Hamburg - Peter Bergen kann wie kaum ein anderer die zehnjährige Suche der US-Behörden nach dem Qaida-Führer Osama bin Laden erzählen. Der Journalist und Terrorismus-Experte war 1997 der erste westliche Journalist, der mit Bin Laden ein Fernseh-Interview führte. Und auch das Ende des Terror-Chefs konnte Bergen so nah verfolgen wie kein zweiter: Als einziger Journalist durfte Bergen 2011 Bin Ladens letztes Versteck im pakistanischen Abbottabad betreten.
In Interviews mit US-Geheimdienstlern, Sicherheitsberatern des Weißen Hauses und pakistanischen Militärs rekonstruierte er die zehnjährige Jagd nach Bin Laden. Von dieser Suche, über die er auch ein Buch veröffentlicht hat, erzählte er am Montag im Gespräch mit Britta Sandberg, der stellvertretenden SPIEGEL-Ressortleiterin Ausland.
"Es war ein Gefängnis, das er sich selbst erschaffen hat", sagt Bergen über das letzte Haus des Qaida-Chefs. In dem dreistöckigen Komplex in Abbottabad lebte Bin Laden mit seinen engsten Verwandten: seinen drei Frauen, zwölf Kindern und Enkelkindern sowie zweien seiner Brüder und deren Familien. Bin Laden, der früher begeistert wanderte, ritt und Volleyball spielte, verließ das Gebäude kaum - aus Angst vor der Entdeckung.
Statt Fenster hatte Bin Ladens Etage im dritten Stock kleine Schlitze, damit ihn niemand sehen konnte. Gleichzeitig bedeutete dies jedoch auch, dass er nicht hinaussehen konnte. Als in seiner Todesnacht mit lautem Krach ein Hubschrauber in seinem Vorgarten verunglückte und ein anderer der US-Spezialkräfte daneben landete, konnte Bin Laden seine Verfolger nicht sehen.
Erst als die Soldaten der Sondereinheit bereits im Gebäude waren, steckte Bin Laden kurz den Kopf ins Treppenhaus, um zu sehen, was dort vie sich ging. Die Navy-Seals entdeckten ihn und stürmten nach oben. Bin Laden flüchtete zurück in sein Schlafzimmer, ohne dabei die Metallgitter-Tür zu schließen, die seinen Wohnbereich vom Treppenhaus trennte.
Die US-Soldaten kamen in sein Schlafzimmer, schossen seiner jüngsten Frau, der 29-jährigen Amal, ins Bein und dann dem Terror-Chef zweimal in den Kopf. Bin Laden hatte zwar mehrere Waffen in seinem Schlafzimmer, darunter ein Maschinengewehr, er soll aber nicht danach gegriffen haben.
Es war das Ende einer zehnjährigen Jagd, bei der die Amerikaner nichts unversucht ließen.
Obama als "aggressiver Präsident"
Gleich nach dem Anschlag vom 11. September 2001, durch den Osama bin Laden und al-Qaida ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit traten, hatte die CIA verstärkt "Targeter" eingestellt: Analysten, die Qaida-Obere aufstöbern sollten. In gezielten Attacken etwa mit Kampfdrohnen wurden diese dann getötet. US-Präsident Barack Obama habe im Vergleich zu seinem Vorgänger George W. Bush diese Strategie sogar noch ausgebaut, so Bergen.
"Obama ist eigentlich militärisch ein sehr aggressiver Präsident, auch wenn er den Friedensnobelpreis erhalten hat", sagt Bergen. "Er hat die Ermordung von 1400 bis 2300 Menschen angeordnet", schätzt der Autor die Bilanz der Drohnen-Angriffe.
Um Bin Laden zu finden, waren die Targeter jedoch anfangs wenig nützlich - es gab keinerlei elektronische Signale, die man abfangen konnte. Einen Spion in die Spitze von al-Qaida einzuschleusen, erwies sich als unmöglich. Also konzentrierten sich die USA darauf, einen Boten zu identifizieren, der in Kontakt mit Bin Laden stand. 2002 hatte man einen ersten Hinweis, 2004 den Spitznamen eines Botens, 2007 den echten Namen dazu. 2010 fand man den Mann schließlich und verfolgte ihn zu der Festung in Abbottabad.
Um herauszufinden, wer dort wohnte, wies CIA-Chef Leon Panetta seine Leute an, 25 Vorschläge zu entwickeln. Ein paar davon waren wenig praktikabel, wie etwa der Plan, eine Stinkbombe in das Haus zu werfen. Bis zum Schluss war sich die CIA nicht ganz sicher, ob Osama bin Laden sich wirklich in dem Gebäude aufhielt. Sie wusste nur in etwa, wie viel Menschen sich darin aufhielten, vor allem wie viele wehrfähige Männer - die Geheimdienstler hatten die Wäscheleine im Garten beobachtet und geschätzt. Alle vier wurden bei dem Zugriff erschossen: Bin Laden, sein 23-jähriger Sohn, sowie zwei Wächter.
Dass die USA keine Fotos des getöteten Bin Laden veröffentlicht haben, kann Bergen nicht verstehen. "Ich glaube, dass die Fotos irgendwann herauskommen werden." Er habe mit US-Beamten gesprochen, die die Bilder gesehen hätten. Ihre Beschreibung: "Es ist Osama bin Laden mit einem großen Loch im Kopf."
Al-Qaida seit dem 11. September im Niedergang
Was die Gefahren angeht, die noch von al-Qaida ausgehen, sagt Bergen, dass sie keinesfalls noch vergleichbar seien mit den Fähigkeiten des Terror-Netzwerkes 2001, als in simultanen Anschlägen in den USA etwa 3000 Menschen getötet wurden.
Besonders die Qaida-Dokumente, die von den Amerikanern in Abbottabad beschlagnahmt und zu einem geringen Teil veröffentlicht wurden, seien dabei sehr aufschlussreich gewesen, sagt Bergen. "Bin Laden war sich bewusst, wie stark al-Qaida unter den US-Drohnenschlägen gelitten hatte." Auch die "Marke al-Qaida" sei am Ende gewesen: al-Qaidas Anschläge, denen auch Muslime zum Opfer fielen, kamen in der islamischen Welt nicht gut an. Auch schaffte es die Terrorgruppe nicht, zur politischen Bewegung zu werden wie die Hisbollah im Libanon oder die Hamas in Palästina. Dann kam der Arabische Frühling, der al-Qaidas Ideen veraltet habe aussehen lassen.
"Die Geschichte von al-Qaida nach dem 11. September ist eine Geschichte des Scheiterns", sagt Bergen. "Am 11. September hatte al-Qaida noch ein ganzes Land als Basis zur Verfügung - Afghanistan." Seitdem sei es nur bergab gegangen. Die regionalen Ableger etwa in Nordafrika, im Jemen oder Pakistan stellten sicherlich noch ein Problem dar, seien jedoch keine große Gefahr mehr für die internationale Gemeinschaft.
Ähnlich verhalte es sich mit mutmaßlichen Einzeltätern im Westen, die sich von al-Qaida inspirieren ließen. "Sie sind eine Bedrohung, aber keine große", sagt Bergen. "Al-Qaida wird sich zwar nicht auflösen", glaubt er. Die Organisation sei jedoch so gut wie am Ende.
Der "Montag an der Spitze" findet abwechselnd bei der Körberstiftung oder im SPIEGEL-Haus in Hamburg statt. Bisher zu Gast waren Verteidigungsminister Thomas de Maizière, Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, Ex-Außenminister Joschka Fischer und Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker.
Die letzte Veranstaltung vor der Sommerpause wird am 25. Juni ausnahmsweise schon um 17:30 Uhr stattfinden, dieses Mal im Forum der Körber-Stiftung in Hamburg. SPIEGEL-Chefredakteur Georg Mascolo wird mit Bundesbank-Chef Jens Weidmann über die Zukunft des Euros und die Krise in Griechenland diskutieren.
ras
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