Eskalation in Nahost Das perfide Kalkül der Hamas

Die Hamas hat im Gazastreifen kaum noch Unterstützung, vielen ist sie regelrecht verhasst. Auch deshalb lässt sie Raketen auf Israel regnen. Dessen Gegenschläge sollen den Islamisten Sympathien einbringen und Geld in die leeren Kassen spülen.

Von Ulrike Putz

REUTERS

"Die Hamas spielt ein schmutziges Spiel!", wütet Khaled (Name von der Redaktion geändert). "Der Gazastreifen ist ihr Spielbrett, und wir sind ihre Spielfiguren. Es ist ihnen egal, wenn sie viele von uns verlieren. Hauptsache, sie gewinnen die Partie!"

Der Mann, der seinem Zorn Luft macht, ist ein palästinensischer Journalist, der sein ganzes Leben im Gazastreifen verbracht hat. Ein Mann, dessen Familie heftig unter den Krisen und Blockaden der vergangenen Jahre gelitten hat, und der deswegen einen glühenden Hass nicht so sehr auf Israel, sondern auf die über den Gazastreifen herrschende radikalislamische Hamas entwickelt hat.

Deshalb schreibt man auch besser nicht seinen echten Namen. Die Hamas geht mit aller Härte gegen ihre Gegner vor.

Wenn man so will, zielt die Hamas mit ihrem jetzigen Raketenhagel nicht nur auf Israel, sondern auch auf Männer wie Khaled: Mit ihrem neuesten Waffengang will die Organisation ihr zerrüttetes Image als Vertreterin des legitimen Widerstands gegen Israel aufpolieren. Indem sie Raketen abschießen lassen, provozieren die Hamas-Granden ganz bewusst israelische Luftschläge. Das dadurch verursachte Leid soll zwei Dinge bewirken: einerseits die kriegsmüden Menschen im Gazastreifen radikalisieren und in die Arme der Hamas zurücktreiben. Männer wie Khaled sollen sich wieder einfangen lassen von der Rhetorik des Widerstands.

Andererseits zielt die Hamas-Führung auf die Außenwirkung ab: Der Bruch mit dem syrischen Regime 2011 und der Militärputsch in Kairo im vergangenen Sommer, als die Generäle die mit der Hamas verzahnten Muslimbrüder aus dem Amt prügelten, hat die Extremisten ihrer wichtigsten Verbündeten beraubt. "Nun wollen sie uns Zivilisten so lange vor den Kameras bluten lassen, bis sich die arabische Welt erbarmt und Druck auf Ägypten ausübt, seine Grenze zum Gazastreifen zu öffnen", sagt Khaled.

Geldsorgen plagen die Hamas

"Die Hamas steckt tief in der Scheiße", sagt auch der Politikwissenschaftler Mkhaimar Abu Sada in selten unverblümter Sprache. Der sonst zurückhaltende Akademiker lehrt an der Azhar-Universität in Gaza-Stadt. Die Bevölkerung im Gazastreifen stehe kurz vor dem offenen Aufstand gegen ihre Herrscher, sagt Abu Sada. Seit der Geldfluss aus Syrien, Iran und nun auch aus Ägypten versiegt sei, stecke die Bewegung in massiven finanziellen Schwierigkeiten. Seit neun Monaten habe die Regierung des Gazastreifens die Gehälter ihrer 40.000 Beamten nicht mehr zahlen können.

Derart unter Druck hatte sich die Hamas Anfang Juni nach langem Zögern auf die Bildung eines Einheitsregierung mit der verhassten Fatah des Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas eingelassen. Doch der Kotau vor Abbas, der im Westjordanland regiert, brachte nicht das gewünschte Ergebnis: Die Einheitsregierung war von Anfang an wegen interner Kleinkriege arbeitsunfähig und konnte die offenen Rechnungen der Hamas nicht begleichen. Die erhoffte Verbesserung der Lebensverhältnisse im Gazastreifen blieb aus, die Hamas verlor weiter an Ansehen.

Also setzten die Radikalen auf Eskalation: Die Entführung und Ermordung von drei jüdischen Teenagern am 12. Juni und der darauf folgende mutmaßliche Rachemord an einem palästinensischen Jugendlichen in der vergangenen Woche lösten den jetzigen Kreislauf der Gewalt aus. Hunderte Raketen flogen in der Nacht zu Mittwoch Richtung Israel. Die israelische Regierung bewilligte die Mobilisierung von bis zu 40.000 Reservesoldaten. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kündigte an, im Kampf gegen die Hamas sei es an der Zeit, "die Samthandschuhe auszuziehen".

Er steht innenpolitisch unter Druck, mit aller Härte auf die Provokationen der Hamas zu reagieren. Bislang zögert er. Ein neuer Gazakrieg würde große Risiken bergen, könnte Netanjahu Ansehen und sogar das Amt kosten. Sein Außenminister Avigdor Lieberman, der auf einen Waffengang drängt, kündigte Netanjahu deswegen am Montag die Gefolgschaft auf.

Israels Mobilisierung muss keinen Einmarsch nach sich ziehen

Die jetzt genehmigte Mobilisierung soll Netanjahu Zeit verschaffen, dazu dienen, die Rachegelüste rechtsnationaler Israelis zu befriedigen. Dass sie automatisch den Einmarsch von Bodentruppen mit der damit verbundenen Eskalation nach sich zieht, ist nicht gesagt: 2012, als es zum letzten großen Schlagabtausch zwischen Israel und der Hamas kam, ließ Jerusalem seine Truppen entlang des Küstenstreifens aufmarschieren, einigte sich aber nach acht Tagen gegenseitigen Beschusses auf einen Waffenstillstand.

Ob sich der Konflikt im Gazastreifen zu einem echten Krieg auswächst, hängt nun zu großen Teilen von Ägypten ab. Präsident Abd al-Fattah al-Sisi habe Abbas am Telefon zugesichert, sein Land werde sich für einen Waffenstillstand zwischen Israel und der radikalislamischen Hamas einsetzen, hieß es am Mittwoch aus Ramallah.

Im Klartext bedeutet das, dass Kairo darüber nachdenkt, Zugeständnisse an die Hamas zu machen. Die Hamas wird sich nur auf einen Waffenstillstand einlassen, wenn im Gegenzug einige ihrer Forderungen erfüllt werden. Ihr oberstes Ziel ist es derzeit, Ägypten zur Öffnung seiner Grenze zum Gazastreifen zu bewegen. Sollte sich Kairo darauf einlassen, würden sich die Lebensverhältnisse in Gaza schlagartig verbessern - und die Hamas hätte sich ihre Macht für ein Weilchen länger gesichert.

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