Nach Völkermordurteil Ex-Serbenführer Karadzic sieht sich als Kämpfer gegen den Terrorismus

Der frühere Serbenführer Karadzic hält seine Verurteilung wegen Völkermords offenbar für einen Fehler: Die Welt habe nicht verstanden, mit wem er es damals zu tun gehabt habe. Auch die Medien in Serbien reagierten harsch.

Karadzic, Polizist
AFP

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Das Urteil lautete: 40 Jahre Haft. Vor dem Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag wurde Radovan Karadzic schuldig gesprochen - wegen Kriegsverbrechen, wegen Völkermord, wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Doch geht es nach der Logik des früheren Serbenführers, waren seine Taten während des Bosnienkriegs in den Neunzigerjahren frühe Beiträge im Kampf gegen den islamistischen Terror.

"Weder die EU noch die internationale Gemeinschaft haben nach (den Anschlägen in) Paris und Brüssel begriffen, mit wem es die bosnischen Serben in den Neunzigerjahren zu tun hatten", zitierte die Regierungszeitung "Novosti" den 70-Jährigen nun.

Der einstige Präsident der selbsternannten bosnischen Serbenrepublik gilt unter anderem als politischer Hauptverantwortlicher des Massakers von Srebrenica im Juli 1995. Damals hatten serbische Einheiten die Uno-Schutzzone in Ost-Bosnien überrannt und etwa 8000 muslimische Männer und Jungen ermordet.

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Radovan Karadzic: Nationheld und "Europas Bin Laden"
Das Massaker gilt als schlimmstes Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Karadzic hatte die muslimischen Bosniaken immer wieder als Terroristen und Gefahr für das christliche Europa bezeichnet.

Das Urteil in Den Haag, sagte Karadzic Medienberichten zufolge außerdem, sei "katastrophal" und basiere auf Vermutungen und nicht auf Fakten.

Die Medien in Serbien kritisierten die Entscheidung des Gerichts ebenfalls scharf. "Den Haag vergewaltigt Serbien", titelte die Boulevardzeitung "Informer". Das Urteil sei ungerecht, schrieb die Zeitung "Kurir" auf ihrer Titelseite. Recht und Gerechtigkeit seien dem Spott preisgegeben worden, meinte "Novosti".

Nach einer Sondersitzung hielt sich die serbische Regierung mit Kritik an dem Urteil zurück. Es bleibe "ein bitterer Beigeschmack", sagte Justizminister Nikola Selakovic am Samstag in Belgrad: "Wir werden niemandem erlauben, das Urteil als Grund zu nutzen, um auf unsere Landsleute mit dem Finger zu zeigen."

Im Video: Ex-Serbenführer Karadzic zu 40 Jahren Haft verurteilt

kev/dpa

Forum - Karadzic - endloses Ringen um Gerechtigkeit?
insgesamt 910 Beiträge
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Seite 1
semir, 26.10.2009
1.
Zitat von sysopEiner der größten Völkermord-Prozesse am Uno-Balkantribunal beginnt - doch der Angeklagte kam nicht ins Gericht. Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic beklagte sich, er habe zu wenig Zeit gehabt, seine Verteidigung vorzubereiten. Droht ein endloses Ringen um Gerechtigkeit?
Er weiß das er schuldig ist und verurteilt wird.Deswegen baut er schon jetzt an einem neuen serbischen Opfermythos um eine Auseinandersetzung mit dem serbischen Nationalismus während des Krieges und der Gegenwart unter der serbischen Bevölkerung zu verhindern. Es gibt keine Gerechtigkeit, denn seine Eroberungen wurden - zumindest bis jetzt - legitimiert.
SaT 26.10.2009
2.
Zitat von sysopEiner der größten Völkermord-Prozesse am Uno-Balkantribunal beginnt - doch der Angeklagte kam nicht ins Gericht. Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic beklagte sich, er habe zu wenig Zeit gehabt, seine Verteidigung vorzubereiten. Droht ein endloses Ringen um Gerechtigkeit?
Die Kroaten und Bosniaken hatten in den 90'er auch wenig Zeit ihre Verteidigung vorzubereiten.
spontanous 26.10.2009
3.
Zitat von sysopEiner der größten Völkermord-Prozesse am Uno-Balkantribunal beginnt - doch der Angeklagte kam nicht ins Gericht. Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic beklagte sich, er habe zu wenig Zeit gehabt, seine Verteidigung vorzubereiten. Droht ein endloses Ringen um Gerechtigkeit?
Man möge ihn verurteilen. Aber wirkliche Gerechtigkeit wird es erst geben, wenn auch die albanischen, kroatischen und bosnisch-muslimischen Verbrechen an serbischen Zivilisten aufgeklärt werden. Solange ein Verbrecher wie z.B. Thaci unter NATO-Schuld Staatsmann spielen darf, wird es nie Gerechtigkeit geben. Gerechtigkeit ist eine Einbahnstrasse!
Daniel Freuers, 26.10.2009
4. Karadzic boykottiert seinen Kriegsverbrecherprozess
"Er blieb in seiner Zelle. " Unglaublich was heute alle so geht...
spontanous 26.10.2009
5.
Zitat von semirEr weiß das er schuldig ist und verurteilt wird.Deswegen baut er schon jetzt an einem neuen serbischen Opfermythos um eine Auseinandersetzung mit dem serbischen Nationalismus während des Krieges und der Gegenwart unter der serbischen Bevölkerung zu verhindern. Es gibt keine Gerechtigkeit, denn seine Eroberungen wurden - zumindest bis jetzt - legitimiert.
[QUOTE=semir;4478944]Deswegen baut er schon jetzt an einem neuen serbischen Opfermythos um eine Auseinandersetzung mit dem serbischen Nationalismus während des Krieges und der Gegenwart unter der serbischen Bevölkerung zu verhindern. QUOTE] Wie wäre es, wenn Sie diese Auseinandersetzung auch mal bei den Albanern (UCK-Banditen, Grossalbanien) oder Kroaten (Ustascha, Operation Oluja) einfordern würden.
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