Putsch auf den Malediven Diktator zurück im Urlaubsparadies

30 Jahre lang regierte er das Urlaubsparadies, bis er bei den ersten demokratischen Wahlen seine Macht verlor. Jetzt ist Diktator Maumoon Abdul Gayoom wieder zurück: Er steckt hinter dem Putsch auf den Malediven.

AP

Von Karl-Ludwig Günsche


Male - Es war ein Putsch wie aus dem Lehrbuch: Meuternde Polizisten verbündeten sich mit aufständischen Demonstranten, besetzten getreu der Devise Lenins für eine erfolgreiche Revolution die staatlichen Rundfunk- und Fernsehsender. Sie riefen zu Massenprotesten auf, zogen vor das Hauptquartier der kleinen, nur etwa 5000 Mann starken Armee und verlangten den Rücktritt des Präsidenten.

Mohamed Nasheed, Staatschef des Tausend-Insel-Reiches der Malediven, versuchte vergeblich, die Polizei an ihren Diensteid zu erinnern und zum Gehorsam zu bewegen. Seine Beschwichtigungsversuche gingen in ununterbrochenen "Gayoom, Gayoom"-Rufen unter.

Maumoon Abdul Gayoom ist Nasheeds Vorgänger. Der mächtige alte Mann hat sich mit seiner Wahlniederlage von 2008 nie abgefunden. Schließlich hatte er den Inselstaat vor Indiens Südspitze 30 Jahre lang autoritär und unangefochten regiert. Auch bei diesem - von den Tausenden Touristen in dem Ferienparadies fast unbemerkten - Putsch zogen er und seine Fortschrittspartei die Fäden.

Nasheed hatte am Schluss keine Wahl mehr, denn auch das Militär lief teilweise zu den Aufständischen über. Er sieht sich mittlerweile als Opfer eines Putsches, die Armee bestreitet diese Vorwürfe. Bewaffnete Polizei- und Armeeoffiziere hättten ihn bedroht, sagt Nasheed: "Sie haben mir gesagt, dass sie ihre Waffen benutzen, wenn ich nicht zurücktrete. Ich habe das als Drohung begriffen."

Die Zentrale von Nasheeds Demokratischer Partei ging in Flammen auf. Um Blutvergießen zu vermeiden, verkündete er schließlich seinen Rücktritt. Sein Stellvertreter Mohamed Waheed Hassan wurde sofort als Nachfolger vereidigt und erklärte staatstragend: "Das maledivische Volk hat heute eine folgenschwere Entscheidung getroffen. Dieser Entscheidung folgend werden wir Recht und Ordnung um jeden Preis aufrechterhalten." Seinem Vorgänger sagte er Schutz vor Vergeltungsangriffen zu. Nach Angaben der Behörden wurde Nasheed am Mittwoch von Polizisten und Soldaten an einem geheimen Ort beschützt. Der ehemalige Präsident stehe jedoch nicht unter Hausarrest.

Auch die Opposition rief ihre Anhänger zurück: "Die Demonstrationen der Opposition sind beendet, und wir erwarten eine Normalisierung der Lage." In Male, der Hauptstadt des Inselparadieses, kehrte in der Nacht zum Mittwoch vorerst wieder Ruhe ein.

Der Putsch von Male ist der vorläufige Schlusspunkt in einem monatelangen Kampf um die Macht in dem kleinen Staat, in dessen Ferienresorts alle Freiheiten erlaubt sind, in dem aber außerhalb dieser Luxus-Oasen islamisches Recht und strenge islamische Sitten gelten.

Bei seiner Wahl 2008 hatte Nasheed noch als großer Hoffnungsträger gegolten. 27 Mal hatte der autoritäre Herrscher Gayoom seinen schärfsten Kritiker verhaften lassen. Insgesamt sechs Jahre hatte der westlich erzogene Nasheed hinter Gittern gesessen. Er wurde gefoltert, ging ins Exil, gründete die "Demokratische Partei der Malediven" - und wurde zum Volkshelden.

"Anni" nannten ihn seine Anhänger familiär. Bei der in der Geschichte der Malediven historischen Wahl von 2008 besiegte er dann den als unbezwingbar geltenden Gayoom und wurde mit absoluter Mehrheit zum Staatschef gewählt. Es war die erste demokratische Wahl auf den Malediven seit ihrer Unabhängigkeit von den Briten 1962.

"Anni" und der Kampf gegen die Klimaerwärmung

Nasheed hatte seinem Volk nicht nur Demokratie versprochen. Der Ozeanograf, Menschenrechtsaktivist und frühere Uno-Mitarbeiter kämpfte auch energisch gegen den Klimawandel, in dessen Folge die maledivische Inselwelt im Meer zu versinken droht. In zehn Jahren, so verkündete er kurz nach Amtsantritt, würden die Malediven CO2-neutral sein. Wind und Sonne sollten genügend Energie liefern, um auch die jährlich rund 900.000 Touristen mit Strom für ihre Nobelherbergen und Klimaanlagen zu versorgen. Im Oktober 2009 machte er weltweit Schlagzeilen mit einer spektakulären Kabinettssitzung im Taucheranzug auf dem Meeresgrund, mit der er auf die globale Erderwärmung und ihre Folgen aufmerksam machen wollte.

Doch der Honeymoon zwischen "Anni" und seinem Volk dauerte nur kurz. Zu zäh und machtvoll arbeitete Vorgänger Gayoom im Hintergrund daran, seinen Nachfolger zu stürzen. Im Juni 2010 traten Nasheeds 13 Minister zurück aus Protest gegen die unaufhörlichen Behinderungen ihrer Arbeit durch Gayoom und seine Fortschrittspartei. Korruptionsvorwürfe, Stimmenkauf, Einschüchterung von Abgeordneten, Verhaftungen - die politische Welt des kleinen Staates drohte im Sumpf gegenseitiger Vorwürfe, Verdächtigungen und Anschuldigungen zu versinken.

Die Kabinettskrise wuchs sich zu einem monatelangen Kleinkrieg aus, in dem Nasheed der Verlierer war: Nur fünf seiner 13 wieder ernannten Minister wurden vom Parlament und im Dezember 2010 vom Obersten Gerichtshof bestätigt. Der Staatschef war nur noch beschränkt handlungsfähig.

Die Situation eskalierte, als Nasheed Mitte Januar Abdullah Mohamed, Oberrichter am Strafgerichtshof, aus dem Amt jagte und festsetzen ließ. Er warf dem treuen Vasallen Gayooms richterliches Fehlverhalten und unangemessene Unterstützung der Opposition vor.

Der Oberste Gerichtshof verlangte die Freilassung Abdullah Mohameds. Doch auf Anordnung von Nashee blieb er im Gewahrsam der Militärpolizei. Prompt zogen von der Fortschrittspartei aufgeheizte Massen durch Male. Nasheed habe sich zum Diktator im Inselreich aufgeschwungen, warfen sie dem Staatspräsidenten vor, randalierten und inszenierten Dauerdemos. Ein Sprecher Nasheeds klagte: "Das ist die Folge der ständigen Aufrufe der Gayoom-Partei zum Sturz der ersten demokratisch gewählten Regierung der Malediven und zum Dschihad gegen den Präsidenten."

Nasheed stand auf verlorenem Posten. Am Dienstag zog er entnervt und resigniert die Reißleine. Sein Nachfolger, der sich bei der Verhaftung des Oberrichters gegen seinen Chef gestellt hatte, darf nun mit dem Segen der Opposition bis zur regulären Wahl im nächsten Jahr regieren. Doch dann wird der 73-jährige Gayoom wohl wieder nach der Macht greifen. Seine älteste Tochter Dunya Maumoon bereit sich schon darauf vor, dass der alte Diktator nicht noch einmal antreten kann oder will.

Für Nasheed allerdings brechen unruhige Zeiten an: Die Opposition verlangt seine Verhaftung wegen Amtsmissbrauch und Korruption. Erfahrung im Gefängnis hat der 44-Jährige in seiner Oppositionszeit ebenso ausreichend sammeln können wie im Exil. Und jung genug für ein Comeback ist er allemal.

Urlauber werden allerdings auch künftig von der wahren Welt der Malediven, der Welt hinter den Werbepostern mit dem weißen Sand, dem türkisblauen Ozean, den Palmen und den schönen Ferienanlagen kaum etwas mitbekommen: Nur 87 der insgesamt 1196 Inseln des kleinen Staates gehören zu den Traumzielen des internationalen Tourismus - weit weg von der unruhigen Hauptstadt Male.

insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
janne2109 08.02.2012
1. ..........
muss man nun nicht mehr hinfahren, gibt genügend andere schöne Orte auf der Welt
Methados 08.02.2012
2. .
Zitat von sysopAP30 Jahre lang regierte er das Urlaubsparadies, bis er bei den ersten demokratischen Wahlen seine Macht verlor. Jetzt ist Diktator Maumoon Abdul Gayoom wieder zurück: Er steckt hinter dem Putsch auf den Malediven. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,814000,00.html
schade. karibik, australien, hab ich quasi schon alles durchgetaucht. male wäre sicherlich bald dran gewesen. nun nicht mehr.
Alzheimermaus 08.02.2012
3. blubb
Ist doch eigentlich wurscht...noch 30, vielleicht 40 Jahre und die Malediven sind abgesoffen.
static_noise 08.02.2012
4. .
Zitat von sysopAP30 Jahre lang regierte er das Urlaubsparadies, bis er bei den ersten demokratischen Wahlen seine Macht verlor. Jetzt ist Diktator Maumoon Abdul Gayoom wieder zurück: Er steckt hinter dem Putsch auf den Malediven. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,814000,00.html
Das heißt aber nicht dass alles in Ordnung ist. Ich wünschte mir mehr Bewußtsein meiner Landsleute bei der Auswahl eines Urlaubsziels. Nur weil ich unbeheligt im Sand dösen kann unterstütze ich Trotzdem zukünftig Gayoom der sein Regime wieder aufbauen und die aufkeimenden Fundamentalisten mit einbinden wird. Ich war schon auf den Malediven und es hat mir sehr gefallen, aber ich werde das Land nicht wieder besuchen... leider... Ich würde mich freuen wenn unseren Touristen und Reiseveranstalltern nicht der Geldbeutel wichtiger wäre als die Moral.
Ragnarrök 08.02.2012
5.
Was soll man von einem "Land" halten in dem andere Glaubensrichtungen veboten sind? Warum nenne ich die Herrschende nicht? Weil jeder weiß um welche es sich handelt. Beschneidungen auf den Malediven nehmen zu: Female circumcision fear as fundamentalists roll back women's rights (http://www.smh.com.au/world/female-circumcision-fear-as-fundamentalists-roll-back-womens-rights-20120124-1qflv.html) Hauptsache ich schlürfe am Strand meinen Cocktail. Maldivische Zustände wären bei uns natzieehh. Woanders ist es bunt. bäh
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