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21. Januar 2007, 14:23 Uhr

Raketentest

Peking rebelliert gegen Amerikas All-Macht

Von , Peking

Als China den veralteten Wetter-Satelliten „Feng Yun 1C“ mit einer Mittelstreckenrakete abschoss, versetze das den Westen in große Aufregung. Der Test ist ein deutlicher Wink Pekings an Washington: Sie müssen mit China rechnen.

Peking – Die eigenen Bürger lässt die staatliche chinesische Presse im Dunkeln über den Vorfall. Bis auf ein überraschtes “Wir sind nicht informiert worden” von Außenamtssprecher Liu Jianchao auf einem Neujahrsempfang für ausländische Korrespondenten und der Versicherung, China sei weiterhin an der friedlichen Nutzung des Weltraums interessiert sei, hüllte sich die KP-Führung in Schweigen.

Das erfolgreiche Experiment, einen kleinen Kasten in rund 800 Kilometer Höhe zu zerstören, hat weltweit Empörung und Sorge ausgelöst. Die USA, Kanada, Großbritannien, Japan und Australien führen die Riege der Kritiker an. China beginne eine „neue Runde im Krieg der Sterne“, lautete der Tenor der Klagen. Zudem könnten die umherfliegenden Trümmer andere Satelliten gefährden.

Tatsächlich nährt das Experiment Zweifel an den Versicherungen Pekings, sein Aufstieg zur Großmacht sei ausschließlich eine „friedliche“ Angelegenheit. Chinas Engagement für sogenannte „Schurkenstaaten“ wie Burma und den Sudan sowie die energische Aufrüstung seiner Marine tragen nicht dazu bei, die Skepsis zu ersticken.

Nun demonstrieren die Chinesen, dass sie auch im Weltraum mithalten wollen. Schon lange haben Falken im Militär die Entwicklung von Anti-Satelliten-Waffen gefordert. Sie beweisen den Nachbarn, dass sie in der Lage sind, mit einem Schlag die Kommunikation über Asien zu kappen.

Es ist allerdings hilfreich, den Weltraum-Knaller in die richtige Perspektive zu setzen. Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass aus Washington eine Welle der Heuchelei heranschwappt.

Denn die Amerikaner erheben den Anspruch, als einzige Nation den Kosmos militarisieren zu dürfen. Das Pentagon beantragte im vorigen Jahr Hunderte von Millionen Dollar, um Weltraumwaffen zu erproben, darunter Raketen und eine Laserwaffe, die in der Lage sind, Satelliten in eine Staubwolke zu verwandeln.

Chinesen holen US-Tests aus den achtziger Jahren nach

„Die USA behalten sich das Recht, die Fähigkeit und die Handlungsfreiheit im Weltraum vor“, lautet die offizielle Weltraum-Doktrin Washingtons. Washington werde, “falls notwendig, Feinden die Weltraum-Nutzung verwehren, falls sie den US-Interessen entgegenstehen“.

Im Klartext heißt dies: Nur die Amerikaner und ihre Verbündeten haben das Recht, Waffen für den Krieg der Sterne entwickeln. Alle Versuche der Uno, die All-Aufrüstung zu verhindern, hat die Bush-Regierung abgeschmettert.

Schon damals warnte der US-Rüstungsexperte Daryl Kimbal, der amerikanische Versuch den Kosmos zu militarisieren, werde „dazu führen, dass andere Länder Gegenmaßnahmen ergreifen.“

Dies genau haben die Chinesen getan. Die chinesischen Militärs holten nach, was ihre Kollegen in den USA und Russland schon Mitte der achtziger Jahre erprobten. Bereits von 1964 bis 1975 hatte das US-Militär landgestützte Anti-Satelliten-Raketen im Pazifik stationiert, die Aktion wegen der hohen Kosten und den möglichen Schäden durch die Trümmer zerschossener Ziele aber aufgegeben.

Pekings Test ist ein deutlicher Wink an Washington, dass mit China zu rechnen ist. Es will nicht das gleiche Schicksal erleiden wie die Sowjetunion, die sich von Ronald Reagans Star-Wars-Plänen beeindrucken ließ.

Chinas oberstes Ziel der Politik ist die Wiedervereinigung mit dem abtrünnigen Taiwan, notfalls mit militärischer Gewalt. Deshalb ist Pekings KP so nervös angesichts der amerikanischen Pläne, zusammen mit Chinas Erzrivalen Japan einen Raketen-Abwehrschirm (theater-missile-defense-system) aufzuspannen, der wohl auch Taiwan vor einer Attacke schützen soll.

Zu hoffen ist, dass Amerikaner und Chinesen zur Vernunft kommen und sich an einen Tisch setzen, um die Aufrüstung im All zu verhindern. Mit dem kriegerischen Präsidenten Bush ist dies allerdings kaum zu erwarten.

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