Putschgerüchte Flut bringt Pakistans Machtgefüge ins Wanken

Das Wasser ist weg, weite Teile des Landes sind von der Flut zerstört. Während die Uno für Wiederaufbau-Spenden für Pakistans wirbt, hoffen auch manche gefallenen Größen auf einen politischen Neuanfang. Selbst Ex-Diktator Musharraf meldet sich aus dem Exil zu Wort.

Hasnain Kazim

Aus Karatschi berichtet


Der Wahrsager holt seinen Papagei aus dem Holzkäfig, schaukelt ihn ein wenig auf einem Stöckchen und setzt ihn dann vor sich ab. Der grüne Vogel krächzt leise, dann geht er eine Reihe von Briefumschlägen ab. Er bleibt stehen und zieht mit seinem roten Schnabel einen hervor. Der alte Mann lobt sein Tier und sperrt es wieder in seinen Käfig.

Mohammed Nizami heißt der Wahrsager, er sitzt am Straßenrand vor einem Schrein in der südpakistanischen Hafenmetropole Karatschi, direkt an der Strandpromenade. Links und rechts von ihm hocken weitere Wahrsager, manche lesen die Hand, andere legen Karten, ein paar haben, wie Nizami, einen Papagei als Helfer.

Welche Zukunft hat Pakistan, nach der Flutkatastrophe, bei der mehr als 1700 Menschen starben und viele Millionen ihre Häuser verloren? Nizami öffnet den Umschlag, den sein Vogel ihm gezeigt hat. Er sagt, er kenne die Antwort. Auf seinem Zettel steht ein kurzes Gebet. Nizami murmelt den Text vor sich hin, danach liest er, was dort steht: "Der Glaube ist das Rückgrat deiner Zukunft. Wenn du stärker als bisher nach den Regeln des Islam lebst, wirst du deinen Seelenfrieden finden."

Größter Spendenaufruf in der Geschichte der Uno

So leicht dürfte es nicht werden für den 1947 gegründeten Staat, in dem die längste Zeit Militärdiktatoren geherrscht haben. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen verlangt allein für die kommenden zwei Monate 180 Millionen Dollar, um die Ernährung von rund sechs Millionen Flutopfern sicherzustellen. Nach Angaben der Organisation sei der ohnehin hohe Anteil der unterernährten Menschen an der Gesamtbevölkerung von 13 Prozent dramatisch angestiegen.

Die Uno rief zur größten Spendenaktion ihrer Geschichte auf. Nach knapp 460 Millionen Dollar für die Not- und Soforthilfe bittet sie um gut zwei Milliarden Dollar für den Wiederaufbau des Landes. Der Spendenaufruf richtet sich an alle 192 Mitgliedstaaten. Und wie um die Sorge zu nehmen, das Geld könne in die Hand korrupter Beamter oder gar der Taliban gelangen, heißt es in New York, man werde mit der Hilfe 483 Projekte von 15 Uno-Büros und außerdem rund 150 Hilfsorganisationen unterstützen.

Der US-Sonderbeauftragte für Afghanistan und Pakistan, Richard Holbrooke, sagte, das Land benötige "zig Milliarden Dollar". Die internationale Gemeinschaft werde nicht in der Lage sein, so viel Geld für Pakistan einzusammeln. "Sie müssen selbst einen Weg finden, es einzutreiben", sagte er und deutete damit an, was US-Außenministerin Hillary Clinton schon mehrfach angemahnt hat: dass Pakistan mehr Steuern erheben müsse. Es sei nicht einsichtig, heißt es in Washington, den amerikanischen Steuerzahlern zu erklären, dass mit ihrem Geld Pakistan geholfen werde, während reiche Pakistaner so gut wie keine Steuern zahlten.

Selbst Ex-Diktator Musharraf wittert seine Chance

Doch die Regierung hat derzeit andere Sorgen: Die Gerüchteküche brodelt, täglich berichten die Zeitungen, Radio- und Fernsehsender von einem Auseinanderbrechen der Regierungskoalition, von vorgezogenen Wahlen oder gar einem bevorstehenden Militärputsch. Die Lage ist instabil - und geradezu ideal für all jene, die die Regierung des verhassten Präsidenten Asif Ali Zardari und seines Premierministers Yousuf Raza Gilani, den viele nur als Marionette Zardaris sehen, angreifen und sich selbst für einen Platz an der politischen Spitze in Position bringen wollen. Zardari und Gilani erklären regelmäßig, der "demokratische Zug" werde "nicht entgleisen". Und Holbrooke sah sich vergangene Woche dazu genötigt zu betonen, er sehe nicht, dass die pakistanische Regierung "ertrinke".

Trotz aller blumigen Sprache ist die pakistanische Öffentlichkeit unzufrieden mit der Leistung der Regierenden. Umfragen zufolge wünscht sich eine Mehrheit den Chef der Muslimliga (PML-N), Nawaz Sharif, an die Spitze. Der war in den neunziger Jahren bereits zweimal Premier und seinerzeit mit schweren Korruptionsvorwürfen konfrontiert. Doch das Wahlvolk scheint schnell zu vergessen, nur so erklärt sich auch die Wahl Zardaris zum Präsidenten. Der Witwer der ebenfalls zweimaligen Regierungschefin Benazir Bhutto hat den Ruf, während der Regentschaft seiner Frau Schmiergelder und Steuern in Milliardenhöhe in die eigene Tasche gewirtschaftet zu haben. Dennoch wählten ihn die Menschen nach der Ermordung seiner Frau, getragen von einer Welle der Sympathie für die Tote, in das höchste Amt. Seither jammern sie deswegen.

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