S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Ideologie vom überlegenen Volk

Wladimir Putin als ideologischer Nachfolger der linken Sowjetführer? Unsinn. Wer die Reden des russischen Präsidenten liest, muss erkennen: Seine ideellen Bezugspunkte liegen im Faschismus.

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Russlands Präsident Putin: "Der Tod ist schrecklich, nicht wahr?"
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Russlands Präsident Putin: "Der Tod ist schrecklich, nicht wahr?"


Um Wladimir Putin zu verstehen, muss man ihm zuhören. Man muss lesen, was er will, und mehr noch, was er zu verhindern sucht. Aufschlussreicher als die Vorhaben und Versprechen eines Politikers sind seine Aversionen und Ängste.

Was also ist es, was Putin umtreibt? Das zentrale Thema aller Reden ist die Einkreisung, die Bedrohung durch Mächte, die das russische Volk am Boden halten wollen, weil sie seine innere Stärke fürchten. "Sie versuchen ständig, uns in eine Ecke zu drücken, weil wir die Dinge so nennen, wie sie sind, und uns nicht mit Heuchelei beschäftigen", erklärte er in seiner März-Rede vor Vertretern der Duma. "Es gibt genug Kräfte in der Welt, die Angst vor unserer Stärke haben, unserer Größe, deshalb versuchen sie uns in Teile zu spalten."

Bedrohung der russischen Seele

Bis heute wird die neue Außenpolitik des Kreml vornehmlich geopolitisch verstanden, als ginge es darum, einiges von dem in der Auflösung des Sowjetreichs verlorenen Gebiet zurückzuholen. Aber das ist ein Missverständnis. Wenn Putin von den Feinden des russischen Volks spricht, denkt er grundsätzlicher, tiefer. Die Mächte, denen er den Kampf angesagt hat, trachten nicht nur danach, ihren Einflussbereich immer weiter nach Osten zu verschieben, sie greifen nach der russischen Seele. Das ist es, was er meint, wenn er davon spricht, dass sich Russland gegen den Westen zur Wehr setzen müsse.

Wie sieht diese Seele aus? Auch dazu hat Putin Auskunft gegeben: "Ich denke, dass der russische Mensch, oder allgemeiner der Mensch in der russischen Welt, vor allem anderen an seine moralische Verpflichtung denkt, an eine höchste moralische Wahrheit." Im Gegensatz dazu steht der Westen mit seiner Fixierung auf Erfolg und Wohlstand oder wie es Putin ausdrückt: "das persönliche Selbst". Es ist also ein ideologischer Kampf, den Russland aus Sicht seines Präsidenten kämpft: gegen die Oberflächlichkeit des Materialismus, gegen den Verfall der Werte, gegen die Verweiblichung und Verweichlichung der Gesellschaft, die mit der Auflösung aller traditionellen Bindungen einhergeht, kurz: gegen alles Unrussische.

Achtung: Verwechslungsgefahr!

Bis heute haben viele Mühe, die Natur des Mannes zu erkennen, der gerade dabei ist die europäische Friedensordnung auf den Kopf zu stellen. Vielleicht trauen wir uns nicht, die richtigen Vergleiche zu ziehen, weil sie uns an eine Zeit erinnern, von der wir dachten, das sie für immer hinter uns liegt. Bei der Linkspartei und in Teilen der Sozialdemokratie sieht man in Putin immer noch einen Mann in der Tradition der sowjetischen Parteiführer, die für eine wie immer geartete Idee des Sozialismus standen. Deshalb funktionieren dort auch noch die alten Solidarisierungsreflexe. Aber das beruht auf einer Verwechslung: Putin ist nicht Postkommunist, er ist Postfaschist.

Wenn man nach historischen Referenzmarken sucht, dann ist der richtige Bezugspunkt nicht Sarajevo 1914, sondern Rom 1919. Wer sich in den Echokammern und Metaphernräumen bewegt, in denen Putin unterwegs ist, erkennt eine ganze Reihe von Topoi wieder, die auch bei der Geburt des Faschismus Pate standen. Da ist der Körperkult, die pathetische Rhetorik der Selbstbehauptung, die Abwertung des Gegners als verkommen und degeneriert, die Verachtung der Demokratie und des westlichen Parlamentarismus, der übersteigerte Nationalismus.

Bei den Freiheitsfeinden am rechten Rand haben sie die Witterung sehr viel früher aufgenommen. Hier hat man sofort verstanden, dass in Putin jemand zu Europa spricht, der ihre Zwangsvorstellungen und Ressentiments teilt. Putin revanchiert sich bei seinen Bewunderern, indem er sie als Verwandte im Geist anerkennt. "Was das Überdenken von Werten angeht, sehen wir in Europa denselben Prozess", sagte er in seinem Fernsehauftritt am vergangenen Donnerstag und verwies auf den "Sieg von Viktor Orban in Ungarn", den "Erfolg von Marine Le Pen in Frankreich". Es war die einzige Stelle in dem vierstündigen Interview, bei dem er etwas Positives über Europa zu sagen wusste.

Historische Mission des russischen Volkes

Man hat die Gesetzgebung gegen Homosexuelle in ihrer Bedeutung nicht richtig verstanden, als sie vor einem Jahr auf den Weg gebracht wurde. Heute sieht man, dass sich hier zum ersten Mal das neue Russland zu erkennen gab. Was mit den Anti-Schwulen-Gesetzen begann, setzt sich auf anderer Ebene fort: Die Fortschreibung des Gedankens, dass bestimmte Gruppen minderwertig seien, ist der Glaube an die Überlegenheit des eigenen Volkes.

Wenn Putin den Mythos von Moskau als dem "dritten Rom" aufgreift, wird klar, dass er dem russischen Volk eine historische Mission zuweist. Russland fällt nicht nur die Rolle zu, an seinen Grenzen der westlichen Dekadenz Einhalt zu gebieten, es wird für alle zur letzten Bastion, die in diesem Ringen schon die Hoffnung aufgegeben hatten. Damit ist aber auch gesagt, dass Russland niemals nachgeben darf.

"Der Tod ist schrecklich, nicht wahr?", fragte Putin seine Zuschauer am Ende seines Fernsehauftritts. "Aber nein, es scheint, er kann sehr schön sein, wenn er anderen dient: der Tod für einen Freund, für ein Volk oder für das Heimatland, um ein modernes Wort zu nutzen." Das ist nicht nur ein wenig, das ist lupenreiner Faschismus.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 341 Beiträge
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Seite 1
kwik-e-mart 01.05.2014
1. Danke
für diese klaren, unmissverständlichen Worte. Sie, Herr Fleischhauer, sind einer der Wenigen, die nicht in das ganze Geheul der Putin-Versteher und Amerika-Hasser einstimmt. Putin zeigt jeden Tag aufs Neue, wie hintertrieben er ist, wie er sein Volk mit den Mitteln des Faschismus manipuliert, andere Nationen gegeneinander ausspielt. Leider findet dieses perfide Spiel in DEU unverständlich viel Zustimmung. Nichts gelernt aus der Vergangenheit?
angel121 01.05.2014
2.
zum ersten Mal ein Fleischhauer-Artikel, dem ich voll und ganz zustimmen kann - meine Güte, Herr Fleischhauer, in Ihnen brennt ja doch ein liberaler, aufgeklärter Geist! Respekt - und Zeit für alle Linken zu erkennen, wes Kindes Putin ist. Welche politische und ggf. militärische Abschreckungsstrategie gewählt werden muss ist eine andere Frage. Ich denke, hier ist zunächst mal der richtige Weg, vor allem den europäischen Gedanken von Freiheit, Gleichheit und Solidarität in Europa wirklich zu leben und ihn von den Reichen bezahlen zu lassen - und so diese Gedanken auch für die Ukrainer interessant werden zu lassen. Das ist das beste, wenn vielleicht auch nicht das einzige Rezept gegen Faschismus!
joG 01.05.2014
3. Früher dachte man hier auch lautstark darüber nach....
....wie überlegen das deutsche Volk doch wäre. Vorübergehend sah es ja auch so aus. Nun ist man zwar nicht geheilt, ist aber weniger laut mit seiner Meinung. So wird es den Russen auch gehen. Mal sehen wie viel Unheil sie anrichten bis dahin.
übel_ismir-schonlang 01.05.2014
4. Wir haben die Wahl ...
... zwischen lupenreinem Faschismus a la Putin oder westliche Dekadenz a la EU. Was ist schlimmer und gibt es eventuell einen Dritten Weg?
niftyswifty 01.05.2014
5. Russischer Faschismus
Dieser Artikel hat in allen Punkten Recht. Und es ist traurig, dass es so vergleichsweise viele Menschen in Deutschland gibt, die sich auf Putins Seite stellen. Warum fällt es vielen so schwer, Faschismus zu erkennen und ihn zu bekämpfen? Sie wollen es anscheinend nicht wahr haben.
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