Qaida-Dokumente aus Abbottabad Das Bin-Laden-Puzzle

AFP/ US Department of Defense

Von Yassin Musharbash

2. Teil: Unbestätigt, unbewiesen, nicht geprüft


Die Informationsschnipsel sind hochinteressant und würden zu einem besseren Verständnis al-Qaidas beitragen. Aber sie sind auch unbestätigt und nicht unabhängig überprüft. Von erwiesenen Tatsachen kann also keine Rede sein.

Zudem ist das Wissen auf den Datenträgern möglicherweise über eine ziemlich lange Lieferkette in die Redaktionen der Zeitungen und Agenturen gelangt: Ein Übersetzer hat das Dokument ins Englische übertragen, ein Analyst ausgewertet, ein Beamter wahrscheinlich noch in einem Vermerk zusammengefasst, bevor anschließend ein zweiter Beamter den Vermerk gelesen hat, über den er dann mit einem Journalisten sprach. Das sind viele Gelegenheiten für Missverständnisse und Auslassungen, Verzerrungen und sonstige Ungenauigkeiten. Es muss nicht einmal Absicht vorliegen. Aus all diesen Gründen ist es schwierig, auf dieser Grundlage Schlüsse zu ziehen.

Trotzdem passiert jetzt genau das. Etwa, wenn ein ungenannter Beamter in der "Washington Post" sagt, Bin Laden habe wie ein Mafia-Boss agiert. Oder wenn anonyme Quellen gegenüber propublica sagen, der Qaida-Chef habe "klar eine Rolle bei der operativen, taktischen und strategischen Planung" gespielt und man könne ihn als "Mikromanager" beschreiben. Oder wenn AP zu dem Ergebnis kommt, die Funde "zerstörten bisherige Annahmen der US-Regierung".

Es stimmt: Bislang schrieben die meisten Analysten westlicher und nichtwestlicher Geheimdienste dem Qaida-Chef vor allem eine Rolle als Ideengeber und Repräsentant nach außen vor. Außerdem galt er als Hüter der Marke al-Qaida, weswegen er ihren Vermutungen zufolge über den Anschluss von neuen Filialen ebenso mitentschied wie über wichtige Personalfragen. Mit dem terroristischen Tagesgeschäft hatte er demnach wenig zu tun.

Wer kann ausschließen, dass ein "Spin" im Spiel ist?

Aber widerlegen die bisher bekannt gewordenen Details die Einschätzungen über die Rolle Bin Ladens überhaupt? Es ist zu früh für Urteile dieser Art. Kontakte zu den Qaida-Filialen und Urteile in Personalfragen können in beide Richtungen interpretiert werden: dass der Qaida-Chef nur die wichtigsten Fragen auf seinem Schreibtisch in Abbottabad bearbeitete; oder dass er sich auch mit Kleinigkeiten beschäftigte - je nachdem, wie man den jeweiligen Vorgang einschätzt. Ähnlich ist es mit den Anschlagsplänen: Angriffe in westlichen Ländern sind sicher keine Kleinigkeit. Wusste Bin Laden aber zum Beispiel auch über "kleinere Aktionen" vorab Bescheid - etwa den Selbstmordanschlag des jordanischen Doppelagenten auf die CIA-Basis in Khost?

Dass außerdem noch spezielle Interessen im Spiel sind, erschwert die Bewertung des Materials zusätzlich. Der US-Regierung dürfte ein Interesse daran haben, eine Bestätigung für die Gefahr durch Bin Laden zu betonen. Ebenso daran, Spaltungstendenzen innerhalb al-Qaidas hervorzuheben. Neben der schieren Masse an Informationen und der Wahrung von Sicherheitsinteressen dürfte also auch der Inhalt einen Einfluss darauf haben, wann und wie welche Teile von Bin Ladens Datenschatz bekannt werden.

Sicher ist: Es wird Jahre dauern, bis der Fund gesichtet und sortiert ist. Und auch dann werden sich Forscher und Experten noch über die Interpretation streiten - so wie sie heute noch darüber debattieren, wann al-Qaida gegründet wurde und wer bei welchem Treffen in den achtziger Jahren in Peschawar was genau gesagt hat.

Doktorarbeiten werden sich mit den Millionen von Seiten befassen, und noch in Jahrzehnten wird ab und an ein Privatdozent vermutlich auf ein bisher übersehenes Detail stoßen. Das ist die Perspektive, von der aus man auf einen solchen Fund blicken muss. Die Aufarbeitung der Geschichte der RAF in Deutschland liefert dafür Anschauungsmaterial.

Nichts von dem, was bisher nach außen gedrungen ist, muss falsch sein. Auch Puzzleteilchen können eine Bedeutung haben. Und selbst selektiertes Material kann hilfreich sein. Aber für endgültige Wahrheiten über die Aktivitäten von Osama Bin Laden ist es noch zu früh. Das Puzzle hat gerade erst begonnen.



insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
Walter Sobchak 12.05.2011
1. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Wenn Terroristen ihre Daten nicht verschluesseln, sind das noch duemmere Amateure als ich schon immer dachte.
Monark™ 12.05.2011
2. ?
Zitat von Walter SobchakWenn Terroristen ihre Daten nicht verschluesseln, sind das noch duemmere Amateure als ich schon immer dachte.
Bin Laden hat sich in seinem Versteck offenbar sehr sicher gefühlt. Außerdem: Was hätte eine Verschlüsselung in diesem Fall gebracht? Mit seinem Computer wäre auch der Entschlüsselungsmechanismus sichergestellt. Und: Glauben Sie, unsere Sicherheitsbehörden bewahren all ihre Dokumente verschlüsselt auf? Sind das auch Amateure?
Michael KaiRo 12.05.2011
3. Alles klar! Once upon a time ...
---Zitat von SPON--- Eine Million Seiten entsprechen - grob überschlagen - 130 kompletten Jahrgängen des SPIEGEL. Oder etwa 1300 Wälzern vom Umfang der "Buddenbrooks"... bräuchte der Durchschnittsleser für die Lektüre von einer Million Seiten etwa 370 Jahre. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,762142,00.html ---Zitatende--- Daneben kraxelte der "Terrorfürst" noch in den Afgh. Bergen rum, betrieb Toro-Bora, lies seine Nieren reinigen und so weiter und so fort. Vielleicht sollte man grundsätzlich jeden OBL-Beitrag so anfangen: "Es war einmal ..." oder neudeutsch: "Once upon a time ..."
akrisios 12.05.2011
4. Ganz klar - der Beweis!
"Setzt man einen Durchschnittsumfang von 300 Seiten für jedes Werk an, bräuchte der Durchschnittsleser für die Lektüre von einer Million Seiten etwa 370 Jahre." Das öffnet jedem Verschwörungswisser & gelernten Beargwöhner der USA Tür & Tor zu der spektakulären Ansicht: Osama lebt bereits seit 370 Jahren! Das wären 146 vor Gründung der USA. Und sicher finden sich Zahlenmagiker die hier kristallklare Verbindungen enthüllen. Ich und die Welt sind gespannt.
unclevanya 12.05.2011
5. Alles das Gegenteil vom Gegenteil vom Gegenteil... etc
Zitat von sysopEs ist ein fulminanter Datenschatz: Beim Sturm auf Bin Ladens Unterschlupf haben US-Streitkräfte Millionen Seiten an Informationen erbeutet. Fast täglich werden in den Medien nun Details*aus anonymen Quellen*veröffentlicht. Beim Umgang mit den Berichten ist allerdings höchste Vorsicht geboten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,762142,00.html
Zum einen ist jeglichen Verlautbarungen der US-Regierung (offiziell oder "inoffiziell") zu mißtrauen, - to say the least. Soviel sollte jede/r inzwischen kapiert haben... ................ Auf der anderen Seite soll durch diese nicht-verifizierbaren, aber durch die Medien endlos generierten "Informationen" davon abgelenkt werden, was mit Bin Laden tatsächlich passiert ist... es sei denn, irgend jemand glaubt den extrem widersprüchlichen Aussagen, die bis jetzt abgeliefert wurden. Kafkas "Schloß"-Bürokratie läßt auf alle Fälle grüßen...
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