Quadriga-Affäre um Putin Eklat mit Ansage

Mit der Posse um die Putin-Ehrung hat sich das Quadriga-Komitee diskreditiert, insbesondere der Merkel-Vertraute Lothar de Maizière. Die Beziehungen zu Russland sind beschädigt, und Putins Umfeld ärgert sich über die deutsche "Sauwirtschaft". Das könnte Folgen haben, der Premier gilt als nachtragend.

 Ein Kommentar von , Moskau

Premier Putin: Erleichterung bei deutschen Politikern, Entsetzen beim russischen Botschafter
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Premier Putin: Erleichterung bei deutschen Politikern, Entsetzen beim russischen Botschafter


Wenn sich Angela Merkel und Russlands Präsident Dmitrij Medwedew am Dienstagvormittag in Hannover treffen, widmen sie sich bedeutenden Themen. Der Petersburger Dialog, ein exklusives, allerdings etwas in die Jahre gekommenes, Debattenforum für Deutsche und Russen unter dem Co-Vorsitz von Merkels Vertrautem Lothar de Maizière, erstattet Bericht: über reiche Lagerstätten von Seltenen Erden auf der russischen Halbinsel Kola etwa. Oder über die Diskussionen zum Tagesordnungspunkt "Die Kunst, einander zuzuhören".

Läuft alles wie immer, dann wird sich Merkel Stichpunkte notieren, nicken, und wenn es gar zu langweilig wird, werden Präsident und Kanzlerin wieder kleine Botschaften auf Zettelchen schreiben, die sie einander zuschieben. Sie kichern dann manchmal.

Doch für gute Stimmung gibt es eigentlich wenig Anlass. Genauso gut könnte Merkel in diesem Jahr auch de Maizière bei den Schultern packen und kräftig schütteln. Wenn sie konsequent wäre, müsste sie ihn durch jemanden mit verlässlicherem politischen Instinkt ersetzen.

Grund dazu hat sie.

Lothar de Maizière, einst erster und damit auch letzter demokratisch gewählter Regierungschef der DDR, sitzt im Vorstand der "Werkstatt Deutschland". Es gibt Teilnehmer des Petersburger Dialogs, die glauben, dass er eine treibende Kraft hinter der geplatzten Ehrung von Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin war.

Moskaus Botschafter macht seinem Ärger Luft

De Maizière verfügt eigentlich über beste Kontakte in die deutsch-russische Community. Deshalb hätte er voraussehen müssen, dass eine Auszeichnung von Putin in Deutschland auf heftigen Widerstand trifft. Er hätte wissen müssen, dass sie als Parteinahme für den autoritären Putin im russischen Vorwahlkampf gegenüber Präsident Medwedew gewertet wird.

Und dennoch hat der Verein gerade für die größte diplomatische Verstimmung zwischen Russland und Deutschland gesorgt, seit russische Panzer im August 2008 in Georgien einrückten: Er rief Wladimir Putin zum Träger der Quadriga aus, einem Preis für "Leadership", der aber auch schon mal für "Brücken des Respekts" (türkischer Premierminister Recep Tayyip Erdogan) oder "Weisheit des Lächelns" (Schriftsteller Éric-Emmanuel Schmitt) vergeben wurde. Auch der SPIEGEL wurde 2007 als "Institution der Republik" ausgezeichnet.

Die Moskauer Tageszeitung "Kommersant" druckte sogar auf dem Titelbild eine goldene Quadriga mit der Aufschrift "DER SPIEGEL". Das wirkte so, als würde das Nachrichtenmagazin den Preis verleihen und sorgte kurzzeitig in der russischen Hauptstadt für Verwirrung. Denn die Quadriga ist in Russland keine Auszeichnung mehr, sie ist ein Symbol für einen diplomatischen Affront.

Putins Befremden über die deutsche Sauwirtschaft

Das zeigt auch die Reaktion von Wladimir Grinin. Moskaus Botschafter in Berlin ist eigentlich ein freundlicher Mann. Er lobt stets deutsche Tugenden, die Pünktlichkeit etwa, die Sparsamkeit und die Verlässlichkeit: Ein Wort bei den Deutschen, glaubt er, ist eben ein Wort.

Nun aber zweifelt er an der deutschen Standfestigkeit. Nach der erwartbaren Kritik an der Ehrung eines Mannes, der sich zwar um Russlands Stolz und Stabilität verdient gemacht hat, gleichzeitig aber die Medien gängelt, in Tschetschenien einen brutalen Krieg führen ließ und demokratische Freiheiten systematisch beschnitt, setzte die "Werkstatt Deutschland" die Ehrung aus.

Grinin machte sich kaum mehr die Mühe, seinen Ärger diplomatisch zu verpacken. "Alles, was passiert ist, war höchst unsympathisch und unanständig", sagte er. Putin selbst wurde noch deutlicher. Er sei befremdet, ließ er seinen Sprecher Dmitrij Peskow ausrichten. Die Nachrichtenagenturen tickerten auch Peskows Kritik am "Chaos in der Jury". Der Russe aber sprach von "Bardak", das kommt von Bordell und würde besser als "Sauwirtschaft" oder "Saustall" übersetzt.

Eklat mit Ansage

Geschichte, heißt es, wiederholt sich nicht. Die Annahme suggeriert, dass die handelnden Akteure Lehren aus der Vergangenheit ziehen. Dazu war das Quadriga-Gremium nicht in der Lage, obwohl ihm auch Spitzenpolitiker angehören, darunter Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) und Verkehrsminister und der Top-Diplomat Wolf-Ruthart Born, bis vor kurzem Staatssekretär im Auswärtigen Amt.

2004 wollte die Universität Hamburg Wladimir Putin mit der Ehrendoktorwürde auszeichnen. Nach massiven Protesten sagte die Universität die Zeremonie ab, angeblich aus terminlichen Gründen. Der jetzige Quadriga-Knatsch war also ein Eklat mit Ansage.

Umstrittene Preisträger hatte die Quadriga schon früher, den afghanischen Präsidenten Hamid Karzai etwa. Heftiger als bei Putin wäre die Reaktion aber wahrscheinlich nur ausgefallen, hätte das Kuratorium Weißrusslands Diktator Alexander Lukaschenko ehren wollen oder Kim Jong Il, Nordkoreas Gewaltherrscher.

Hinterher will sich im Kuratorium niemand mehr genau erinnern, wer Russlands starken Mann zuerst ins Gespräch brachte. Namhafte Mitglieder des Preis-Gremiums wie Grünen-Chef Cem Özdemir oder der Historiker Edgar Wolfrum traten zurück und erklärten, sie hätten sich entweder gegen eine Preisverleihung an Putin ausgesprochen oder an den entscheidenden Sitzungen nicht teilgenommen.

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) gab ebenfalls zu Protokoll, er habe gefehlt. In einer Krisenschalte per Telefon in der vergangenen Woche plädierte er dann aber offenbar für Standhaftigkeit und ein Festhalten an Putin, konnte sich aber nicht durchsetzen.

Offiziell bemüht sich die russische Führung um Schadensbegrenzung. Die Blamage habe "nichts mit den deutsch-russischen Beziehungen zu tun" so Putin-Sprecher Peskow. In Wahrheit aber ist der Rückzieher ein "schmerzhafter Schlag für Putin" konstatiert die Moskauer Zeitung "Moskowski Komsomolez".

Wladimir Putin hat sich nie um diese Auszeichnung bemüht, und es gibt Dutzende gute Gründe, sie ihm nicht zu verleihen. Keiner davon ist neu. Das Hickhack um die Quadriga hat alle Beteiligten beschädigt. In Moskau ist der Premier für zwei Eigenschaften bekannt. Er könne Kränkungen ertragen, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Und er steht in dem Ruf, ein exzellentes Gedächtnis zu besitzen. Das kann man leider nicht von allen Akteuren in dieser Affäre sagen.

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Methados 19.07.2011
1. .
soll er doch schmollen. er hat diesen preis einfach nicht verdient, im gegenteil, man sollte ihm einen preis für das andauernde surpressen seiner bevölkerung geben. das wäre angebracht.
Sabi 19.07.2011
2. nachtragend
Zitat von sysopMit der Posse um die Putin-Ehrung hat sich das Quadriga-Komitee diskreditiert, insbesondere der Merkel-Vertraute Lothar de Maizière. Die Beziehungen zu Russland sind beschädigt, und Putins Umfeld ärgert sich über die deutsche "Sauwirtschaft". Das könnte Folgen haben, der Premier gilt als nachtragend. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,775172,00.html
"Putin gil als nachtragend" - Gaddafi auch, Tschingis Khan auch, Stalin und Hitler auch, Saddam auch ..... die Liste ist lang !
Resident.Rhodan, 19.07.2011
3. Unterwanderung...
IM Czerni und die mutmaßliche IM Erika schanzen einem ehemaligen KGB-Agenten und heutigem lupenreinen Demokraten einen Preis für "Aufklärung, Engagement und Gemeinwohl" zu. WoW! Wer hätte denn 1989 gedacht, dass das einmal passieren könnte? Wer hat denn eigentlich den kalten Krieg gewonnen?
beraterit 19.07.2011
4. passt doch in eine Reihe - Gauner unter sich.. Putin-Erdogan-Spiegel-
Und dennoch hat der Verein gerade für die größte diplomatische Verstimmung zwischen Russland und Deutschland gesorgt, seit russische Panzer im August 2008 in Georgien einrückten: Er rief Wladimir PUTIN zum Träger der Quadriga aus, einem Preis für "Leadership", der aber auch schon mal für "Brücken des Respekts" (türkischer Premierminister Recep Tayyip ERDOGAN) oder "Weisheit des Lächelns" (Schriftsteller Éric-Emmanuel Schmitt) vergeben wurde. Auch der SPIEGEL wurde 2007 als "Institution der Republik" ausgezeic
susie.sunshine 19.07.2011
5. Aus-Presse
Zitat von Methadossoll er doch schmollen. er hat diesen preis einfach nicht verdient, im gegenteil, man sollte ihm einen preis für das andauernde surpressen seiner bevölkerung geben. das wäre angebracht.
Och, da wäre ich für eine Doppelverleihung. Sind doch hier auch genug Auspresser der Bevölkerung vorhanden. Ansonsten kann man nur bemerken, die Dummheit der deutschen Politiker und Mitmachthaber nimmt sekündlich zu. Ende offen.
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