Putins Triumph Der Zar weint

Wladimir Putin kehrt triumphal in den Kreml zurück. Angesichts des überragenden Wahlsiegs zeigt sich Russlands starker Mann unerwartet gerührt: Aber auch mit Tränen in den Augen teilt er gegen seine Gegner aus. Die Opposition plant schon neue Proteste.

Von , Moskau

REUTERS/ RIA Novosti

Als die Schlacht geschlagen ist und der Sieg überwältigend, tritt Wladimir Putin vor die Öffentlichkeit. Dmitrij Medwedew, Russlands Noch-Präsident, steht an seiner Seite, doch der Jubel der 100.000 Menschen, die sich vor dem Kreml versammelt haben, gilt nur Putin. "Ich danke allen, die Ja gesagt haben zu einem starken Russland", ruft er.

Der Auftritt vor seinen Anhängern am Abend seines Triumphes dauert nur wenige Minuten. Putin, 59, nutzt ihn zu einem Fazit der vergangenen drei Monate, der bleiernen Wochen seit der Parlamentswahl im Dezember, in denen die Opposition auf den Straßen von Moskau mehr und mehr Zulauf bekam und Putin mitunter wirkte wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. "Russia's incredible shrinking Prime Minister" hat ihn das "Time"-Magazin schon genannt, Russlands unglaublich schrumpfenden Premierminister. Doch dieser Sieg Putins ist so groß, dass der Moment ihn offenbar selbst überwältigt.

Als er auf der Bühne steht, den Roten Platz und den Kreml im Rücken und zehntausende jubelnde Menschen vor sich, fließen Tränen über seine Wangen. Wladimir Putin, der die Macho-Pose so liebt, weint.

Zu dem Zeitpunkt liegt er während der laufenden Auszählung der Stimmen schon bei 63 Prozent. Am frühen Montagmorgen verkündete die Wahlkommission in Moskau, Putin habe mit 63,78 Prozent gewonnen. Gennadij Sjuganow, der alternde Führer der Kommunisten, erreicht mit 17 Prozent abgeschlagen Platz zwei. "Die Proteste haben Putin aufgeweckt", sagt der Politologe Nikolai Slobin. "Er hat noch in keinem Wahlkampf so gearbeitet."

Doch auch mit Tränen in den Augen teilt Putin aus. "Wir haben gezeigt, dass uns niemand etwas aufzwingen kann", ruft er. Das Land habe sich in Acht genommen vor "politischen Provokationen", die "nur ein Ziel haben: die russische Staatlichkeit zu zerstören und die Macht an sich zu reißen."

Er tritt ab mit einem zackigen "Ruhm für Russland". Die Risse, die sein aggressiver Wahlkampf in Russland aufgetan hat, müssen andere für ihn kitten. Putin und sein Wahlkampfchef Stanislaw Goworuchin haben keine Gelegenheit verpasst, die Teilnehmer der Massendemonstrationen für faire Wahlen als gekaufte Handlanger des Westens, als "Dreck" oder "fette Moskauer Kater" zu beschimpfen.

Aber ausgerechnet das Staatsfernsehen räumt den eben noch als Staatsfeinde Verfemten eine Bühne ein. Da darf der liberale Politiker Wladimir Ryschkow, dessen Republikanische Partei vor fünf Jahren aufgelöst wurde, vor einem Millionenpublikum über "massive Wahlfälschungen" sprechen - und darüber, dass sein Wahlbündnis "Parnas" erst gar nicht zu dieser und der Parlamentswahl im Dezember zugelassen wurde.

Milliardär Prochorow ist der zweite Gewinner

Da wirft der Historiker und Medwedew-Biograf Nikolai Swanidse dem Putin-Lager vor, einen "konfrontativen Wahlkampf" geführt zu haben, in dem "jeder, der nicht für uns ist, gleich ein Feind Russlands ist".

Wahlfälschungen hat es auch dieses Mal gegeben. Im Internet häufen sich die Berichte über "Karusselle": So nennen die Russen die Praxis, wenn in Bussen Wähler von Wahllokal zu Wahllokal gekarrt werden, um dort abzustimmen. "Dieses Mal gab es noch eine neue Fälschungstechnik", sagt der liberale Oppositionelle Ryschkow. "Ganze Arbeitskollektive wurden in die Wahllokale gekarrt und mussten dann unter den Augen ihres Chefs abstimmen."

In der muslimisch geprägten Republik Dagestan im Nordkaukasus hielten Videokameras den Einwurf eines ganzen Stapels ausgefüllter Stimmzettel in eine Wahlurne fest. Die Abstimmung wird in dem Bezirk wohl annulliert.

Verlierer des Abends sind zwei alte Bekannte der russischen Politik: Der Nationalist Wladimir Wolfowitsch Schirinowski erreichte nur noch mit Mühe und Not sieben Prozent. Auch Gennadij Sjuganow, seit fast zwei Jahrzehnten Chef der Kommunisten, muss eine schwere Niederlage verdauen. Mit vorläufig 17 Prozent schneidet er deutlich schlechter ab als seine Partei im Dezember bei der Parlamentswahl - und das, obwohl viele liberal gesinnte Protestwähler "Onkel Sju" ihre Stimme leihen wollten. "Sjuganow und Schirinowski müssen weg", sagt Walerij Fadejew, Chefredakteur des Magazins "Expert" und Vertreter des liberalen Flügels in Putins Partei "Einiges Russland". Das System brauche "neue Leute".

Der Wahlabend fördert neben Putin einen zweiten Gewinner zu Tage: Michail Prochorow, den Milliardär. Im Laufe des Abends schiebt er sich an Schirinowski vorbei auf Rang drei. Nach Daten des WZIOM-Instituts liegt er in Zentralrussland sogar nahezu gleichauf mit dem Kommunisten Sjuganow.

Nach Schluss der Wahllokale wird der Shooting-Star der russischen Politik von Talk-Show zu Talk-Show gereicht. Keiner der Kandidaten bekommt an diesem Abend mehr Sendezeit eingeräumt. Prochorow, der sich im Wahlkampf zu wirtschaftsliberalen Werten und ein bisschen Kreml-Kritik bekannt hatte, ist das Trostpflaster, dass die Staatsmacht an diesem Abend den enttäuschten Liberalen anbietet. So sollen sie davon abgehalten werden, ab Montag wieder zu Tausenden zu den geplanten Anti-Putin-Demos zu strömen, die die Opposition angekündigt hat.

Nach seinem erfolgreichen Wahldebüt könnte Prochorow, der mit dem Segen des Kremls agiert, langfristig zu einer politischen Kraft werden. "Ich bin in guter Form", sagt Prochorow am Wahlabend. "Alles fängt jetzt erst an." Er will jetzt eine eigene politische Partei gründen.

Schon machen wieder Gerüchte die Runde, Putin könne Prochorow zu seinem Premier machen - als Friedensangebot an das rebellische Bürgertum. Der Oligarch bleibt abwartend. Er werde "den Posten in jedem Falle nicht annehmen".

An diesen Worten wird man ihn messen.

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zukunft007 04.03.2012
1. Tränen
Zitat von sysopREUTERSWladimir Putin kehrt triumphal in den Kreml zurück. Angesichts des überragenden Wahlsiegs zeigt sich Russlands starker Mann unerwartet gerührt: Aber auch mit Tränen in den Augen teilt er gegen seine Gegner aus. Die Opposition plant schon neue Proteste. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819221,00.html
das würden sich Frau Merkel und Herr Sarkozy auch wünschen. Obama stehts ja noch bevor. Bin mal gespannt,ob diese Tränen der Rührung vergiessen dürfen oder Tränen des Abdankens.
CA-Fire 04.03.2012
2. Mein Gott,
Zitat von sysopREUTERSWladimir Putin kehrt triumphal in den Kreml zurück. Angesichts des überragenden Wahlsiegs zeigt sich Russlands starker Mann unerwartet gerührt: Aber auch mit Tränen in den Augen teilt er gegen seine Gegner aus. Die Opposition plant schon neue Proteste. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819221,00.html
was ist mir das egal, wen die in Russland wählen. Wir haben in Deutschland ausreichend eigene Probleme.
cccatch 04.03.2012
3. Lupenreine Demokraten weinen auch manchmal
Zitat von sysopREUTERSWladimir Putin kehrt triumphal in den Kreml zurück. Angesichts des überragenden Wahlsiegs zeigt sich Russlands starker Mann unerwartet gerührt: Aber auch mit Tränen in den Augen teilt er gegen seine Gegner aus. Die Opposition plant schon neue Proteste. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819221,00.html
Warum soll er nicht weinen , es gibt ein Sprichwort in der Deutschen Sprache , " Keine Träne ist umsonst vergossen " Der Mann hat scheinbar wirklich Gefühle , hätte ich ihm vorab gar nicht so zu getraut . Matthias
Zeitwesen 04.03.2012
4.
Zitat von sysopREUTERSWladimir Putin kehrt triumphal in den Kreml zurück. Angesichts des überragenden Wahlsiegs zeigt sich Russlands starker Mann unerwartet gerührt: Aber auch mit Tränen in den Augen teilt er gegen seine Gegner aus. Die Opposition plant schon neue Proteste. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819221,00.html
tja...armes Russland
CA-Fire 04.03.2012
5. Mein Gott,
Zitat von sysopREUTERSWladimir Putin kehrt triumphal in den Kreml zurück. Angesichts des überragenden Wahlsiegs zeigt sich Russlands starker Mann unerwartet gerührt: Aber auch mit Tränen in den Augen teilt er gegen seine Gegner aus. Die Opposition plant schon neue Proteste. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819221,00.html
was ist mir das egal, wen die in Russland wählen. Wir haben in Deutschland ausreichend eigene Probleme.
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