Radikale Juden in Jerusalem Religiöse Ultras kämpfen um die Heilige Stadt

Geschlechtertrennung auf der Straße, Auftrittsverbot für Sängerinnen, Werbeplakate ohne Frauen: Jerusalems ultraorthodoxe Juden bestimmen mit ihrem extremen Weltbild das öffentliche Leben. Säkulare Gruppen fürchten eine Radikalisierung der Gesellschaft, auch strenggläubige Rabbis schlagen Alarm.

Von Ulrike Putz, Jerusalem

REUTERS

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Eine extremistische religiöse Minderheit beschließt, dass Männer und Frauen nicht denselben Gehsteig teilen sollen - mit der Begründung, das sei unzüchtig. In dem von der Minderheit bewohnten Stadtviertel wird daraufhin die Geschlechtertrennung eingeführt. Frauen dürfen nur noch bestimmte Straßen benutzen, wer sich nicht an die Regeln hält, wird beschimpft und bedroht.

Säkulare Gruppen protestieren, eine Angehörige des Stadtrats klagt beim Obersten Gerichtshof des Landes, das auf seine demokratische Grundordnung stolz ist. Sie wird dafür vom Bürgermeister gefeuert, der Repressalien durch die einflussreiche Minderheit fürchtet. Doch das Gericht gibt den Säkularen Recht und verbietet die Geschlechtertrennung. Als die Polizei in das ultrafromme Stadtviertel vorrückt, um die Trennung aufzuheben, wird sie von Männern mit Steinen beworfen. Andere Ultras kippen von ihren Balkons Betonblöcke auf die Ordnungshüter. Obwohl mehrere Polizisten verletzt werden, wird niemand festgenommen. Zu groß ist die Macht der Minderheit.

Diese Geschichte ist wahr. Sie hat sich jüngst in Jerusalem zugetragen, als ultraorthodoxe jüdische Gruppen zum Laubhüttenfest ihre Sittenstrenge zur Schau tragen wollten. Das Stadtviertel, in dem Frauen Nebenstraßen nehmen müssen, heißt Mea Schearim, die geschasste Stadträtin Rachel Azaria.

Damit hat ein innerisraelischer Konflikt, der sich rasant zuspitzt, einen neuen Höhepunkt erreicht: Im Kampf um die sogenannte Haredisierung Jerusalems stehen sich die Ultrafrommen und säkulare Israelis verbittert gegenüber. "Haredi" ist der hebräische Begriff für die ultraorthodoxen Juden, die der Heiligen Stadt zunehmend ihren Stempel aufdrücken. "Der Einfluss der Ultraorthodoxen auf die Lokalpolitik wächst und wächst", sagt Rabbi Uri Regev von der Organisation Hiddusch, die sich für Religionsfreiheit in Israel einsetzt.

Kaum noch Frauen auf Plakatwänden

Die Haredisierung Jerusalems geht schleichend voran. Nur wer genau hinsieht, bemerkt, dass schon seit einigen Jahren bei Stadtfesten in den Parks Jerusalems keine Frauen mehr auf der Bühne stehen: Es schickt sich für einen ultrafrommen Juden nicht, einer singenden Frau zu lauschen. An den Imbissständen solcher Feste wird schon lange ausschließlich koscheres Essen serviert.

Auch die Stadtverwaltung versucht, es den streng religiösen Bewohnern rechtzumachen: Im von der Gemeinde Jerusalem veröffentlichten Kulturkalender fehlen die Einträge für Veranstaltungen am Freitag und Samstag. So soll niemand in Versuchung geführt werden, sich am Sabbat zu vergnügen statt zu beten.

Und auf den Plakatwänden in Jerusalem sind kaum noch Frauen zu sehen: Israelische Modemarken und Lebensmittelhersteller haben inzwischen eigens für Jerusalem frauenfreie Kampagnen entwickeln lassen. Mit dieser Selbstzensur wollen sie vermeiden, dass ihre Reklame von selbsternannten Sittenwächtern übersprüht wird.

Die Männer in schwarzen Gehröcken und mit Schläfenlocken, die Frauen in knöchellangen schwarzen Röcken und mit bedecktem Haar: In vielen Vierteln Jerusalems bestimmen die Ultras inzwischen das Stadtbild. Diese Gruppe macht etwa ein Drittel der rund 500.000 jüdischen Einwohner der Heiligen Stadt aus.

Lieber bespucken statt anfassen

"Zutritt nur in angemessener Kleidung", warnen Schilder Besucher der frommen Straßenzüge davor, diese mit kurzen Ärmeln oder gar kurzen Hosen zu betreten. Wer aus Versehen oder, auf sein Recht als Bürger eines freien Landes pochend, absichtlich gegen die Kleidervorschrift verstößt, dem droht eine Begegnung mit Grüppchen junger Männer, die in den Vierteln patrouillieren. Sie beschimpfen unerwünschte Besucher, gern wird auch gespuckt: So muss man die fremde Frau, die man vertreiben will, nicht anfassen. Das nämlich wäre unzüchtig.

Betont gottesfürchtige Juden haben in Israel seit der Staatsgründung viele Privilegien genossen. Der erste Ministerpräsident David Ben-Gurion sicherte sie den Religiösen zu, damit sie im Gegenzug die Gründung eines säkularen Staates unterstützten. Doch der sogenannte Status-Quo-Pakt Ben-Gurions zwischen Israels frommen und säkularen Juden ist brüchig: Säkulare und moderat religiöse Israelis nehmen die Intoleranz der Ultras als Bedrohung ihres westlichen Lebensstils wahr.

Besonderen Unmut ruft dabei die wirtschaftliche Unproduktivität der Ultras hervor. Wer sein Leben dem Studium der heiligen Schriften widmen will, muss in Israel weder Militärdienst leisten noch arbeiten: Die Frommen leben von der Wohlfahrt, die mit den Steuergeldern der Säkularen finanziert wird.

Doch diese Quersubventionierung des frommen Lebens wird nicht mehr lange finanzierbar sein: Die Anteil der Ultraorthodoxen an der Bevölkerung wächst rasant, inzwischen sind 26 Prozent der jüdischen Erstklässler Kinder von Strenggläubigen. Wenn sich der religiöse Sektor der Bevölkerung nicht bald am Wirtschaftsleben beteilige, laufe Israel Gefahr, auf das Niveau eines Dritte-Welt-Landes abzurutschen, prophezeit Rabbi Regev. Das größte Problem sei jedoch der zunehmende religiöse Extremismus der Ultras. "Wie im Islam und im Christentum haben extremistische Strömungen auch unter Juden großen Zulauf", sagt Regev. Viele der extremistischen Rabbis seien geradezu besessen von allem Sexuellen und fokussierten ihre ganze Lehre auf Zucht und Sittsamkeit, berichtet Regev.

Das Phänomen der Haredisierung ist nicht auf Jerusalem begrenzt. In 70 Linienbussen in Israel wird inzwischen Geschlechtertrennung praktiziert: Frauen müssen hinten sitzen. Wer sich wehrt, fliegt raus. Die von Frömmlern an Bord durchgesetzte Regelung macht auch vor Bussen der staatlich subventionierten Busgesellschaft Egged nicht halt. Diese darf das laut einem Beschluss des Obersten Gerichtshofs zwar nicht dulden, steht aber vor einem Dilemma, sagt Regev: "Die meisten Ultraorthodoxen haben kein Auto und sind somit gute Kunden für Egged. Wenn Egged keine getrennten Busse mehr anbietet, wird ein anderer Service ihr die Klientel wegschnappen."

Regev findet das dennoch falsch. Der israelische Staat müsse aufhören, den Ultras die Missachtung von Gerichtsurteilen durchgehen zu lassen. "Extremismus hört nicht von alleine wieder auf."

Schützenhilfe für ihre Kampagne gegen übereifrige Frömmler bekommt die Hiddusch-Organisation inzwischen sogar aus den Reihen der ultraorthodoxen Gemeinschaft selbst. Im September wandten sich mehrere Rabbis in Jerusalems strenggläubigen Vierteln gegen eine Splittergruppe von etwa 300 radikalen Frauen. Mit Wandzeitungen mahnten die Rabbis ihre Gemeinden, dem Treiben der sich "besonders heilig" gebärdenden Gläubigen Einhalt zu gebieten. Zu den bis auf die Augen verschleierten Frauen fiel den Rabbis ein wenig schmeichelhafter Vergleich ein: "Taliban-Muttis".

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