Russlands Antwort auf US-Angriff in Syrien Harsche Worte, aber kein Rückschlag

Die USA haben mit Großbritannien und Frankreich Ziele des syrischen Diktators Assad mit Kampflugzeugen angegriffen. Dessen Schutzherr Wladimir Putin ließ den Westen gewähren, in Russland wird der Militärschlag kleingeredet.

Wladimir Putin
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Wladimir Putin

Von , Moskau


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Wer in Russland einen der staatlichen TV-Kanäle anschaltete oder eine der kremlnahen Zeitungen aufschlug, dem konnte angst und bange werden: "Beginnt Macho Trump den Dritten Weltkrieg?", fragte das Massenblatt "Komsomolskaja Prawda" vor wenigen Tagen. Im Staatsfernsehen wurde erklärt, welche Lebensmittel - und vor allem Wasser - man horten solle. Man sei nur einen Schritt entfernt vom Krieg, ließ auch die Regierungszeitung "Rossijskaja Gazeta" ihre Leser wissen: "Wird Amerika sich für einen Schlag gegen Syrien entscheiden und einen ernsthaften Konflikt mit Russland riskieren?"

Die USA haben sich nun entschieden: Als Vergeltung für einen mutmaßlichen Giftgasangriff auf die Stadt Duma führten sie mit ihren Verbündeten Großbritannien und Frankreich am frühen Samstagmorgen einen Militärschlag gegen Einrichtungen und Stellungen des Militärs von Präsident Baschar al-Assad aus.

Und Präsident Wladimir Putin ließ sie gewähren.

Zwar handelte es sich um einen stärkeren Luftschlag im Vergleich zu jenem vor einem Jahr. Im April 2017 ließ US-Präsident Donald Trump in Reaktion auf einen Angriff mit dem Nervenkampfstoff Sarin auf den Ort Khan Scheikhun knapp 60 Marschflugkörper auf das Flugfeld Schayrat abfeuern. Nun trafen etwa doppelt so viele Marschflugkörper und Raketen, abgefeuert von drei US-Kriegsschiffen, einem britischen U-Boot und Kampfflugzeugen der beteiligten Staaten mehrere Ziele, darunter auch eine Produktionsstätte für Sarin.

Im Video: Trumps Ansprache im Wortlaut

Aber die von Russland gesetzte rote Linie wurde nicht überschritten:

  • Erstens wurden keine russische Basen oder Infrastruktur in Syrien getroffen. Die Stützpunkte bei Tartus und Latakia, der Luftwaffenstützpunkt Hmeimim, blieben unversehrt, wie das russische Verteidigungsministerium erklärte. Generalstabschef Walerij Gerassimow hatte am 13. März deutlich gemacht: Ein Angriff des Westens werde nicht ohne Folgen bleiben, sobald russische Soldaten, die etwa als Militärberater in Syrien im Einsatz sind, dabei zu Schaden kommen.
    Auch wenn das Pentagon dem russischen Militär vorab keine konkreten Zielkoordinaten wie von vor einem Jahr übergab, war klar, nachdem US-Präsident Trump Russland auf Twitter mit seinen "schönen, schlauen Raketen" auf Syrien gedroht hatte, dass Amerika militärisch eingreifen werde. Es blieb den russischen Militärs also genügend Zeit, sich aus syrischen Militärstandorten zurückzuziehen. Auch Einheiten von Assads Armee sollen in den vergangenen Tagen Waffen verlegt haben. Zudem informierte die USA den russischen Generalstab kurz vor Beginn der Militäroperation über deren Start. Russland kontrolliert den syrischen Luftraum über Syrien.
  • Zweitens gab es keinen direkten Angriff auf Moskaus Schützling, Staatschef Baschar al-Assad. Der Präsidentenpalast in Damaskus wurde nicht attackiert.

  • Drittens handelte es sich um einen einmaligen, begrenzten Militärschlag.

Putin hat somit keinen Grund, die Lage militärisch eskalieren zu lassen, zumal der russische Syrien-Einsatz im Land nicht gerade beliebt ist. Einen direkten militärischen Zusammenstoß konnten Russland und die USA auch dieses Mal in Syrien vermeiden. Beide - Trump, der mit seinem Raketen-Tweet vorgeprescht war, und Putin - können so ihr Gesicht wahren.

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Syrien: Angriff in der Nacht

Die Frage ist, wie lange das noch gut gehen kann. Der Syrienkrieg, aus dem sich Trump eigentlich rausziehen will, aber nicht kann, was der Luftangriff noch einmal demonstriert hat, wird sich womöglich endlos ziehen. Eine politische Lösung, wie sie Moskau mit militärischen Mitteln versucht zu erzwingen, ist fern. Auch eine Friedenskonferenz in Sotschi hat kaum Fortschritte erbracht. Ein Treffen von Trump und Putin, das man sich in Moskau irgendwie immer noch erhofft, scheint angesichts der Ermittlungen zur russischen Rolle während des US-Wahlkampfs und den neuen Sanktionen Washingtons in der kommenden Zeit kaum realistisch.

Putin sorgt sich um die internationalen Beziehungen

Die politische Konfrontation hatte sich in den vergangenen Wochen durch den Giftanschlag auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal und die gegenseitigen Strafmaßnahmen verschärft. Putin verurteilte in einer vom Kreml veröffentlichen Erklärung am Samstag die Luftangriffe scharf. Er sprach von einem "Akt der Aggression gegen einen souveränen Staat", den er mit Vorgehen der westlichen Staaten gegen Jugoslawien, Irak und Libyen verglich.

Gleichzeitig versucht er sich nun in Kontrast zu Trump als besonnenen Staatsführer zu inszenieren, der sich auf das internationale Recht beruft und um die internationalen Beziehungen sorgt. Ein Schritt, der sich vor allem innenpolitisch erklären lässt, präentiert sich Putin doch als der Anführer, der dem feindlichen Westen die Stirn bietet.

Im Westen aber sorgen solche Erklärungen angesichts der Unterstützung von Assad, dem die Uno-Untersuchungskommission für Syrien 27 Chemiewaffenangriffe seit Beginn des Syrienkrieges zulasten legt, der Annexion der Krim und dem Krieg in der Ostukraine überwiegend für Kopfschütteln.

Video: Syrische Flüchtlinge reagieren auf Militärschlag

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"Die aktuelle Eskalation der Situation rund um Syrien wirkt sich zerstörerisch auf das gesamte System der internationalen Beziehungen aus", ließ Putin erklären. Die USA verschärften das Leid der Bevölkerung im Land, was zu noch mehr Flüchtlingen führe. Als zynisch verurteilte der russische Präsident den Umstand, dass die Experten der Organisation für das Verbot der Chemiewaffen noch gar nicht in Duma zu arbeiten begonnen hätten.

Putin forderte eine Sondersitzung des Uno-Sicherheitsrats, der noch am Samstag tagte. Bisher hat Moskau in diesem Gremium jede Resolution gegen Syrien blockiert.

Moskaus sich widersprechende Erklärungen

Schrille Töne überließ Putin am Samstag den Vertretern der zweiten und dritten Reihe. Maria Sacharowa, Sprecherin des Außenministeriums, warf den drei westlichen Staaten vor, den Friedensprozess in Syrien zu gefährden. Der Angriff sei zu einem Zeitpunkt geschehen, als Syrien endlich eine echte Chance auf Frieden bekommen habe. Allerdings fragt man sich, was Sacharowa angesichts der Bombardements von Assads Truppen in Ghuta mit Frieden genau meint. Für den mutmaßlichen Giftgasangriff auf Duma gebe es nach wie vor keine Beweise nur Medienberichte, sagte sie. (Was wir über den Giftgasangriff auf Duma wissen - lesen Sie hier die Analyse.)

Moskau hatte den Chemiewaffeneinsatz erst einen "Fake" genannt, um dann andere Erklärungen nachzulegen.

Am Freitag sprach Außenminister Sergej Lawrow dann von erdrückenden Beweisen, die belegen würden, dass der Chemiewaffenangriff eine Inszenierung des Geheimdienstes eines Landes gewesen sei - es handele sich um den Staat, der derzeit eine russophobe Kampagne anführe. Später nannte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums dann Großbritannien beim Namen.

Militärschlag kleinreden

Russlands Botschafter in Washington, Anatolij Antonow, meldete sich am Samstag als Erstes nach dem Ende des etwa einstündigen Militärschlags zu Wort, er drohte mit Konsequenzen. Eine Erklärung, die aber im Staatsfernsehen später kaum eine Rolle spielte.

Dort bemühte man sich den Militärschlag kleinzureden, auch um deutlich zu machen, dass es sich allenfalls um einen symbolischen Angriff gehandelt habe, auf den es nicht wert sei zu reagieren, wie der Moskauer Außenpolitik-Experte und Publizist Wladimir Frolow es zusammenfasste.

Bilder von Erdkratern und Trümmern von Militäranlagen aus Syrien wurden gezeigt. Tote habe es nicht gegeben, erklärte ein Reporter bei Rossija 24, nur fünf verletzte Zivilisten in Homs. General Sergej Rudskoj erklärte in Moskau, dass von den 103 abgefeuerten Marschflugkörpern und Raketen 71 vom syrischen Militär abgefangen worden seien - und das mit ihrer Luftabwehr noch aus Sowjetzeiten. Inwieweit das stimmt, ist unklar. Das Pentagon erklärte, die syrische Systeme seien weitgehend ineffektiv gewesen. Die in die Jahre gekommene Luftabwehr ist zum Beispiel nicht in der Lage, relativ tief fliegende Cruise Missiles abzufangen.

Auf dem Bildschirm hinter Rudskoj zeigte das russische Militär Bilder vom Verkehr aus Damaskus - ganz so, als ob nichts geschehen wäre.


Zusammengefasst: Mit Großbritannien und Frankreich haben die USA Ziele des syrischen Diktators Baschar al-Assad angegriffen. Moskau, das die Kontrolle über den syrischen Luftraum hält, ließ den begrenzten Militärschlag zu. Russische Basen oder Infrastruktur wurden nicht attackiert. Präsident Wladimir Putin verurteilte den Luftangriff als "Akt der Aggression gegen einen souveränen Staat". In den Staatsmedien versuchte man die Bedeutung der Attacke runterzuspielen.

Mitarbeit: Matthias Gebauer



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