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Qaida-Dokumente aus Abbottabad: Das Bin-Laden-Puzzle

Von Yassin Musharbash

Es ist ein fulminanter Datenschatz: Beim Sturm auf Bin Ladens Unterschlupf haben US-Streitkräfte Millionen Seiten an Informationen erbeutet. Fast täglich werden in den Medien nun Details aus anonymen Quellen veröffentlicht. Beim Umgang mit den Berichten ist allerdings höchste Vorsicht geboten.

Getöteter Qaida-Chef: Bin Laden und sein Datenschatz Fotos
AFP/ US Department of Defense

Berlin - Etwa 110 Datenträger erbeuteten die Navy Seals beim Zugriff auf Osama Bin Ladens Unterschlupf in Pakistan. Der Großteil davon waren anscheinend USB-Sticks, offenbar gehörten auch schriftliche Notizen dazu. Die "Washington Post" meldet, der Umfang der Dokumente umfasse "mehrere Millionen Seiten". Es ist ein Sensationsfund, der möglicherweise einen tiefen Einblick in die Strukturen des Terrornetzwerks al-Qaida erlaubt.

Es ist aber auch ein sensationell großer Fund.

Zur Einordnung: Eine Million Seiten entsprechen - grob überschlagen - 130 kompletten Jahrgängen des SPIEGEL. Oder etwa 1300 Wälzern vom Umfang der "Buddenbrooks". Nebeneinander gestellt würden die Dokumente rund 45 Regalmeter oder zehn komplette Billy-Regale füllen. Laut "Stiftung Lesen" liest ein Deutscher im Schnitt rund neun Bücher im Jahr. Setzt man einen Durchschnittsumfang von 300 Seiten für jedes Werk an, bräuchte der Durchschnittsleser für die Lektüre von einer Million Seiten etwa 370 Jahre.

Spitze des Eisbergs

Der Großteil der Informationen ist auf Arabisch verfasst worden. Teile sind zudem handgeschrieben, was im Arabischen besondere Schwierigkeiten bei der Lektüre bereiten kann - von möglicherweise darin enthaltenen Codierungen einmal abgesehen. Selbst wenn die US-Sicherheitsbehörden jetzt Hunderte Spezialisten auf den Fund angesetzt haben (vermutlich sind es weniger), dürfte es also noch sehr lange dauern, bis eine komplette Auswertung vorliegt.

Nicht einmal die reine Übersetzung dürfte abgeschlossen sein. Und für eine systematische Einschätzung der brisantesten Fundstellen müsste auch noch ein Abgleich durchgeführt werden: um zu sehen, ob der Fund vielleicht durch einen zweiten belegt oder widerlegt wird. Je mehr Experten man auf das Thema ansetzt, desto höher wird außerdem der Bedarf an Austausch, weil der Einzelne umso weniger zu lesen bekommt.

Mit anderen Worten: Die jetzt in US-Medien wiedergegebenen Details aus dem Bin-Laden-Fundus sind nicht mehr als die Spitze des Eisbergs. Es sind erste Blicke durchs Schlüsselloch - ohne jede Garantie, dass die Informationen späteren Prüfungen standhalten.

Hinzu kommt ein zweites Problem: die Quellen. Die Medien zitieren vor allem anonyme Mitarbeiter der US-Sicherheitsbehörden. Die Beamten seien nicht autorisiert, mit der Presse über den Fund zu sprechen, heißt es zur Begründung. Es dürfte sich um Geheimdienstmitarbeiter handeln, für die besondere Regeln gelten. Möglich ist, dass die vermeintlichen "Lecks" Teil einer gezielten "strategischen Kommunikation" der US-Dienste sind. Ihr Ziel könnte es sein, die Gefahr, die von Osama Bin Laden für die Sicherheit von US-Bürgern ausging, hervorzuheben. Umgekehrt dürften die Behörden bestimmte Informationen zurückhalten - etwa, wenn eine Bekanntgabe die Sicherheit von US-Bürgern gefährden würde. Oder wenn darin Hinweise enthalten sind, die zum Aufspüren anderer Top-Kader führen könnten.

Anschläge auf Züge und kleinere US-Städte

Verschiedenen Berichten zufolge bearbeiten die Auswerter zunächst jene Dokumente, die am aktuellsten sind. Diese Daten durchforsten die Experten nach bestimmten Stichwörtern, nach bekannten Namen und Telefonnummern etwa. Das erscheint sinnvoll, weil einige Informationen dringlich sein könnten. Doch dabei könnte auch der Blick für das Unerwartete verlorengehen.

Die wichtigsten bisher veröffentlichen Informationen aus dem Fundus sind fraglos brisant. So berichtet die Nachrichtenagentur AP:

  • Bin Laden führte eine Art privates Tagebuch, das er handschriftlich verfasste;
  • er gab Qaida-Kämpfern den Rat, auch kleinere Städte in den USA anzugreifen und sich nicht auf New York zu fixieren;
  • er brachte Anschläge auf Züge in den USA ins Spiel, als Alternative zu Flugzeugen;
  • er war involviert in Anschlagsüberlegungen auf Ziele in Europa;
  • er stand in Kontakt mit der Führung der Filiale auf der Arabischen Halbinsel (AQAP);
  • er hatte einen Überblick über Amerikas Methoden im Kampf gegen den Terror;
  • er versuchte auszurechnen, wie viele Anschlagsopfer nötig wären, um die US-Politik zu beeinflussen;
  • es sei unsicher, ob er auch Kontakt zu der Filiale in Nordafrika (AQIM) oder den Schabab-Terroristen in Somalia hatte.

Darüber hinausgehende Informationen bietet die Seite propublica.org, ein preisgekröntes Internetportal für Investigativrecherchen:

  • Osama Bin Laden habe darüber gesprochen, US-Präsident Barack Obama und hohe US-Militärs zu ermorden;
  • er sei verärgert über einen Artikel im englischsprachigen Terror-Online-Magazin "Inspire" gewesen, weil darin "blutrünstig" Anschläge verlangt wurden, die willkürliche Todesopfer zur Folge hätten - das widerspreche al-Qaidas Linie;
  • er habe sich in Entscheidungen über Führungspositionen innerhalb al-Qaidas eingemischt;
  • er habe gesagt, Obamas Wiederwahl müsse verhindert werden, auch wenn "eine Alternative schlimmer sein könnte";
  • er habe sich in Diskussionen über Ziele eingebracht;
  • er habe mit dem 2010 getöteten Qaida-Chef für Afghanistan, Mustafa Abu al-Yazid, kommuniziert;
  • über Abu al-Yazid habe er indirekt auch Kontakt zu seinem Vize Aiman al-Sawahiri gehabt;
  • mit Sawahiri wiederum habe er die Führungsqualitäten von Attiyah Abd al-Rahman diskutiert. Rahman gilt als wichtiger Qaida-Mann der zweiten Reihe, der nach Informationen des SPIEGEL auch deutsche Dschihadisten in Waziristan traf;
  • der Anführer von AQAP, Nassir al-Wuhaischi, habe Bin Laden zudem vorgeschlagen, zugunsten von Anwar al-Awlaki, einem US-jemenitischen Prediger, zurückzutreten. Das würde Rekruten bringen. Bin Laden habe abgelehnt, weil er Wuhaischi kenne, Awlaki aber nicht.

Die "Washington Post" ergänzt:

  • Osama Bin Laden habe Anschläge gegen die USA und den Westen gefordert, sei aber auf Widerspruch gestoßen - andere Qaida-Führer hätten regionale Ziele präferiert und Angriffe auf den Westen wegen der zu erwartenden Reaktionen als zu gefährlich eingestuft;
  • Bin Laden habe vorgeschlagen, auch jenseits der islamistischen Szene nach Unterstützern zu suchen, zum Beispiel bei jenen, die sich in den USA "unterdrückt" fühlten, insbesondere Afroamerikaner oder Latinos.

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1. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Walter Sobchak 12.05.2011
Wenn Terroristen ihre Daten nicht verschluesseln, sind das noch duemmere Amateure als ich schon immer dachte.
2. ?
Monark™ 12.05.2011
Zitat von Walter SobchakWenn Terroristen ihre Daten nicht verschluesseln, sind das noch duemmere Amateure als ich schon immer dachte.
Bin Laden hat sich in seinem Versteck offenbar sehr sicher gefühlt. Außerdem: Was hätte eine Verschlüsselung in diesem Fall gebracht? Mit seinem Computer wäre auch der Entschlüsselungsmechanismus sichergestellt. Und: Glauben Sie, unsere Sicherheitsbehörden bewahren all ihre Dokumente verschlüsselt auf? Sind das auch Amateure?
3. Alles klar! Once upon a time ...
Michael KaiRo 12.05.2011
---Zitat von SPON--- Eine Million Seiten entsprechen - grob überschlagen - 130 kompletten Jahrgängen des SPIEGEL. Oder etwa 1300 Wälzern vom Umfang der "Buddenbrooks"... bräuchte der Durchschnittsleser für die Lektüre von einer Million Seiten etwa 370 Jahre. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,762142,00.html ---Zitatende--- Daneben kraxelte der "Terrorfürst" noch in den Afgh. Bergen rum, betrieb Toro-Bora, lies seine Nieren reinigen und so weiter und so fort. Vielleicht sollte man grundsätzlich jeden OBL-Beitrag so anfangen: "Es war einmal ..." oder neudeutsch: "Once upon a time ..."
4. Ganz klar - der Beweis!
akrisios 12.05.2011
"Setzt man einen Durchschnittsumfang von 300 Seiten für jedes Werk an, bräuchte der Durchschnittsleser für die Lektüre von einer Million Seiten etwa 370 Jahre." Das öffnet jedem Verschwörungswisser & gelernten Beargwöhner der USA Tür & Tor zu der spektakulären Ansicht: Osama lebt bereits seit 370 Jahren! Das wären 146 vor Gründung der USA. Und sicher finden sich Zahlenmagiker die hier kristallklare Verbindungen enthüllen. Ich und die Welt sind gespannt.
5. Alles das Gegenteil vom Gegenteil vom Gegenteil... etc
unclevanya 12.05.2011
Zitat von sysopEs ist ein fulminanter Datenschatz: Beim Sturm auf Bin Ladens Unterschlupf haben US-Streitkräfte Millionen Seiten an Informationen erbeutet. Fast täglich werden in den Medien nun Details*aus anonymen Quellen*veröffentlicht. Beim Umgang mit den Berichten ist allerdings höchste Vorsicht geboten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,762142,00.html
Zum einen ist jeglichen Verlautbarungen der US-Regierung (offiziell oder "inoffiziell") zu mißtrauen, - to say the least. Soviel sollte jede/r inzwischen kapiert haben... ................ Auf der anderen Seite soll durch diese nicht-verifizierbaren, aber durch die Medien endlos generierten "Informationen" davon abgelenkt werden, was mit Bin Laden tatsächlich passiert ist... es sei denn, irgend jemand glaubt den extrem widersprüchlichen Aussagen, die bis jetzt abgeliefert wurden. Kafkas "Schloß"-Bürokratie läßt auf alle Fälle grüßen...
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Osama Bin Laden über...
 
Den 11. September
"Wir berechneten im Voraus, wie viele Verluste der Feind erleiden würde. Wir nahmen als Grundlage die Position des Turms und errechneten, wie viele getötet werden würden. Wir schätzten, dass ungefähr drei bis vier Stockwerke getroffen werden würden. Ich war besonders optimistisch ..., weil ich auf diesem Gebiet bereits Erfahrung habe. Ich vermutete, das brennende Benzin würde die Eisenträger des Gebäudes schmelzen. Aber ich dachte nur, dass die Einschlagstelle und die Stockwerke darüber einstürzen würden. Mehr wagten wir nicht zu hoffen."

November 2001, zitiert nach: Abou-Taam/Bigalke: "Die Reden des Osama Bin Laden"
Den Irak-Krieg
"Ich jubele darüber, dass Amerika in den Schlammlöchern des Tigris und Euphrat steckengeblieben ist... Bush glaubt, der Irak und sein Öl seien leichte Beute, und nun steckt er durch die Gnade Gottes fest und kann weder vor noch zurück. Amerika schreit aus voller Kehle, während es vor den Augen der Welt auseinanderbricht."

Oktober 2003, zitiert nach: Coll: "Die Bin Ladens. Eine arabische Familie"
Amerika
Im September 2007 wandte sich Osama Bin Laden "an die Amerikaner": "So wie ihr euch zuvor aus der Sklaverei der Mönche, Könige und Feudalherren befreit habt, so solltet ihr euch jetzt von den Irreführungen ... des kapitalistischen Systems befreien."

Politische, geschichtliche und moralische Erörterungen vermischend, zeichnet Bin Laden das Bild einer Nation, die auf der Verliererstraße ist. Obwohl militärisch übermächtig, könnten die Amerikaner im Irak nicht gewinnen - weil sie zwar moralisch argumentierten, in Wahrheit aber nur den Interessen internationaler Konzerne folgten.

Das Ansehen der USA sei deswegen ruiniert. Um "den Krieg zwischen uns" zu stoppen, gebe es zwei Möglichkeiten: Entweder die Mudschahidin stellten die Kampfhandlungen ein, was aber nicht gehe, weil sie eine Pflicht erfüllten. Oder die USA sähen endlich ein, dass sie die Verlierer im Irak seien. Es sehe aber so aus, als würden sie die eigenen Fehler aus dem Vietnam-Krieg und die der Sowjets aus dem Afghanistan-Feldzug wiederholen und sich vor der besseren Einsicht drücken.

Es gebe allerdings einen Ausweg, sagte Bin Laden weiter: Die Amerikaner sollten "nach einem alternativen, aufrechten Weg suchen", in dem es nicht darum gehe, andere zum eigenen Nutzen zu unterdrücken. Natürlich hat dieser Weg auch einen Namen: Die Amerikaner sollen zum Islam konvertieren.
Die Europäer
"Unsere Aktionen sind nur eine Antwort auf eure Aktionen - eure Zerstörung und und euren Mord an unseren Leuten, ob in Afghanistan, im Irak oder Palästina... Nach welchem Glauben sind eure Toten wertvoll und unsere wertlos? Nach welcher Logik zählt euer Blut als echt und unseres als Wasser? Vergeltung ist Teil von Gerechtigkeit, und der, der feindliche Akte zuerst begeht, ist der, der unrecht handelt. Ich rufe alle Männer, insbesondere Gelehrte, die Medien und Geschäfstleute dazu auf, eine permanente Kommission einzuberufen, um in Europa das Bewusstsein für unsere gerechten Gründe zu stärken... Ich mache einen Friedensvorschlag, der im Kern die Verpflichtung darstellt, alle Operationen gegen jeden Staat einzustellen, der sich verpflichtet, keine Muslime oder islamischen Staaten anzugreifen. "

April 2004, zitiert nach: Lawrence: "Messages to the World. The Statements of Osama Bin Laden"
Den "Kampf der Kulturen"
"Ohne jeden Zweifel (glaube ich an den Kampf der Kulturen). Das heilige Buch erwähnt ihn klar. Die Juden und Amerikaner haben das Lügenmärchen vom Frieden auf Erden erfunden. Das ist nur ein Märchen für Kinder."

Nach dem 11. September 2001 auf al-Dschasira. Zitiert nach: Coll: "Die Bin Ladens. Eine arabische Familie"

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