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12. Mai 2011, 17:02 Uhr

Qaida-Dokumente aus Abbottabad

Das Bin-Laden-Puzzle

Von Yassin Musharbash

Es ist ein fulminanter Datenschatz: Beim Sturm auf Bin Ladens Unterschlupf haben US-Streitkräfte Millionen Seiten an Informationen erbeutet. Fast täglich werden in den Medien nun Details aus anonymen Quellen veröffentlicht. Beim Umgang mit den Berichten ist allerdings höchste Vorsicht geboten.

Berlin - Etwa 110 Datenträger erbeuteten die Navy Seals beim Zugriff auf Osama Bin Ladens Unterschlupf in Pakistan. Der Großteil davon waren anscheinend USB-Sticks, offenbar gehörten auch schriftliche Notizen dazu. Die "Washington Post" meldet, der Umfang der Dokumente umfasse "mehrere Millionen Seiten". Es ist ein Sensationsfund, der möglicherweise einen tiefen Einblick in die Strukturen des Terrornetzwerks al-Qaida erlaubt.

Es ist aber auch ein sensationell großer Fund.

Zur Einordnung: Eine Million Seiten entsprechen - grob überschlagen - 130 kompletten Jahrgängen des SPIEGEL. Oder etwa 1300 Wälzern vom Umfang der "Buddenbrooks". Nebeneinander gestellt würden die Dokumente rund 45 Regalmeter oder zehn komplette Billy-Regale füllen. Laut "Stiftung Lesen" liest ein Deutscher im Schnitt rund neun Bücher im Jahr. Setzt man einen Durchschnittsumfang von 300 Seiten für jedes Werk an, bräuchte der Durchschnittsleser für die Lektüre von einer Million Seiten etwa 370 Jahre.

Spitze des Eisbergs

Der Großteil der Informationen ist auf Arabisch verfasst worden. Teile sind zudem handgeschrieben, was im Arabischen besondere Schwierigkeiten bei der Lektüre bereiten kann - von möglicherweise darin enthaltenen Codierungen einmal abgesehen. Selbst wenn die US-Sicherheitsbehörden jetzt Hunderte Spezialisten auf den Fund angesetzt haben (vermutlich sind es weniger), dürfte es also noch sehr lange dauern, bis eine komplette Auswertung vorliegt.

Nicht einmal die reine Übersetzung dürfte abgeschlossen sein. Und für eine systematische Einschätzung der brisantesten Fundstellen müsste auch noch ein Abgleich durchgeführt werden: um zu sehen, ob der Fund vielleicht durch einen zweiten belegt oder widerlegt wird. Je mehr Experten man auf das Thema ansetzt, desto höher wird außerdem der Bedarf an Austausch, weil der Einzelne umso weniger zu lesen bekommt.

Mit anderen Worten: Die jetzt in US-Medien wiedergegebenen Details aus dem Bin-Laden-Fundus sind nicht mehr als die Spitze des Eisbergs. Es sind erste Blicke durchs Schlüsselloch - ohne jede Garantie, dass die Informationen späteren Prüfungen standhalten.

Hinzu kommt ein zweites Problem: die Quellen. Die Medien zitieren vor allem anonyme Mitarbeiter der US-Sicherheitsbehörden. Die Beamten seien nicht autorisiert, mit der Presse über den Fund zu sprechen, heißt es zur Begründung. Es dürfte sich um Geheimdienstmitarbeiter handeln, für die besondere Regeln gelten. Möglich ist, dass die vermeintlichen "Lecks" Teil einer gezielten "strategischen Kommunikation" der US-Dienste sind. Ihr Ziel könnte es sein, die Gefahr, die von Osama Bin Laden für die Sicherheit von US-Bürgern ausging, hervorzuheben. Umgekehrt dürften die Behörden bestimmte Informationen zurückhalten - etwa, wenn eine Bekanntgabe die Sicherheit von US-Bürgern gefährden würde. Oder wenn darin Hinweise enthalten sind, die zum Aufspüren anderer Top-Kader führen könnten.

Anschläge auf Züge und kleinere US-Städte

Verschiedenen Berichten zufolge bearbeiten die Auswerter zunächst jene Dokumente, die am aktuellsten sind. Diese Daten durchforsten die Experten nach bestimmten Stichwörtern, nach bekannten Namen und Telefonnummern etwa. Das erscheint sinnvoll, weil einige Informationen dringlich sein könnten. Doch dabei könnte auch der Blick für das Unerwartete verlorengehen.

Die wichtigsten bisher veröffentlichen Informationen aus dem Fundus sind fraglos brisant. So berichtet die Nachrichtenagentur AP:

Darüber hinausgehende Informationen bietet die Seite propublica.org, ein preisgekröntes Internetportal für Investigativrecherchen:

Die "Washington Post" ergänzt:

Unbestätigt, unbewiesen, nicht geprüft

Die Informationsschnipsel sind hochinteressant und würden zu einem besseren Verständnis al-Qaidas beitragen. Aber sie sind auch unbestätigt und nicht unabhängig überprüft. Von erwiesenen Tatsachen kann also keine Rede sein.

Zudem ist das Wissen auf den Datenträgern möglicherweise über eine ziemlich lange Lieferkette in die Redaktionen der Zeitungen und Agenturen gelangt: Ein Übersetzer hat das Dokument ins Englische übertragen, ein Analyst ausgewertet, ein Beamter wahrscheinlich noch in einem Vermerk zusammengefasst, bevor anschließend ein zweiter Beamter den Vermerk gelesen hat, über den er dann mit einem Journalisten sprach. Das sind viele Gelegenheiten für Missverständnisse und Auslassungen, Verzerrungen und sonstige Ungenauigkeiten. Es muss nicht einmal Absicht vorliegen. Aus all diesen Gründen ist es schwierig, auf dieser Grundlage Schlüsse zu ziehen.

Trotzdem passiert jetzt genau das. Etwa, wenn ein ungenannter Beamter in der "Washington Post" sagt, Bin Laden habe wie ein Mafia-Boss agiert. Oder wenn anonyme Quellen gegenüber propublica sagen, der Qaida-Chef habe "klar eine Rolle bei der operativen, taktischen und strategischen Planung" gespielt und man könne ihn als "Mikromanager" beschreiben. Oder wenn AP zu dem Ergebnis kommt, die Funde "zerstörten bisherige Annahmen der US-Regierung".

Es stimmt: Bislang schrieben die meisten Analysten westlicher und nichtwestlicher Geheimdienste dem Qaida-Chef vor allem eine Rolle als Ideengeber und Repräsentant nach außen vor. Außerdem galt er als Hüter der Marke al-Qaida, weswegen er ihren Vermutungen zufolge über den Anschluss von neuen Filialen ebenso mitentschied wie über wichtige Personalfragen. Mit dem terroristischen Tagesgeschäft hatte er demnach wenig zu tun.

Wer kann ausschließen, dass ein "Spin" im Spiel ist?

Aber widerlegen die bisher bekannt gewordenen Details die Einschätzungen über die Rolle Bin Ladens überhaupt? Es ist zu früh für Urteile dieser Art. Kontakte zu den Qaida-Filialen und Urteile in Personalfragen können in beide Richtungen interpretiert werden: dass der Qaida-Chef nur die wichtigsten Fragen auf seinem Schreibtisch in Abbottabad bearbeitete; oder dass er sich auch mit Kleinigkeiten beschäftigte - je nachdem, wie man den jeweiligen Vorgang einschätzt. Ähnlich ist es mit den Anschlagsplänen: Angriffe in westlichen Ländern sind sicher keine Kleinigkeit. Wusste Bin Laden aber zum Beispiel auch über "kleinere Aktionen" vorab Bescheid - etwa den Selbstmordanschlag des jordanischen Doppelagenten auf die CIA-Basis in Khost?

Dass außerdem noch spezielle Interessen im Spiel sind, erschwert die Bewertung des Materials zusätzlich. Der US-Regierung dürfte ein Interesse daran haben, eine Bestätigung für die Gefahr durch Bin Laden zu betonen. Ebenso daran, Spaltungstendenzen innerhalb al-Qaidas hervorzuheben. Neben der schieren Masse an Informationen und der Wahrung von Sicherheitsinteressen dürfte also auch der Inhalt einen Einfluss darauf haben, wann und wie welche Teile von Bin Ladens Datenschatz bekannt werden.

Sicher ist: Es wird Jahre dauern, bis der Fund gesichtet und sortiert ist. Und auch dann werden sich Forscher und Experten noch über die Interpretation streiten - so wie sie heute noch darüber debattieren, wann al-Qaida gegründet wurde und wer bei welchem Treffen in den achtziger Jahren in Peschawar was genau gesagt hat.

Doktorarbeiten werden sich mit den Millionen von Seiten befassen, und noch in Jahrzehnten wird ab und an ein Privatdozent vermutlich auf ein bisher übersehenes Detail stoßen. Das ist die Perspektive, von der aus man auf einen solchen Fund blicken muss. Die Aufarbeitung der Geschichte der RAF in Deutschland liefert dafür Anschauungsmaterial.

Nichts von dem, was bisher nach außen gedrungen ist, muss falsch sein. Auch Puzzleteilchen können eine Bedeutung haben. Und selbst selektiertes Material kann hilfreich sein. Aber für endgültige Wahrheiten über die Aktivitäten von Osama Bin Laden ist es noch zu früh. Das Puzzle hat gerade erst begonnen.

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