Qaida-Propaganda Geisterbahn des Terrorismus

Ein verrückter Amerikaner, der einen Afghanen foltert, vier selbstgefällige Qaida-Führer und das Testament eines 9/11-Attentäters: Das mit einer Woche Verspätung veröffentlichte Qaida-Video zum siebten Jahrestag der Terroranschläge von 2001 ist ein gruseliges Spektakel.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Von allen Qaida-Propagandavideos, die bisher erschienen sind, hat dieses die ungewöhnlichste Vorgeschichte: Schon Tage vor dem 11. September war es angekündigt worden. Es war gedacht als Hauptbeitrag der Qaida-Propagandazentrale al-Sahab zum diesjährigen Jahrestag der Anschläge von Washington und New York 2001.

Screenshot: "Die Ernte von sieben Jahren Kreuzzug"

Screenshot: "Die Ernte von sieben Jahren Kreuzzug"

Doch dann, einen Tag vor dem Jahrestag, kollabierten nach und nach die wichtigsten Websites, die al-Qaida und al-Sahab nutzen, um ihre Produkte zu verbreiten.

Das Erscheinen des Videos wurde dadurch verzögert - bis Donnerstag. Da gelang es al-Sahab dann doch noch, Hunderte Links auf einer Dschihadisten-Website zu publizieren, die allesamt zu dem Film führen sollten.

Allerdings war der Jubel, der daraufhin unter den Qaida-Fans im Internet ausbrach, verfrüht. Denn al-Sahab hatte, wahrscheinlich versehentlich, ein falsches Passwort versandt. Die mehrere Zeilen lange, alphanummerische Zeichenkette half nicht, die heruntergeladenen Dokumente zu öffnen. Die Qaida-Sympathisanten wurden langsam ärgerlich - und zum Teil paranoid: Ob das hier alles ein Trick der CIA sei, fragten nicht wenige.

Erst am Freitagabend hatte die Pannenserie dann ein Ende: Al-Sahab versandte neue Links, und die Downloads waren diesmal nicht verschlüsselt. Innerhalb von Minuten luden Tausende Cyber-Dschihadisten sich den Film namens "Die Ernte von sieben Jahren Kreuzzug" herunter. Das Video ist rund anderthalb Stunden lang und liegt SPIEGEL ONLINE vor.

"Mal geht es hoch, mal geht es runter"

Mit Ausnahme des Qaida-Chefs Osama Bin Laden tauchen fast alle Qaida-Führungspersönlichkeiten, die einen gewissen Rang haben, in dem als Dokumentarfilm getarnten Streifen auf: Aiman al-Sawahiri, die Nummer Zwei, erklärt ausführlich, warum Iran ein Alliierter der USA sei. Abu Yahya al-Libi, ein wichtiger Ideologe, lobt die Mudschahidin in Somalia. Der Chef des Netzwerks in Afghanistan, Mustafa Abu al-Yazid, sagt die Niederlage der USA am Hindukusch voraus. Und zum ersten Mal bekommen die Qaida-Fans bewegte Bilder von dem Vordenker Attiya Allah zu sehen, der, an einem Schreibtisch mit Kaffeetasse sitzend, fast wie ein Geschäftsmann wirkt und die sinkende Zahl von Terroranschlägen im Irak lapidar kommentiert: "So ist das halt: Mal geht es hoch, mal geht es runter."

Das könnte man auch über diesen Film sagen, der im Grunde eine Geisterbahnfahrt durch den Dschihadismus ist. Ohne viel Zusammenhang werden da die Themen und Schauplätze verrührt. Ein Sprecher, der klingt, als habe er bei al-Dschasira ein Volontariat gemacht, führt mit überdeutlicher Aussprache durch das Geschehen. Ständig fliegt etwas auf wackligen Bildern in die Luft. Ansatzlos werden Berichte über die verschiedenen Schlachtfelder, an denen natürlich alles bestens laufe, von langen Mitschnitten aus westlichen und arabischen TV-Sendungen unterbrochen, in denen Politologen und Analysten darüber räsonieren, dass al-Qaida noch nicht am Ende sei. Das hört al-Qaida natürlich gerne.

Interaktive Karte
SPIEGEL ONLINE
Interaktive Grafik: al-Qaidas wichtigste Kader
Der Subtext ist: Wir sind auf dem Vormarsch, wir sind unbesiegbar.

An zwei Stellen sendet al-Sahab zudem Exklusivmaterial, das die Anhänger zur Tat anstacheln soll. Etwa zur Hälfte des Films erklärt der Sprecher, dass der Sicherheitsabteilung al-Qaidas ein Video vorliege, auf dem zu sehen sei, wie "Tora-Bora-Jack" einen Muslim misshandele. Man werde ihn nun zeigen.

Ein Video von "Tora-Bora-Jack"?

"Tora-Bora-Jack" gibt es wirklich. Mit bürgerlichem Namen heißt er Keith Idema, er wurde weltbekannt, weil er nach dem Beginn des Afghanistan-Kriegs auf eigene Faust in das Land reiste und Bin Laden suchte. Dabei errichtete er Privatgefängnisse und misshandelte Menschen. 2004 wurde der Kopfgeldjäger in Afghanistan zu zehn Jahren verurteilt.

Al-Qaida behauptet freilich, der Mann sei vom Pentagon an den Hindukusch geschickt worden. Es gilt bisher nur als sicher, dass er in der Tat gelegentlich mit der US-Armee vor Ort kooperierte.

Die Szenen, die al-Sahab dann zeigt, sind in jedem Fall grausig: Ein Mann, vermutlich US-Amerikaner, wird gezeigt, wie er mit Hilfe eines Dolmetschers einen anderen Mann, offenbar einen Afghanen, verhört - mit brutalen Methoden. Auf dem Höhepunkt der Filmsequenz legt der Verhörer dem Opfer einen Kabelbinder um den Hals und zieht zu. "Sag ihm, in drei Minuten ist er tot", weist er den Übersetzer an - und verlässt den Raum.

Am Ende wird das Band zwar aufgeschnitten. Aber es bleibt eine schlimme Szene. Nur: Ob sie echt ist, ob sie wirklich Idema zeigt - das bleibt unklar.

Hunderte lobende Stimmen

Die zweite nie zuvor ausgestrahlte Passage ist das Märtyrer-Abschiedsvideo von Ahmad al-Ghamidi, einem der 19 Attentäter des 11. September. Schon an früheren Jahrestagen hatte al-Qaida Bänder anderer 9/11-Attentäter gezeigt. Sie ähneln sich letztlich alle und bestehen vor allem aus religiösen Rechtfertigungen ("Wenn die islamischen Länder angegriffen werden, ist der Dschihad eine Pflicht") und dem Aufruf, man, möge sich ihnen anschließen.

Trotz seiner fehlenden Kohärenz und seiner kaum vertuschten Schönfärberei scheint der Propagandastreifen diejenigen, an die er sich richtet, dennoch zu begeistern. Hunderte lobender Kommentare posteten die ersten Nutzer, die ihn gesehen hatten, am Freitagabend in den dschihadistischen Internet-Diskussionsforen. Der vermutlich treffendste Satz in dem gesamten Video stammt deshalb wohl vom 9/11-Attentäter Ghamidi, auch wenn er ihn anders gemeint hat. "Der Dschihad braucht euch nicht", sagt er. "Aber ihr braucht den Dschihad."

Man kann sich in der Tat vorstellen, wie die 87 Minuten, am Stück betrachtet, eine gewisse Wirkung entfalten können. Al-Qaida präsentiert sich kühl, souverän, professionell, überlegt und überlegen, geduldig und fest entschlossen. Mit westlichen Augen betrachtet mag das teilweise lächerlich wirken. Es verfängt aber möglicherweise, wenn man zu jenen zählt, die den westlichen und arabischen Mainstream-Medien schon längst nicht mehr trauen. Al-Qaida versucht, in genau diesen Gewässern zu fischen: Die dschihadistischen Medien, mahnt Sawahiri väterlich, seien die einzig glaubwürdigen.



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