Urteil gegen Karadzic Im Angesicht des Grauens

Radovan Karadzic hat schreckliche Kriegsverbrechen zu verantworten - mitten in Europa. Kein Strafmaß kann die Schuld aufwiegen, die er auf sich geladen hat.

Gedenkstätte in Srebrenica mit den Namen der getöteten Menschen
REUTERS

Gedenkstätte in Srebrenica mit den Namen der getöteten Menschen

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Das Urteil gegen Radovan Karadzic kommt gerade noch zur rechten Zeit - weil immer weniger von denen am Leben sind, die Söhne und Enkel in Srebrenica verloren haben, und weil die Erinnerung nach und nach verblasst an das, was damals geschah. In Bosnien und Herzegowina, mitten in Europa.

40 Jahre Haft für Radovan Karadzic, den Anführer der bosnischen Serben im Krieg von 1992 bis 1995. 40 Jahre Haft, weil der Angeklagte für schuldig befunden wurde - des Völkermords an den Muslimen von Srebrenica und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit bei Massakern in anderen Teilen der Republik.

Der Schuldspruch ist unverhältnismäßig. Weil kein Strafmaß, wie es auch ausfallen mag, im Verhältnis stehen könnte zu dem, was sich zutrug - ein jugoslawischer Erbfolgekrieg, der in Gemetzel mit an die 100.000 Toten mündete. Unverhältnismäßig ist das Urteil auch, weil es mehr als sechs Jahre nach Prozessbeginn gefällt wird.

Das Verfahren vor dem Kriegsverbrecher-Tribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag dauerte grob gerechnet achtmal so lang wie der erste Nürnberger Prozess, bei dem immerhin gegen Galionsfiguren des Nazi-Terrors, gegen Göring, Hess, Streicher und 19 andere, verhandelt wurde. Auch die Urteilsbegründung gegen die braune Elite damals fiel, zumindest dem Umfang nach, schlank aus gegenüber jener, die nun auf fast 2000 Seiten den Schuldspruch in Sachen Karadzic untermauert.

Schwierige Beweislage? Rund um Srebrenica wurden im Juli 1995 mehr als 8000 muslimische Jungen und Männer ermordet - der Name der ostbosnischen Kleinstadt steht seither für das größte Massaker in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Und die Belagerung der im Kessel gelegenen Stadt Sarajewo währte länger als jene der russischen Metropole Leningrad im Zweiten Weltkrieg.

Video: Ex-Serbenführer zu 40 Jahren Haft verurteilt

Bomben auf das weltoffene Sarajewo

Karadzic, Präsident der Serbischen Demokratischen Partei und später der serbischen Teilrepublik in Bosnien und Herzegowina, war der Mann, der die Weichen stellte. Wer ihn erlebte, in seinem Büro in Sarajewo Anfang Januar 1992, der sah einen eben erst zum Politiker gewandelten Psychiater und Hobby-Poeten: wirrer Haarschopf, theatralischer Auftritt, eine bunt gesprenkelte Landkarte in der Hand, auf der die serbischen Siedlungsgebiete in der Vielvölker-Republik Bosnien-Herzegowina blau markiert waren. Die Teilrepubliken Kroatien und Slowenien hatten sich vom serbisch dominierten Jugoslawien bereits abgespalten - und Karadzic ließ wenig Zweifel daran, dass er die Absicht der Muslime und katholischen Kroaten in Bosnien, sich nun ihrerseits zu verabschieden vom Traum der "Brüderlichkeit und Einheit", als Kriegserklärung verstehe.

Die meisten Serben aus Sarajewo verstanden den Wink und setzten sich ab, ehe am 6. April 1992 erste Bomben auf die Stadt fielen. Karadzic selbst wich aus in die nahe Bergfeste Pale, von wo aus er verfolgte, wie Sarajewo - die weltoffenste Stadt Jugoslawiens - nach und nach in Asche und Schutt gelegt wurde.

Eine bittere Pointe

Weshalb der gebürtige Montegriner Karadzic nach Kriegsende noch geschlagene 13 Jahre untertauchen konnte, ohne entdeckt zu werden, zählt zu den Rätseln, die auch das Uno-Tribunal in Den Haag nicht zu lösen vermochte beziehungsweise nicht zu lösen versuchte. Aussagen der ehemaligen Uno-Chefanklägerin Carla del Ponte und ihrer Sprecherin legen den Verdacht nahe, dass die Aufenthaltsorte des Mannes, der am Ende unter dem Pseudonym Dr. Dragan Dabic Neurosen und Erektionsstörungen behandelte, führenden Amerikanern und Franzosen, Russen und Briten durchaus bekannt war.

Dass Karadzic nun vor Richtern in den Niederlanden zur Rechenschaft gezogen wurde, birgt eine bittere Pointe: Waren es doch niederländische Blauhelme, die mit ihrem Abzug aus der Uno-Schutzzone Srebrenica das Massaker in den umliegenden Wäldern erst ermöglichten; und die dafür später bei ihrer Heimkehr in Anwesenheit des damaligen Kronprinzen Willem Alexander auch noch bejubelt wurden.

Der Verurteilte hat bereits zu erkennen gegeben, dass er sich in der Rolle eines der langen serbischen Leidensgeschichte würdigen Märtyrers sieht. Für Bosnien und Herzegowina bedeutet das nichts Gutes - vor allem nicht für die serbische Teilrepublik, in der die Karadzic-Tochter Sonja inzwischen zur Vize-Präsidentin aufgestiegen ist. In Pale oberhalb von Sarajewo, wo einst ihr Vater herrschte, hat sie am Montag an den Eröffnungsfeierlichkeiten für ein Studentenheim teilgenommen. Benannt ist es nach Radovan Karadzic.

Forum - Karadzic - endloses Ringen um Gerechtigkeit?
insgesamt 910 Beiträge
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Seite 1
semir, 26.10.2009
1.
Zitat von sysopEiner der größten Völkermord-Prozesse am Uno-Balkantribunal beginnt - doch der Angeklagte kam nicht ins Gericht. Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic beklagte sich, er habe zu wenig Zeit gehabt, seine Verteidigung vorzubereiten. Droht ein endloses Ringen um Gerechtigkeit?
Er weiß das er schuldig ist und verurteilt wird.Deswegen baut er schon jetzt an einem neuen serbischen Opfermythos um eine Auseinandersetzung mit dem serbischen Nationalismus während des Krieges und der Gegenwart unter der serbischen Bevölkerung zu verhindern. Es gibt keine Gerechtigkeit, denn seine Eroberungen wurden - zumindest bis jetzt - legitimiert.
SaT 26.10.2009
2.
Zitat von sysopEiner der größten Völkermord-Prozesse am Uno-Balkantribunal beginnt - doch der Angeklagte kam nicht ins Gericht. Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic beklagte sich, er habe zu wenig Zeit gehabt, seine Verteidigung vorzubereiten. Droht ein endloses Ringen um Gerechtigkeit?
Die Kroaten und Bosniaken hatten in den 90'er auch wenig Zeit ihre Verteidigung vorzubereiten.
spontanous 26.10.2009
3.
Zitat von sysopEiner der größten Völkermord-Prozesse am Uno-Balkantribunal beginnt - doch der Angeklagte kam nicht ins Gericht. Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic beklagte sich, er habe zu wenig Zeit gehabt, seine Verteidigung vorzubereiten. Droht ein endloses Ringen um Gerechtigkeit?
Man möge ihn verurteilen. Aber wirkliche Gerechtigkeit wird es erst geben, wenn auch die albanischen, kroatischen und bosnisch-muslimischen Verbrechen an serbischen Zivilisten aufgeklärt werden. Solange ein Verbrecher wie z.B. Thaci unter NATO-Schuld Staatsmann spielen darf, wird es nie Gerechtigkeit geben. Gerechtigkeit ist eine Einbahnstrasse!
Daniel Freuers, 26.10.2009
4. Karadzic boykottiert seinen Kriegsverbrecherprozess
"Er blieb in seiner Zelle. " Unglaublich was heute alle so geht...
spontanous 26.10.2009
5.
Zitat von semirEr weiß das er schuldig ist und verurteilt wird.Deswegen baut er schon jetzt an einem neuen serbischen Opfermythos um eine Auseinandersetzung mit dem serbischen Nationalismus während des Krieges und der Gegenwart unter der serbischen Bevölkerung zu verhindern. Es gibt keine Gerechtigkeit, denn seine Eroberungen wurden - zumindest bis jetzt - legitimiert.
[QUOTE=semir;4478944]Deswegen baut er schon jetzt an einem neuen serbischen Opfermythos um eine Auseinandersetzung mit dem serbischen Nationalismus während des Krieges und der Gegenwart unter der serbischen Bevölkerung zu verhindern. QUOTE] Wie wäre es, wenn Sie diese Auseinandersetzung auch mal bei den Albanern (UCK-Banditen, Grossalbanien) oder Kroaten (Ustascha, Operation Oluja) einfordern würden.
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