Qaida in Algerien: "Sie haben immer weniger Spielraum"

Anschläge von islamischen Extremisten erschüttern Algerien: Wer steckt dahinter, und wie stark ist die Bewegung? Der liberale Journalist Abdul Karim Ghazali gibt Qaida-Gruppierungen die Schuld - und sieht sie gerade wegen der Brutalität der Attentate auf einem Rückzugsgefecht.

SPIEGEL: In wenigen Tagen forderten mörderische Anschläge islamistischer Extremistren zahlreiche Menschenleben. Warum gerade jetzt?

Ghazali: Mich haben diese Attentate in keiner Weise überrascht – genaugenommen habe ich damit sogar gerechnet: Die irregeführten islamischen Extremisten haben immer weniger Spielraum. Die Sicherheitsorgane greifen immer härter durch, ihr Aktionsradius wird immer kleiner. Das steigert ihr Gefühl der Verzweiflung, was wiederum quasi naturbedingt zu letztendlich sinnlosen Mordtaten führt. Die jüngsten Aktionen waren denn auch pure Wutausbrüche, die sich gegen alles richtet, was mit dem Staat, Sicherheit und Ordnung zu tun hat.

SPIEGEL: Wer steckt denn nun hinter den Attentaten?

Ghazali: Leute, die sich selbst in die Luft sprengen und auch das Lebensrecht Unschuldiger in diesem Ausmaß missachten, sind zweifelsfrei der sogenannten Organisation "al-Qaida des Großen Maghreb" zuzurechnen, die sich schon durch ihre Vorgehensweise zu erkennen geben. Bekennerschreiben und dergleichen sind überflüssig.

SPIEGEL: Das heißt aber auch, dass es sich um eine gut durchorganisierte Gruppe handelt, die über die Grenzen hinweg agiert, was ja anhand von ähnlich grausamen Sprengstoffanschlägen in Marokko und gelegentlich auch in Tunesien ersichtlich wird.

Ghazali: Sicher gibt es eine lockere Zusammenarbeit zwischen den Qaida-Terroristen, vor allem mit den Zellen in Marokko.

SPIEGEL: Dann ist der Spielraum der Terroristen dann doch nicht so eng. Kommen da nicht auch andere islamistische Terrorgruppen ins Spiel, die Algerien ja schon seit vielen Jahren zu schaffen machen?

Ghazali: Apropos andere Terrorgruppen: Die sind mehr oder weniger alle in dem Qaida-Ableger aufgegangen...

SPIEGEL: ...in Marokko und Algerien? Das wäre dann aber doch ein verhältnismäßig weitflächig operierendes Terrornetz – von Casablanca nach Algier sind es 1500 Straßenkilometer.

Ghazali: Wir haben es mit ganz wenigen sporadischen Attentaten zu tun, die keinesfalls auf ein flächendeckendes Netz schließen lassen.

SPIEGEL: Arbeiten Algerien und Marokko und womöglich auch Tunesien in der Terrorismusbekämpfung zusammen, trotz gravierender politischer Differenzen, etwa in der Westsahara-Frage?

Ghazali: Wir arbeiten mit unseren marokkanischen Kollegen auf dem Sicherheitssektor erfreulich eng zusammen, völlig losgelöst von der großen Politik. Ohne diese uneingeschränkte Kooperation wäre das terroristische Krebsgeschwür sicher noch viel gefährlicher.

SPIEGEL: Von wie vielen Terroristen sprechen wir – sind es einige tausend oder einige hundert?

Ghazali: Nach meiner Einschätzung haben wir es mit 300, 400 Terroristen zu tun. Aber die Zahl ist nicht das Ausschlaggebende. Im ägyptischen Luxor hatten sechs Terroristen ausgereicht, um ein fürchterliches Gemetzel anzurichten und den Tourismus auf Jahre hinaus zu schädigen.

SPIEGEL: Wenn es weniger als tausend Attentäter sind, müsste die Polizei diesen Herd doch ausräumen können. Was macht der Staat falsch?

Ghazali: Unsere Sicherheitskräfte gehen mit allen Mitteln vor, die ihnen zur Verfügung stehen. Wir profitieren auch von den Erfahrungen anderer Länder und erzielen auch Erfolge. Die Versöhnungspolitik, die Präsident Abdul Asis Buteflika anwendet, erwies sich als eine Art K.o.-Schlag.

SPIEGEL: Regimekritiker behaupten, die Islamisten rekrutieren sich zum Teil aus enttäuschten arbeitslosen Jugendlichen.

Ghazali: Ich bin für mein Engagement für die sozialen Probleme unseres Landes bekannt, ich kenne mich da aus. Glauben Sie mir, die Qaida-Mordbanden sind absolut isoliert. Selbst oppositionelle Islamvereinigungen lehnen sie aufs Schärfste ab.

SPIEGEL: Woran liegt es dann, dass es immer wieder zu Anschlagserien kommt?

Ghazali: Ganz einfach: Die Terroristen können sich nur noch in einem bestimmten geografischen Raum bewegen, und zwar im Dreieck Bou Merdas-Tizi Ousou-Bouira. Woanders können sie sich nicht mehr bewegen. Es ist diese in der Tat unwegsame Gebirgsregion der Kabylei, wo sich die Verbrecherbanden in einer Vielfalt von Tälern, Höhlen, Schluchten und Wäldern verschanzen.

SPIEGEL: Also ein Krieg ohne Ende?

Ghazali: Um den letzten Terroristen zur Strecke zu bringen, wird noch etwas Zeit ins Land gehen, aber ihre Tage sind gezählt.

SPIEGEL: Waidwunde Stiere sind gefährlich und...

Ghazali: ...richtig, sie werden, solange sie können, immer wieder Bomben legen und morden. Doch die Bevölkerung hat die große Angst von früher verloren: Ich verbringe gerade meinen Urlaub in einem Gebirgsstädtchen in der Kabiley, ohne Bodyguards und Polizeischutz.

Das Interview führte Volkhard Windfuhr

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