Rache für PKK-Attacken Erdogan befiehlt Jagd auf Kurden-Kämpfer

Die Türkei holt zum Gegenschlag gegen die kurdischen Rebellen aus: PKK-Kämpfer wurden am Boden und aus der Luft angegriffen. Doch die Racheaktion für den Tod von 20 Soldaten kann den Konflikt nicht beenden. Im schlimmsten Fall droht ein Bürgerkrieg.

Aus Istanbul berichtet Jürgen Gottschlich


Die Türkei steht unter Schock: Beim schwersten Angriff der kurdischen PKK-Guerilla seit 1992 wurden in den frühen Morgenstunden des Mittwoch mehr als zwanzig Soldaten und Polizisten getötet. Die PKK hatte im Morgengrauen in einer koordinierten Aktion an neun verschiedenen Punkten Armeeunterkünfte in Orten nahe der irakischen Grenze angegriffen. Der schwerste Angriff fand in dem Ort Cukurca statt, wo allein 18 Soldaten starben.

Der Angriff sorgte für Alarmstimmung bei der Regierung: Sämtliche Termine wurden gestrichen. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan sagte einen geplanten Besuch in Kasachstan ab, Außenminister Ahmet Davutoglu flog nicht wie vorgesehen nach Belgrad, und Finanzminister Mehmet Simsek verzichtete auf einen Auftritt in Washington. Generalstabschef Necdet Özel flog bereits am frühen Morgen direkt ins Kriegsgebiet.

Seit dem frühen Morgen tagte beim Regierungschef eine große Krisenrunde. Mittags kündigte Erdogan die massive Verfolgung der aufständischen Kämpfer an. Rund 600 türkische Soldaten wurden demnach bereits in den Nordirak geschickt, um die PKK-Angreifer zu verfolgen. Nach Militärangaben wurden bei der Aktion 18 kurdische Kämpfer getötet. Die Luftwaffe greift zudem PKK-Lager in den 100 Kilometer von der Grenze entfernten Kandil-Bergen im Nordirak an. Schon seit August plant die Türkei einen Einmarsch in die Kurdengebiete, erst vor einer Woche verabschiedete das Parlament ein entsprechendes Ermächtigungsgesetz für die Regierung.

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Kurdischer Anschlag: Die Türkei startet den Gegenschlag
Die Anschläge der PKK würden die Türkei nicht von ihrem Weg zu mehr Demokratie und Wohlstand abbringen können, sagte Erdogan. "Die türkische Republik wird alle Terroristen und ihre Unterstützer bis zum Ende konsequent bekämpfen. Die Schuldigen der letzten Nacht werden verfolgt und sie werden ihre Rechnung bezahlen." Erdogan gab sich gleichzeitig überzeugt, dass die PKK ihre Angriffe nicht nur aus eigener Initiative unternehme. "Es gibt Mächte, die den Friedensprozess zwischen Kurden und Türken stoppen wollen, um den Aufstieg der Türkei zur Regionalmacht zu verhindern. Das wird nicht gelingen." Wen der Ministerpräsident damit meinte, sagte er allerdings nicht.

"Die Rache wird kommen"

In einer ersten öffentlichen Reaktion äußerte Staatspräsident Abdullah Gül sein tiefes Mitgefühl für die Familien der getöteten Soldaten und verurteilte die Angriffe scharf. "Die Rache wird kommen", sagte der sichtlich schockierte Staatschef, der erst vor wenigen Tagen das Gebiet an der irakischen Grenze besucht hatte.

Am Dienstag waren ebenfalls im kurdisch besiedelten Südosten der Türkei bereits acht Menschen getötet worden: Bei einem Bombenanschlag auf ein Polizeifahrzeug starben fünf Sicherheitsbeamte, im nachfolgenden Wagen ein Ehepaar und sein dreijähriges Kind.

Die tödlichen Attacken der PKK vom Mittwoch sind der Höhepunkt einer Angriffsserie, die in der zweiten Julihälfte begann. Damals hatte die Führung der Rebellen einen Waffenstillstand, der fast ein Jahr gehalten hatte, aufgekündigt. Seitdem folgte ein Attentat dem nächsten, darunter auch ein schwerer Bombenanschlag mitten in Ankara im August.

Die Regierung antwortete darauf mit einer beispiellosen Repressionswelle. Hunderte von vermeintlichen oder tatsächlichen PKK-Sympathisanten wurden verhaftet, darunter etliche kommunale Mandatsträger der legalen kurdischen Partei BDP. Die BDP hatte erst am 1. Oktober ihre 30 Abgeordneten nach monatelangem Boykott ins Parlament nach Ankara geschickt, weil dort in einer großen Kommission in dieser Woche die Arbeit an einer neuen Verfassung für die Türkei begann. Erst am Dienstag hatte die Fraktion einen Antrag im Parlament eingebracht, mit dem sie den Rücktritt des Innenministers forderte, weil dieser die Türkei "in einen Polizeistaat" verwandelt habe.

"Niemand kann diesen Konflikt militärisch für sich entscheiden"

Die BDP hat sich inzwischen in ungewöhnlich scharfer Form von den jüngsten PKK-Angriffen distanziert. "Wir sagen Stopp. Diese Angriffe brechen uns das Herz", hieß es in einer Erklärung in Ankara. Die Attacken brachten die Abgeordneten in eine schwierige Lage: Sie mussten die PKK-Angriffe scharf verurteilen. Ansonsten würden sie von allen anderen Abgeordneten als Terrorunterstützer verurteilt werden.

Gespräche über politische Schritte zur Lösung des Konflikts sind nun vorerst undenkbar. Trotzdem gehen die meisten Beobachter in der Türkei davon aus, dass es nach den bevorstehenden schweren Kämpfen früher oder später doch wieder zu politischen Kontakten kommen muss.

"Niemand kann diesen Konflikt militärisch für sich entscheiden", sagt zum Beispiel Saruhan Oluc. Er ist ein Linker, der an einem Bündnis kleinerer Linksparteien mit der kurdischen BDP mitarbeitet. Pessimisten in der Türkei sehen das anders: Die PKK versuche mit ihren Attacken einen landesweiten Bürgerkrieg auszulösen, der letztlich nur noch zu Abspaltung der kurdischen Gebiete führen könne.

insgesamt 64 Beiträge
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Seite 1
Chris_7 19.10.2011
1. Klare Sprachregelung
Es wäre eigentlich an der Zeit, dass auch die deutsche Presse die Dinge beim Namen nennt. Die "PKK-Kämpfer" sind weder Freiheitskämpfer noch Widerstandskämpfer noch eine Arbeiterpartei - sondern schlicht Terroristen. Das sollte man nicht immer unter dem Deckmäntelchen der sprachlichen Vertuschung begraben. Und natürlich hat die Türkei das Recht (und die Pflicht) gegen Terroristen vorzugehen. Wie die spanische Regierung gegen die Terroristen der ETA vorgeht. Oder sind das für Sie auch Freiheitskämpfer?
oldharold 19.10.2011
2. Türkei in die EU?
Vielleicht ist unsere Landesmutter doch nicht ganz so doof, wenn sie der Türkei lediglich eine "privilegierte Partnerschaft" anbietet? Erdogan hat Israel bereits mit Krieg gedroht, sollte es nochmal einen türkischen Blockadebrecher angreifen. Jetzt läßt er seine Truppen in den Irak einmarschieren. Könnten wir uns wirklich noch aus einem Konflikt heraushalten, wenn sich ein EU-Land im Krieg befindet?
Monark™ 19.10.2011
3. Vielleicht ...
Zitat von Chris_7Es wäre eigentlich an der Zeit, dass auch die deutsche Presse die Dinge beim Namen nennt. Die "PKK-Kämpfer" sind weder Freiheitskämpfer noch Widerstandskämpfer noch eine Arbeiterpartei - sondern schlicht Terroristen. Das sollte man nicht immer unter dem Deckmäntelchen der sprachlichen Vertuschung begraben. Und natürlich hat die Türkei das Recht (und die Pflicht) gegen Terroristen vorzugehen. Wie die spanische Regierung gegen die Terroristen der ETA vorgeht. Oder sind das für Sie auch Freiheitskämpfer?
... lesen Sie erst einmal etwas genauer nach: Die Ausdrücke "Freiheitskämpfer", "Widerstandskämpfer" und "Arbeiterpartei" sind im Text nicht enthalten, dort ist von der PKK-Guerilla bzw. von PKK-Angreifern die Rede.
Volker Hett, 19.10.2011
4. Das wurde schon geklärt
Zitat von oldharoldVielleicht ist unsere Landesmutter doch nicht ganz so doof, wenn sie der Türkei lediglich eine "privilegierte Partnerschaft" anbietet? Erdogan hat Israel bereits mit Krieg gedroht, sollte es nochmal einen türkischen Blockadebrecher angreifen. Jetzt läßt er seine Truppen in den Irak einmarschieren. Könnten wir uns wirklich noch aus einem Konflikt heraushalten, wenn sich ein EU-Land im Krieg befindet?
Die Türkei ist ja schon seit Jahrzehnten NATO Mitglied und aus dem Falkland Krieg haben wir uns ja auch raus gehalten.
Monark™ 19.10.2011
5. Nato
Zitat von oldharoldVielleicht ist unsere Landesmutter doch nicht ganz so doof, wenn sie der Türkei lediglich eine "privilegierte Partnerschaft" anbietet? Erdogan hat Israel bereits mit Krieg gedroht, sollte es nochmal einen türkischen Blockadebrecher angreifen. Jetzt läßt er seine Truppen in den Irak einmarschieren. Könnten wir uns wirklich noch aus einem Konflikt heraushalten, wenn sich ein EU-Land im Krieg befindet?
Die Türkei ist bereits NATO-Mitglied, das zieht im Falle militärischer Auseinandersetzungen weitaus schwerere Konsequenzen nach sich. Könnten die Türken z.B. nachweisen, dass die Angriffe von irakischem Territorium aus geführt wurden, dann könnten sie theoretisch auch den Bündnisfall ausrufen, und die Bundeswehr wäre aufgefordert, sie zu unterstützen.
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