Qaida-Drohung Iraks Christen feiern Weihnachten in Angst

Aus Angst wird es an Weihnachten im Irak statt christlicher Messen nur kurze Gebete geben: Wenige Tage vor den Feiertagen droht die irakische Qaida-Filiale mit neuem Terror. Immer mehr Christen verlassen das Land.

Beten unter Polizeischutz: Al-Qaida jagt irakische Christen
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Beten unter Polizeischutz: Al-Qaida jagt irakische Christen

Von Yassin Musharbash


Berlin - Den rund 500.000 Christen im Irak steht ein Weihnachtsfest in Angst bevor. Al-Qaida hat ihnen weitere Gewalttaten angedroht. Ende Oktober hatten Qaida-Terroristen eine Kirche in Bagdad angegriffen, insgesamt starben durch den Anschlag und bei der anschließenden Stürmung des Gotteshauses mehr als 50 Menschen. Auch in den Wochen danach hatten Terroristen immer wieder Christen und christliche Einrichtungen attackiert.

In der Drohung, die al-Qaidas Filiale Anfang dieser Woche auf einer dschihadistischen Internetseite veröffentlichte und die SPIEGEL ONLINE vorliegt, heißt es zynisch, die irakischen Christen hätten die Lektion aus dem Anschlag auf die Kirche im Bagdader Stadtteil Karrada wohl noch nicht verstanden: "Das wird euch teuer zu stehen kommen."

In dem Dokument fordern die Terroristen, dass Iraks Christen, die in fast ein Dutzend Konfessionen gegliedert sind, sich von den christlichen Kopten in Ägypten lossagen. Hintergrund ist ein in Ägypten schwelender Konflikt: Al-Qaida behauptet, die Kopten hätten angebliche zum Christentum konvertierte Musliminnen gewaltsam eingesperrt. Außerdem sollen Iraks Christen "sich von den Kreuzfahrern fernhalten" und nicht missionieren.

Al-Qaida sucht den schwächsten Gegner

Die Qaida-Forderungen sind in mehrfacher Hinsicht grotesk. Iraks Christen haben so gut wie keine Beziehungen zu den ägyptischen Kopten. Sie stehen zudem schon seit Jahren im Fadenkreuz der Dschihadisten - unter diesen Umständen ist an Mission sowieso nicht zu denken. Alle christlichen Gemeinschaften im Nahen Osten halten sich in Sachen Missionierung traditionell extrem zurück.

Die irakische Qaida-Filiale hatte schon im Oktober und im November explizit mit Terror gedroht und die Warnungen auch umgesetzt, die aktuelle Fixierung lässt sich am ehesten damit erklären, dass der Versuch der Terroristen bislang nicht funktioniert hat, Chaos und Bürgerkrieg im Irak durch Angriffe auf Schiiten auszulösen. Die Destabilisierung des Landes ist für die Terroristen jedoch eine zentrale Säule ihrer Strategie; nur so können sie hoffen, den neuen irakischen Staat und seine Regierung zu diskreditieren.

Hinzu kommt: Die irakische Qaida-Filiale ist durch zahlreiche Festnahmen und Tötungen von Anführern geschwächt. Die christliche Minderheit, die im Gegensatz zu den irakischen Schiiten über keine eigenen Milizen verfügt, ist da ein denkbar einfaches Ziel.

Tatsächlich ist bereits ungefähr die Hälfte der einstmals schätzungsweise 1,2 Millionen Christen aus dem Land geflohen. Tausende leben als Binnenflüchtlinge vor allem im verhältnismäßig sicheren Norden, wo Kurdenpolitiker ihnen Schutz angeboten haben.

Verzicht auf Gottesdienste und Messen

Nach jedem größeren Bombenanschlag auf eine Kirche verlassen zahlreiche Familien ihre Heimat: Nachdem im Oktober 2008 14 Christen durch gezielte Attentate starben, verließen 14.000 Christen alleine die Stadt Mosul. Im Februar 2010 flohen weitere 4000 Christen aus der Stadt, nachdem zehn von ihnen ermordet wurden.

Aus Angst vor einer möglichen Terrorwelle an den Weihnachtstagen werden dieses Jahr viele christliche Gemeinden auf Gottesdienste und Messen verzichten. In den großen Städten Bagdad, Mosul, Basra und Kirkuk wird es stattdessen nur kurze Gebete geben.

Die offizielle Begründung lautet, dass man auf diese Weise der Opfer des Kirchenanschlags von Ende Oktober gedenken und außerdem die religiösen Gefühle der schiitischen Iraker nicht verletzen wolle, in deren Trauermonat Muharram das Weihnachtsfest in diesem Jahr fällt. Doch es ist ein offenes Geheimnis, dass der tiefere Grund die Sorge vor Bomben und Feuerangriffen ist. Offiziell ist Weihnachten im Irak ein nationaler Feiertag.

Irakische Exil-Christen sind ebenfalls in Sorge um ihre Glaubensgeschwister. "Lass uns hoffen, dass alle unsere Leute es über die Weihnachtstage schaffen", heißt es in einem Internetforum irakisch-assyrischer Christen.

insgesamt 26 Beiträge
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c++ 23.12.2010
1. .
Ein grandioser Erfolg der Politik von G W Bush.
Rodri 23.12.2010
2. Hm...
Dass die irakischen Christen keine Milizen haben kann man so nicht stehen lassen. Sie arbeiten sehr eng mit den Kurden zusamenn, die ihnen Schutz bieten und die Kurden haben extremst aufgerüstete Milizen. Kein Wunder, dass da so gut wie nie Anschläge stattfinden. Aber die Liga im Irak an sich ist ohnehin derzeit sehr sicher. Zumindest sterben kaum noch Menschen durch Gewalt in den letzten Monaten mit Ausnahme von 2-3 größeren Anschlägen.
Mojo81 23.12.2010
3. Red Sleight Down
Warum muss ich bei dem Artikel bloß an Folge 6/17 der Serie Southpark denken?
nostre 23.12.2010
4. soso
ja den christen gehts bei den Kurden wunder prächtig!! http://www.schneider-breitenbrunn.de/2010-08/irak-christen-auch-in-autonomer-kurdenregion-bedroht/ ich finde es sehr Amüsant das eine Volksgruppe die wie zur Steinzeit Vaginalbeschneidungen erlaubt sich hier hervorheben möchte. http://www.welt.de/politik/ausland/article8076335/Wie-aus-einer-Tradition-fuer-Frauen-ein-Trauma-wird.html fast wie in Afrika....
terrencehill 23.12.2010
5. irak,türkei,ägypten...
Vor allem in Ägypten und aber auch in der Türkei ist es auch nicht anders. Dort ist die staatliche Unterdrückung auch noch finanziert durch die sprudelnden Steuereinnahmen durch die Touristen aus westlichen Ländern. Diese machen sich meist nichteinmal die Mühe sich zu informieren wie es in diesen Ländern wirklich mit Toleranz aussieht. Die Gastfreundschaft dort besteht oft eben doch nur des Geldes wegen.
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