Putins schöne, junge Garde: Ablösung für die Abnicker-Apparatschiks

Von , Moskau

Bunter soll die Fraktion werden - und vor allem hübscher: Wladimir Putin krempelt rechtzeitig vor den Duma-Wahlen seine Mannschaft um und schickt Jung-Gardisten wie Aljona Arschinowa vor. Die frechen Forderungen des Nachwuchses dürften ihm allerdings kaum ins Programm passen.

Putins junge Garde: Unsere Partei soll schöner werden Fotos
RIA Novosti

Der Auftrag, den Wladimir Putin seinen jungen Anhängern mit auf den Weg gegeben hat, steht eingefasst in einem goldenen Rahmen im Hauptquartier seiner "Jungen Garde". "Jede Partei, die viele Jahre an der Macht ist, gewöhnt sich daran", mahnt der "Nationale Führer" da. Sie entfremde sich von den "realen Problemen der Bürger". Auf allen Eben brauche die Staatsmacht deshalb "neue Leute". Das ist der Marsch-Befehl von Russlands starkem Mann für seine jugendlichen Anhänger. Man könnte ihn übersetzen mit: "Vorwärts, ab in die Institutionen."

Putin, der im Mai 2012 wohl wieder in den Kreml zurückkehren wird, hat seiner Partei eine Frischzellenkur verordnet, weil er bei "Einiges Russland" eine gewisse "Blutarmut" diagnostizierte. Tatsächlich gilt die Partei als Ansammlung farbloser Abnicker, von blassen Gouverneuren und stiernackigen Beamten.

Bei den Duma-Wahlen im Dezember aber soll die Fraktion von "Einiges Russland" bunter werden, und hübscher. Die Hälfte der bisherigen ER-Abgeordneten wird dann ihre Sitze verlieren. Sie werden ersetzt durch "neue Gesichter", wie Spitzenkandidat und Noch-Präsident Dmitrij Medwedew sagte.

Gesichter wie das von Aljona Arschinowa.

Thema der neuen Jungen Garde: das Internet

Die 25-jährige Chefin der "Jungen Garde" sitzt im Moskauer Büro der Jugendorganisation von "Einiges Russland". Nach den Dumawahlen im Dezember soll sie in Russlands Parlament einziehen. Auf einem Tischchen steht ein Bild, das Putin mit Noch-Präsident Dmitrij Medwedew und Wladislaw Surkow zeigt, dem Chef-Ideologen des Kremls. "Sbornaja Rossii" steht darunter. Team Russia. Wenn sie an Putins Ausrufung zum nächsten Präsidentschaftskandidaten denke, sagt Arschinowa, "bekomme ich noch immer Gänsehaut". Auf dem Parteitag durfte sie bei einer Diskussionsrunde sogar neben dem Premier sitzen.

Arschinowa verkörpert die neue "Generation Putin". Vorbei sein sollen die Tage, in denen die Jugendbewegungen des Kreml wie die "Naschi - Die Unsrigen" vor allem durch Krawall und Ausfällen gegen das Ausland und die Opposition auf sich aufmerksam machten. 2007 attackierten Naschi-Aktivisten sogar die estnische Botschafterin in Moskau. Im November 2010 dann geriet die "Junge Garde" ins Zwielicht, weil der Kreml-kritische Journalist Oleg Kaschin von Unbekannten fast totgeschlagen wurde, nachdem auf der Web-Seite "Garde" ein Aufruf veröffentlicht worden war, den Reporter zu "bestrafen". Sie habe nichts mit dem Überfall zu tun, betonte die Garde und entschuldigte sich für die Hetze. Die Redaktion der Website aber wurde vom Kreml ebenso ausgewechselt wie die Führungsetage.

Garde-Chefin Arschinowa kämpft nun um die Gunst junger Wähler, indem sie sich für freien Internetzugang an allen Universitäten im Riesenreich stark macht, für eine "WLAN-Epidemie", so nennt sie das Projekt. "Viele Rektoren sperren sich dagegen", sagt sie. Die korrupten Apparatschiks vergäben lieber Lizenzen und Aufträge an undurchsichtige und teure Provider. Inzwischen hat die Garde Dutzende Wohnheime in ganz Russland an das Internet angeschlossen. In Iwanowo, 250 Kilometer östlich von Moskau, hat Arschinowa sogar sieben Buslinien mit kabellosem Internet ausgerüstet, die die Universität ansteuern.

Soldatin der Modernisierung

Neulich durfte sie sogar Wladimir Putin persönlich von ihren Erfolgen berichten, bei einem Treffen des Regierungschefs mit Aktivisten seiner "Volksfront", und hinterließ offenbar nachhaltigen Eindruck. Tags darauf machte die Regierung acht Milliarden Rubel für Bau und Renovierung von Studentenwohnheimen locker, umgerechnet knapp 200 Millionen Euro, und Präsident Medwedew versprach Russlands Studenten kostenloses "WLAN überall".

Aljona Arschinowa sieht ein bisschen aus wie Evelyn Salt, eine von Angelina Jolie gespielte Doppelagentin im Hollywood-Film "Salt". Im Internet wird sie als "Soldatin der Modernisierung" vorgestellt. Sie steht für den Versuch des Kremls, nicht nur Wirtschaft und Wissenschaft zu reformieren, sondern auch die eigene Machtbasis. "Entweder, wir modernisieren das Land, oder wir müssen bereit dafür sein, dass unsere Kinder und Enkel ihre Koffer packen werden, um das Land zu verlassen", sagt Arschinowa.

Neben Putin-Bildern ziert das Porträt eines anderen Idols das Office der "Junge Garde": ein Foto von Ernesto Che Guevara. Es ist ein Andenken an Arschinowas Anfangsjahre als Kontra-Revolutionärin. Ihr Vater diente damals als russischer Soldat in Transnistrien. Der winzige Landstrich zwischen Ukraine und Moldau ist ein Pseudo-Staat mit einer eigenen Regierung und Ministerien, aber von keinem Land der Welt anerkannt. Offiziell gehört er zur Republik Moldau. Transnistrien pocht aber auf seine Unabhängigkeit. Das Wappen des russischen Protektorates zieren noch heute ein roter Stern und Hammer und Sichel. Auch deshalb wird Transnistrien "Museum der Sowjetunion genannt".

Beim Parteitag an der Seite des Premiers

Als zwischen 2003 und 2005 eine Welle von "Farbigen Revolutionen" über Osteuropa und Zentralasien rollte, ergriff die besorgte Staatsmacht Transnistriens Gegenmaßnahmen. Dmitrij Soin, ein Oberstleutnant der Staatssicherheit, hob die Jugendbewegung "Proryw - Durchbruch" aus der Taufe, als Mittel gegen den "orangefarbenen Bazillus", der auch das Nachbarland Ukraine befallen hatte. Zur Ikone der Bewegung wurde Che Guevara erkoren, zu ihrer Führerin Aljona Arschinowa.

2007 zog sie nach Moskau. An der soziologischen Fakultät der Moskauer Lomonossow-Universität promoviert sie über "Jugendextremismus in Russland".

Beobachter in Moskau erstaunt der steile Aufstieg Arschinowas. Am Donnerstag druckte die Boulevardzeitung "Moskowskij Komsomolez" deshalb ein Foto von Arschinowa und Putin auf der Titelseite und spekulierte, der Premier habe offenbar Gefallen an der Aktivistin gefunden. Nur so, glaubt die Zeitung, sei zu erklären, dass Arschinowa, eigentlich nur Elfte bei den Vorwahlen im Gebiet Pensa, plötzlich auf Platz fünf der Regionalliste auftauchte - und beim Parteitag an der Seite des Premiers.

Kurz vor dem Ende der Sektion "Zivilgesellschaft" ergriff Arschinowa das Wort und lenkte die Aufmerksamkeit auf die Pressefreiheit, um die es in Russland seit Putins Amtsantritt im Jahr 2000 immer schlechter bestellt ist. Vor allem in den Provinzen hielten sich Gouverneure und Beamte eine eigene Hofpresse. "Vielleicht könnten Sie ihnen einen Wink geben, um den Weg frei zu machen für eine freie Presse, denn Journalisten wissen immer, welche Machenschaften vor Ort vorgehen", sagte Arschinowa.

Man würde sich wünschen, dass Putin sie auch diesmal erhört. Wahrscheinlich aber ist das nicht.

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insgesamt 66 Beiträge
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    Seite 1    
1. ......
Nonvaio01 03.10.2011
Zitat von sysopBunter soll die Fraktion werden - und vor allem hübscher: Wladimir Putin krempelt rechtzeitig vor den Duma-Wahlen seine Mannschaft um und schickt*Jung-Gardisten wie Aljona Arschinowa vor. Die frechen Forderungen des Nachwuchses dürften ihm allerdings kaum ins Programm passen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,789133,00.html
Also die duerfte bei mir fordern was Sie will...;-)
2. Pressefreiheit
EineStimme, 03.10.2011
Die Pressefreiheit steht doch in Teilen von Deutschland auch nur auf dem Papier. Da gibt es Monpolisten, die eine bestimmte Partei bevorzugen und Reporter die ihr Parteibuch als Notizblock benutzen. Eine größere Pressefreiheit hat für Putin auch Vorteile. Eine absolute Pressefreiheit eher Nachteile. Der Grundsatz sollte daher sein, dass der Kreml tabu ist und jeder andere kann kritisiert werden. Das ist keine lupenfreie Pressefreiheit, aber die gab es auch in anderen Ländern wie den USA, UK und Deutschland nicht von Anfang an. Demokratie muss erlernt werden und Schritt für Schritt von de Bevölkerung verinnerlicht werden. Alle jubeln über die Zeit unter Jelzin. Aber ich denke an die Oligarchen, die eine eigene Presse unterhielten, die dne Kreml kritisierten, aber nicht den eigenen Hausherrn, wie der zu sein Geld kam, war das etwa die Pressefreiheit, von dem der Autor träumt. Ich denke auch an die Millionen Arbeiter udn rentner, die ihr Geld nur verspätet bekamen, ist das Demokratie? Der Weg von Putin ist richtig. Zuerst das Land wirtschaftlich Stabilisieren und dann langsam nach und nach demokratisieren. Die Demokratie braucht wirtschaftlich stabile Verhältnisse, von einigen kleineren und größeren Krisen mal abgesehen.
3. Na und?
dregflow 03.10.2011
Ist doch bei der FDP nicht anders.
4. Toll!
booglins 03.10.2011
Ich finde die Entwicklung großartig. Genau das ist nötig, um das Land zu reformieren. Aber die Qualität des Berichts lässt zu wünschen übrig! "Sbornaja Rossija"->Team Russia. Also man kann das auch einfach ins Deutsche übersetzen, dann aber bitte richtig "Sbornaja Rossiji"-> Auswahl Russlands. P.S.: Ob Putin die Forderungen nun gefallen oder nicht, die Dame darf sie frei äußern und das ist demokratisch.
5. Russland
Hubert Rudnick, 03.10.2011
Zitat von sysopBunter soll die Fraktion werden - und vor allem hübscher: Wladimir Putin krempelt rechtzeitig vor den Duma-Wahlen seine Mannschaft um und schickt*Jung-Gardisten wie Aljona Arschinowa vor. Die frechen Forderungen des Nachwuchses dürften ihm allerdings kaum ins Programm passen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,789133,00.html
Es bedarf noch ein sehr langer Weg bis die Menschen von Russland das Lüftchen Freiheit mal einatmen können. Leider haben die Russen immer nur unter Diktaturen leben müssen und auch die 20 Jahre nach dem Untergang der UdSSR können sie noch nicht in einer Demokratie leben. Die Putins sind nur am Machterhalt interssiert, sie gewehren den eigenen Bürger immer nur soviel Freiheit wie sie ihr Spiel spielen können und wer da nicht mitmacht, der bekommt wieder die Macht von einigen Despoten zu spüren. HR
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Paukenschlag in Moskau: Putin soll zurück in den Kreml

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