Qaida-Entführung in Saudi-Arabien "... oder wir werden diesen Ungläubigen töten"

Falls nicht innerhalb von 72 Stunden alle Mudschahidin aus saudiarabischen Gefängnissen entlassen werden, muss die US-Geisel Paul Johnson sterben - so lautet die per Video veröffentlichte Drohung der Qaida. Die Operation des Terrornetzwerkes in Saudi-Arabien hat eine neue Phase erreicht.

Von Yassin Musharbash


Qaida-Führer Mukrin auf dem Video mit dem Ultimatum: "Wir lieben den Tod, so wie ihr das Leben"

Qaida-Führer Mukrin auf dem Video mit dem Ultimatum: "Wir lieben den Tod, so wie ihr das Leben"

Hamburg - Mit beklemmender Professionalität und hoher Geschwindigkeit weitet das Terrornetzwerk al-Qaida seine Angriffe auf Ausländer in Saudi-Arabien aus. Drei US-Amerikaner und ein Ire starben allein in den vergangenen zwei Wochen durch gezielte Attentate. Nun wurde erstmals eine Geisel genommen: Der Systemtechniker Paul Johnson.

Im Tausch für das Leben des 49-Jährigen fordert die saudische Filiale der al-Qaida die Freilassung aller in den Gefängnissen von Hair, Ruwais und Alischa inhaftierten Mudschahidin. Das teilte ihr mutmaßlicher Anführer, Abd al-Aziz al-Mukrin, auf einem Videoband mit, das in der vergangenen Nacht im Internet in Umlauf gebracht wurde. Innerhalb von 72 Stunden müsse die Forderung erfüllt werden, "oder ... wir werden diesen Ungläubigen töten". Im Laufe des letzten Jahres haben die saudischen Sicherheitsbehörden Dutzende Radikaler und Militanter erschossen und festgenommen. US-Beamte erklärten heute, sie hielten die Drohung für glaubwürdig und nähmen sie "sehr ernst".

Geisel Johnson: "Drohung ernst nehmen"

Geisel Johnson: "Drohung ernst nehmen"

Auf dem Video wird auch die Geisel gezeigt. Die Augen des Mannes sind verbunden, er macht einen verängstigten und verwirrten Eindruck. "Mein Name ist Paul Marshal Johnson, ich bin Bürger der Vereinigten Staaten und arbeite an Apache Helikoptern", antwortet er auf entsprechende Fragen seiner Entführer.

"Wir lieben den Tod"

Im Anschluss daran zeigt die Aufzeichnung al-Mukrin, der mit einem Gewehr in der Hand die Entführung rechtfertigt. Die "Ungläubigen" töteten Kinder, seien Feinde des Islam und nutzten die Muslime aus, erklärt er. "Wir dagegen kämpfen auf dem Wege Gottes. Wir lieben den Tod, so wie ihr das Leben liebt."

In einer parallel verbreiteten, schriftlichen Erklärung rechtfertigt al-Qaida die Entführung Johnsons damit, dass das "Feuer der Apache-Helikopter Muslime in Palästina und Afghanistan getötet hat". Johnson war am Samstag entführt worden. Zugleich töteten Angreifer den US-Bürger Kenneth Scroggs. In einem ersten Bekennerschreiben vom Wochenende hatte al-Qaida damit gedroht, dem entführten Johnson das anzutun, was den Muslimen im irakischen Foltergefängnis Abu Ghureib widerfahren sei.

Das Video mit dem Ultimatum ist professionell bearbeitet. Es finden sich darauf sogar Untertitel, Übersetzungen aus dem Englischen und ein oben rechts eingeblendetes Logo mit dem arabischen Schriftzug "Stimme des Dschihad". Außerdem ist das Band zu Beginn mit einer Koranrezitation unterlegt. Diese Finessen zeigen, dass die al-Qaida-Kämpfer in Saudi-Arabien Zugriff auf technische Infrastruktur haben und sich auch sicher genug fühlen, sie zu benutzen.

Zur selben Zeit und auf denselben Seiten tauchte im Internet noch ein zweites Video auf. Es soll, dem anfangs eingeblendeten Titel zufolge, die Tötung "des amerikanischen Juden" Robert Jacob zeigen.

Terroristen mit technischer Infrastruktur

Qaida-Video der angeblichen Tötung Jacobs: Koranrezitation und Untertitel

Qaida-Video der angeblichen Tötung Jacobs: Koranrezitation und Untertitel

Jacob war am vergangenen Dienstag in der saudischen Hauptstadt Riad erschossen worden. Der 63-Jährige arbeitete für die Firma Vinnell, die bei einem Rüstungskonzern unter Vertrag steht. Auf dem Videoband ist zu sehen, wie zwei Männer in Hemden und Hosen einen Mann in Sekundenschnelle mit Pistolenschüssen umbringen. Unterlegt ist das Video mit Dschihad-Liedern und interessanterweise auch einem Auszug aus der Ansprache al-Mukrins aus dem ersten Video - ein Hinweise darauf, dass es nicht vor der Entführung Johnsons am Wochenende hergestellt worden sein kann. Ob es sich bei dem Opfer indes tatsächlich um Jacob handelt, ist nicht zu erkennen. Das Gesicht wird nicht gezeigt.

Die saudische Regierung kündigte derweil an, in den kommenden Tagen einen massiven Schlag gegen al-Qaida zu führen. "Seid versichert, dass das Königreich mehr Männer hat, die ihr nur bislang noch nicht gesehen habt, die ihr aber in den nächsten Tagen zu sehen bekommen werdet", sagte der saudische Kronprinz Abdullah an die Adresse der Terroristen gerichtet. Ein Mitarbeiter des US-Außenministeriums bekräftigte, dass alles erdenkliche getan werde, um Johnson zu befreien. Die saudischen Behörden könnten auf die Unterstützung der USA setzen; Kompromisse gegenüber den Terroristen werde man aber nicht machen.

Die saudische Filiale der al-Qaida hat in den vergangenen 13 Monaten eine ganze Serie von Anschlägen in dem ölreichen Wüstenstaat verübt. Ihr Ziel ist der Sturz des Königshauses, das als korrupt und "vom Glauben abgefallen" bezeichnet wird. Außerdem versucht das Terrornetzwerk, die in Saudi-Arabien lebenden Ausländer zu vertreiben, weil diese im Mutterland des Islam nichts zu suchen hätten.

Eindringlich rief der mutmaßliche Regionalchef der Qaida, Mukrin, mehrfach zur Bekämpfung der westlichen Ausländer und der saudischen Regierung auf. Erst vor wenigen Tagen kündigte er ein blutiges Jahr an. Ende Mai hatten al-Qaida-Kämpfer die ostsaudische Ölstadt Chobar angegriffen und 22 Menschen getötet, darunter etliche westliche Ausländer. Derzeit leben schätzungsweise noch rund 60.000 Ausländer aus westlichen Staaten in Saudi-Arabien.



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