Raffgier und Misswirtschaft: Warum Kenia hungert
Die Ernte in Kenias Westen ist gut, die Regale in der Hauptstadt Nairobi sind voll - und der Norden des Landes hungert. Dieses Drama ist hausgemacht. Schuld sind unfähige Politiker, schlechtes Management und schamlose Selbstbereicherung.
Minister, die mit eigenen Händen den Mais verteilen, Staatssekretäre, die Hilfskonvois in den trockenen Norden verabschieden, Abgeordnete, die tränenreich Spendenaktionen initiieren: Wenn es um publikumswirksame Auftritte geht, ist Kenias politischer Elite kein Auftritt zu peinlich. Die Politiker führen sich auf, als seien sie höchstselbst von Hunger und Dürre im Land betroffen, als litten sie mit, als empfänden sie echte Empathie für die Opfer des Elends.
Dabei sind längere Trockenperioden, Ernteausfälle und sterbendes Vieh längst genauso Alltag für Kenias Bauern und Viehzüchter wie die Ignoranz der Politiker. 2006 gab es eine lange Trockenperiode, 2009 erneut und auch jetzt wieder. Seit Jahren füttern World Food Programme (WFP) und Rotes Kreuz Millionen von Menschen im Norden des Landes durch, ohne dass sich die eigene Regierung oder die Staatengemeinschaft bisher wirklich dafür interessiert hätten. Doch nun gibt es die Flüchtlinge aus Somalia, nun gibt es das Flüchtlingslager Dadaab - und deshalb schaut die Welt diesmal auch auf Kenia.
Und immer mehr Kenianer lassen sich von den Show-Auftritten ihrer Polit-Elite nicht mehr blenden, immer lauter wird die Kritik an den Vorsorgeplänen der Regierung. Zwar hatte Präsident Mwai Kibaki schon Ende Mai den nationalen Notstand ausgerufen, aber eine Strategie zur Bekämpfung des wiederkehrenden Dürre- und Hungerproblems hat die Regierung nie in Angriff genommen:
- Nur zwei Prozent der Anbauflächen im ganzen Land sind bewässert.
- Es gibt zu wenige leistungsfähige Wasserspeicher.
- Es gibt keine koordinierte Lagerhaltung.
- Es gibt für die Menschen im Norden mangels Straßen keine tauglichen Marktzugänge.
- Es gibt keine Anpassungsstrategien an das veränderte Klima.
Die Frage beschäftigt viele im Land: Ist nicht ein beträchtlicher Teil des Hungerproblems, zumindest auf kenianischer Seite, hausgemacht? "Wann werden unsere Politiker endlich dazulernen?", fragte dieser Tage das Wirtschaftsblatt "Business Daily".
Im Westen üppige Ernten, im Norden hungernde Menschen
Kenia ist gespalten: Im Westen üppige Ernten, in den Supermärkten der Großstädte Nairobi, Mombasa und Kisumu volle Regale - und im Norden trockengefallene Brunnen, sterbende Tiere und hungernde Menschen. An die vier Millionen Kenianer sollen betroffen sein, weil ihre eigenen Felder nichts abgeworfen haben, das Vieh gestorben ist, vor allem aber, weil sie kein Einkommen und keine Reserven mehr haben, um Lebensmittel zu kaufen.
Die Krise ist nicht nur äußeren Umständen wie dem Klima oder dem Bürgerkrieg in Somalia geschuldet. Es werden auch notwendige Projekte auf die lange Bank geschoben, gar nicht erst geplant, verschlampt oder schlampig umgesetzt.
Selbst Mitglieder der Regierung äußern unverblümt Enttäuschung über die Arbeit der eigenen Kollegen. So wurde der Einwanderungsminister Otieno Kajwang mit den Worten zitiert: "Die Regierung hat schlecht geplant und die Verteilung von Lebensmitteln nicht richtig einbezogen in ihre Überlegungen." Außerdem müsse die Regierung mehr Geld für die Forschung bereitstellen, um ertragreicheres Saatgut zu züchten.
Auch der Wirtschaftsexperte und frühere Parlamentsabgeordnete Billow Kerrow zürnte: "Wir sind schnell, wenn es um Millionen für Hilfslieferungen geht, langfristige politische Entscheidungen, die die wiederkehrenden Dürren abmildern könnten, kriegen wir nicht hin." Geradezu "sträflich" seien die nomadischen Völker und ihre Probleme ignoriert worden.
Tatsächlich haben alle kenianischen Regierungen den Norden des Landes weitgehend sich selbst überlassen. Schon 1989 wurde die norwegische Hilfsorganisation Noraid vom damaligen Präsidenten Daniel arap Moi aus dem Land geworfen, weil Norwegen einem kenianischen Flüchtling politisches Asyl gewährt hatte. Noraid hatte im trockenen Norden Straßen gebaut und zahlreiche Schul- und Gesundheitsprogramme angeschoben. Danach passierte nicht mehr viel westlich des Turkana-Sees, und so ist der neue Staat Südsudan heute besser an Uganda angebunden als an Kenia.
- 1. Teil: Warum Kenia hungert
- 2. Teil: Woher die Misere in Kenia kommt
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- Montag, 29.08.2011 – 11:34 Uhr
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