Raketen-Streit Putin poltert - Bush beschwichtigt

"Kein Feind", "keine Bedrohung", außerdem soll Putin "nicht hyperventilieren". George W. Bush versucht, den Krach mit dem russischen Kollegen über die umstrittene US-Raketenabwehr kleinzureden. Auch Angela Merkel ruft zur Mäßigung - der Kalte Krieg sei vorbei.


Heiligendamm - Er freue sich auf Putin, sagte Bush heute in Heiligendamm. Das erste Treffen zwischen dem US-Präsidenten und dem Kreml-Chef ist für den Nachmittag geplant. Bei der ersten Arbeitssitzung saßen beide an der Seite von G-8-Präsidentin Angela Merkel.

Putin: Bush und Merkel wollen ihn beruhigen
AP

Putin: Bush und Merkel wollen ihn beruhigen

Er hoffe, Putin davon überzeugen zu können, dass das Raketenschild kein Grund sei "zu hyperventilieren", sagte Bush vor Journalisten. Das Rüstungsprojekt sei nicht gegen Russland, sondern gegen Staaten wie Iran gerichtet. Moskau sei eingeladen, Vertreter der Regierung und der Streitkräfte in die USA zu schicken, "und hoffentlich wird das die Dinge klären". Bush hatte schon gestern versichert, Russland sei "kein Feind" und "keine Bedrohung".

Kurz vor Gipfelbeginn hatten russische Drohgebärden den Auftakt des G-8-Gipfels belastet. In einem Interview mit mehreren europäischen Zeitungen hatte der russische Präsident mit "Vergeltungsschritten" für die geplante Stationierung der US-Raketenabwehr in Polen und Tschechien gedroht: Russlands Atomraketen könnten auf "neue Ziele in Europa" gerichtet werden.

Auch Merkel versuchte, die Wogen zu glätten. Sie erhofft sich vom Gipfeltreffen an der Ostsee eine Entspannung der Beziehungen zu Moskau. Dass Russland zu der Gruppe der wichtigsten Industrienationen gehöre, sei ein ganz wichtiges Zeichen dafür, dass der Kalte Krieg vorbei ist. "Wir haben neue Zeiten, und in dieser Atmosphäre wollen wir jetzt auch die Gespräche führen", sagte sie.

Zu einer ersten informellen Begegnung zwischen Bush und Putin war es schon gestern Abend gekommen, als der Gipfel mit einem feierlichen Bankett auf Schloss Hohen Luckow eröffnet wurde. Zuvor hatte der US-Präsident vor Journalisten auf die freundschaftlichen Beziehungen zu Russland verwiesen. "Es gibt Meinungsverschiedenheiten. So ist das Leben", sagte Bush. Die Drohungen Putins hinsichtlich der US-Raketenabwehrpläne nahm Bush gelassen auf. "Russland wird Europa nicht angreifen", sagte er. Putin hatte erst vor wenigen Tagen mit "Vergeltungsschritten" gedroht, sollte Washington an seinem Rüstungsvorhaben festhalten.

Die USA wollen in Tschechien eine Radarstellung errichten und in Polen Abfangraketen stationieren. Sie begründen die Pläne mit der Bedrohung durch Staaten wie Iran und Nordkorea. Bush verwies gestern auf die Erklärung des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, für einen Stopp des Atomprogramms sei es schon "zu spät". "Deswegen lasst uns ein Raketenabwehrsystem errichten", sagte Bush. Russland habe keinen Grund, sich Sorgen zu machen.

Zwei Drittel der Tschechen sind derweil auch nach dem Besuch von Bush in Prag gegen eine Beteiligung ihres Landes am geplanten US-Raketenabwehrsystem. Rund 67 Prozent hätten sich in einer repräsentativen Blitzumfrage gegen die Stationierung einer US-Radaranlage in Böhmen ausgesprochen, teilte das Meinungsforschungsinstitut Stem in Prag mit. Etwa 33 Prozent seien dafür.

Die Ergebnisse sind seit rund fünf Monaten fast unverändert. Bush hatte an der Moldau intensiv für das umstrittene US-Projekt geworben, zu dem auch ein Raketensilo in Polen gehören soll.

als/AP/dpa

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