Berlin/Kabul - Über die Taliban haben die Menschen in Pakistan zwei Meinungen: Die einen behaupten, es handele sich um im Grunde herzensgute Männer, die in ihrem religiösen Wahn leider vom rechten Weg abgekommen seien und mit Gewalt versuchten, islamische Werte durchzusetzen. Sie würden das Richtige wollen, nur mit den falschen Mitteln. Man müsse mit diesen Leuten reden, sie zur Vernunft bringen und integrieren. Zu der Gruppe, die so denkt, gehören Konservative aus allen Schichten, der Religionsgelehrte genauso wie die erfolgreiche Innenarchitektin und der gläubige Landwirt.
Die anderen halten die Taliban für Terroristen, Radikale, Verrückte. Für Militante, die man bis aufs Blut bekämpfen müsse und damit nicht aufhören dürfe, bis der letzte Talib getötet sei. Zu dieser Gruppe zählen moderate Muslime vor allem aus den Bildungsschichten, Offiziere und Menschen mit Auslandserfahrung, aber auch Regierungsvertreter, Angehörige von Terroropfern und die Menschen, die unter den zunehmenden Kontrollen durch Polizei und Paramilitärs leiden.
Die zweite Gruppe wächst von Tag zu Tag. Denn die Taliban sorgen mit immer neuen Selbstmordanschlägen in den Städten für Angst und Schrecken. Die Taktik, die sich zwar in erster Linie gegen Polizei- und Militäreinrichtungen richtet, ist wegen der vielen zivilen Opfer aber selbst unter den Taliban nicht unumstritten.
Geburt der pakistanischen Taliban
Die Gruppe der Radikalen tauchte erstmals im Herbst 1994 auf und nahm nach und nach fast ganz Afghanistan ein. Trotz ihrer Schreckensherrschaft hatten sie zunächst noch die Zustimmung der Afghanen, denn immerhin beendeten sie das Chaos, wenn auch mit harter Hand. Rasch merkten die Menschen aber, wem sie da den Weg bereitet hatten: Leuten, die den Islam in radikalster Form predigten. Die Taliban regierten in Afghanistan von 1996 bis 2001, erst der Einmarsch der Amerikaner nach den Terrorschlägen vom 11. September 2001 kostete sie die Macht.
Durch das Rekrutieren von jungen Kämpfern aus sogenannten Madrassen - Koranschulen - in Pakistan, die nach ihrem Einsatz in ihre Heimat zurückkehrten, verbreitete sich ihre Ideologie auch schnell in dem Nachbarland. Der Einmarsch von westlichen Truppen in Afghanistan radikalisierte die pakistanischen Kämpfer. In der Grenzregion zwischen Afghanistan und Pakistan, auch Paschtunengürtel genannt, gründeten diese Kämpfer eigene Einheiten, und die verschiedenen Zusammenschlüsse von Islamisten begannen, miteinander zu kooperieren. Erst im Dezember 2007 schlossen sie sich offiziell zur Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP), der "Bewegung der Taliban in Pakistan" zusammen.
Tod eines Anführers
Der erfahrene Kämpfer Baitulllah Mehsud, der aus dem einflussreichen Stamm der Mehsud stammt, wurde als "Amir" oder Anführer dieser Dachorganisation etabliert. Seine Ziele waren, so hat es der Harvard-Wissenschaftler Hassan Abbas nachgezeichnet,
Baitullah Mehsud, der nach Schätzung von Abbas rund 5000 Kämpfer befehligte, kam im August bei einem US-Drohnenangriff ums Leben. Seither sind die pakistanischen Taliban zerstritten: Wer soll die TTP künftig führen? Mit Gewalt setzte sich der junge Kommandeur Hakimullah Mehsud durch, der übrigens mit Baitullah Mehsud nicht verwandt ist. Er ließ keinen Zweifel, dass es zu einer Spaltung der Organisation käme, sollte er nicht zum Nachfolger an der Spitze bestimmt werden.
"Mit der neuerlichen Gewalt hat Hakimullah Mehsud zu beweisen versucht, dass er in der Lage ist, konzertierte Aktionen im ganzen Land durchzuführen", sagt Rifaat Hussain, Direktor des Zentrums für Strategische Studien an der Quaid-i-Azam-Universität in Islamabad. "Jetzt geht es aber darum, die Ränge unter Hakimullah zu besetzen und Streitigkeiten beizulegen."
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