Putins Drohungen Supermann auf Großmacht-Mission

Eiskalte Miene, martialische Sprache: Russlands Präsident Putin bringt seinen Bürgern "grandiose" Atomrüstungspläne nahe - und präsentiert der Welt auto-erotische Großmachtfantasien. Mit Antiamerikanismus umwirbt er seine Wähler.

Von Klaus-Helge Donath, Moskau


"Sind Sie es wirklich? Oh Gott, nein, oh vielen, vielen Dank", säuselt eine aufgeregte Frauenstimme. Dann bricht die Leitung ab. Eine Frage stellt die Anruferin aus der fernen Provinz Präsident Wladimir Putin nicht mehr. Die Dame scheint überwältigt, sie war tatsächlich durchgekommen - zu ihm.

Der Kreml veranstaltete den einmal jährlich stattfindenden Dialog der Führung mit dem Volk. Per Telefon, übers Internet und in Live-Schaltungen können sich Bürger mit Sorgen und drängenden Fragen an den Kremlchef wenden. Mehr als 2,5 Millionen Anfragen sollen diesmal eingegangen sein. Wieder mal ein Rekord, vermeldeten die Statistiker der staatlich kontrollierten elektronischen Medien. Das Bürgerengagement kennt keine Grenzen.

Genau dieser Enthusiasmus ist es, der an der Spontaneität Zweifel aufkommen lässt. Die Bürger sind so weit von Politik und Staat entfernt wie seit Jahren nicht mehr. Müssen da Zufälle inszeniert werden, um zwischen Volk und Führung Nähe herzustellen? Das Drehbuch stammt aus der Sowjetzeit. Wladimir Putin ist ein Meister dieses Genres. Der Kremlchef nutzte die Chance, um auch international wieder für Gesprächsstoff zu sorgen.

Bellizistischer Tonfall

So kündigte Putin an, bis 2015 die russischen Streitkräfte mit modernsten Kampfjets, Atom-U-Booten und neuen Interkontinentalraketen auszurüsten. Das seien grandiose und auch realisierbare Pläne, meinte der Präsident: "Wir werden eine Raketentechnologie entwickeln, einschließlich vollkommen neuer nuklearstrategischer Systeme, vollkommen neu." Neben den Waffensystemen des atomaren Dreiklangs aus U-Boot-Flotte, Raketen und Luftwaffe sollten auch konventionelle Waffen erneuert werden.

Drohungen in bellizistischem Tonfall gehören inzwischen zum Standardrepertoire des Kremls, der über die amerikanischen Pläne, in Tschechien und Polen Raketenabwehrsysteme aufzustellen, seit Monaten erbost ist. Russland sieht sich durch das Abwehrsystem in unmittelbarer Nähe seiner Grenze bedroht und kündigte schon an, sich aus dem Vertragswerk über Konventionelle Streitkräfte in Europa und dem INF-Vertrag zurückzuziehen. Beim Fernsehauftritt drohte Putin auch erneut mit einer Verlegung russischer Waffensysteme, sollten die USA an den Raketenplänen festhalten: "Ich kann versichern, dass solche Schritte derzeit vorbereitet werden."

Putins eiskalte Miene und martialische Sprache verleihen derartigen Äußerungen etwas Bedrohliches. Dennoch wiederholte Putin nur, was hinlänglich bekannt ist. Die Aufrüstung und Erneuerung des Nuklearpotentials ist seit Jahren geplant. Verschiebung der Waffensysteme und Wiederausrichtung auf europäische Ziele wären eine Angelegenheit von wenigen Minuten, während die Runderneuerung der konventionellen Ausrüstung der Armee dringend erforderlich ist. Russlands Militärbudget betrug im Jahr 2006 rund 60 Milliarden Dollar. Das ist ein Bruchteil des US-Wehrhaushaltes und weniger, als Frankreich für die Verteidigung aufbringt. Den Löwenteil des russischen Verteidigungsetats verschlingen Personalkosten. Diese Modernisierungsmaßnahmen hatte Putin schon in seiner ersten Amtszeit angekündigt, ohne die Pläne jedoch umzusetzen.



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