Putin reagiert, Russland und die USA sollten gemeinsam einen Raketenschild in Aserbaidschan aufbauen. Das Land liege zu nah an den "Schurkenstaaten". Auch ein Militärexperte in der Kaukasusrepublik warnt.


Brüssel/Baku - Es sei "ein bisschen früh" zu urteilen, ob die Station in Gabala tatsächlich für ein gemeinsames Raketenabwehrsystem genutzt werden könne, sagte der Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer. Er sei zwar "kein technischer Experte", doch scheine ihm der von Kreml-Chef Putin vorgeschlagene Standort Aserbaidschan "ein bisschen zu nah an den Schurkenstaaten", gegen die sich der Schild wenden solle. Die USA hatten erklärt, das geplante System solle unter anderem gegen Raketenangriffe aus Iran und Nordkorea schützen.

Aserbaidschans Präsident Alijew: Zu nah an den Schurkenstaaten?
DPA

Aserbaidschans Präsident Alijew: Zu nah an den Schurkenstaaten?

Putin hatte US-Präsident George W. Bush gestern in Heiligendamm überraschend vorgeschlagen, den Militärstützpunkt Gabala in der Kaukasusrepublik gemeinsam zu nutzen. Damit sei der Aufbau einer in Tschechien von den USA geplanten Radarstation nicht mehr notwendig. Entsprechende Pläne Washingtons hatten zu einer schweren Krise mit Moskau geführt.

Aserbaidschan erklärte sich unterdessen bereit, mit Russland und den USA über die gemeinsame Nutzung der Radarstation in Gabala zu verhandeln. Eine Nutzung der Anlage im Rahmen des Raketenschildes bringe "mehr Stabilität in die Region und mache die Situation besser vorausschaubar", sagte Außenminister Elmar Mamediarow. Die drei Staaten seien sich einig, dass nun bilaterale und trilaterale Verhandlungen notwendig seien. Eine Zusammenarbeit auf dem Gebiet schade auch nicht den Beziehungen Aserbaidschans zu Iran, der von Washington als potenzielle Gefahr eingestuft wird. Putin hatte bereits in Heiligendamm gesagt, der aserbaidschanische Präsident Ilcham Alijew habe dem Vorhaben in einem Gespräch zugestimmt.

Auch Militärexperte in Baku warnt

Der aserbaidschanische Militärexperte Rauf Radschabow hält eine russisch-amerikanische Zusammenarbeit in seinem Land für "sehr unwahrscheinlich". Eine solche Initiative wäre für Aserbaidschan als Nachbarstaat Irans eine "zu große Bedrohung", sagte der Leiter des Forschungszentrums "Frieden, Demokratie und Kultur" in Baku der Agentur Regnum.

Radschabow erinnerte daran, dass Iran und Aserbaidschan eine gegenseitige Verpflichtung unterschrieben hätten, die feindliche Handlungen dritter Staaten auf ihren Gebieten untersagt. "Teheran würde die gemeinsame Nutzung des Radars von Russen und Amerikanern und die Aufstellung eines Raketenabwehrsystems als ernsthaften Verstoß Bakus gegen das ratifizierte Dokument und als große Bedrohung auffassen", sagte Radschabow.

Aserbaidschan sollte aus Sicht des Experten entsprechende Absichten der USA diplomatisch ablehnen. Andernfalls könnte das Land zwischen dem Kaspischen Meer und dem Kaukasus selbst zur Zielscheibe werden, sagte Radschabow. Militärische Handlungen der USA auf dem Gebiet Aserbaidschans würden zwangsläufig einen Gegenschlag der Iraner provozieren. Der Experte warnte vor einem möglichen nuklearen Konflikt in der Region, der alle Staaten treffen würde.

Die Radaranlage Gabala liegt im Norden von Aserbaidschan, einer früheren Sowjetrepublik. Sie wurde 1984 als Teil des sowjetischen Frühwarnsystems in Betrieb genommen. Russland zahlt jährlich sieben Millionen Dollar dafür, dass es die Anlage in Gabala betreiben darf. Der Vertrag läuft über zehn Jahre seit 2002. Der damalige russische Verteidigungsminister Sergej Iwanow hatte im Januar vergangenen Jahres gesagt, das Radarsystem reiche 6000 Kilometer weit - bis in den Nahen und Fernen Osten sowie in Teile von Afrika.

als/AFP/AP



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