Anschlagsserie im Ramadan Wenn der Neumond aufgeht, beginnt das Morden

Terror statt Einkehr: Von Kabul bis Bagdad verüben Islamisten seit Beginn des Ramadan Anschläge. Warum töten sie gerade im Fastenmonat so oft und so brutal?

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Sechs Tage, drei Länder - mehr als hundert Tote und über 400 Verletzte. Im ganzen Nahen Osten und darüber hinaus kommt es pünktlich zu Beginn des Fastenmonats Ramadan zu blutigen Anschlägen:

  • Am Dienstag starben bei zwei Anschlägen in der irakischen Hauptstadt Bagdad mindestens 28 Männer, Frauen und viele Kinder. Die sunnitische Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) bekannte sich zu den Attentaten, eines davon auf eine Eisdiele in dem mehrheitlich von Schiiten bewohnten Stadtteil Karrada.
  • Bereits am Freitag griffen bewaffnete Anhänger des IS in der Nähe der ägyptischen Stadt Al-Minja einen Bus mit koptischen Christen an und töteten mindestens 29 Menschen. Am Abend desselben Tages wurde der Neumond gesichtet. In der Nacht zu Samstag begann damit der Ramadan, der Anschlag fand somit unmittelbar vor Start des Fastenmonats statt.

Wer dieses Jahr auf einen friedlichen Ramadan gehofft hatte, wurde bisher enttäuscht. Der IS und andere terroristische Gruppen machen weiter wie in den vergangenen Jahren.

  • 2014 erklärte der selbsternannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi in einer Videobotschaft, es gebe während des Ramadans "keine größere Tat als den heiligen Krieg".
  • 2015 startete der IS eine "Ramadan-Offensive" und bekannte sich zu Anschlägen in Tunesien und Kuwait.
  • 2016 exportierten die IS-Terroristen während des Fastenmonats den Tod in alle Welt: Sie mordeten im Jemen, im Pariser Vorort Magnanville und in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Am Istanbuler Atatürk-Flughafen brachten sie 45 Menschen um, richteten ein Blutbad mit Dutzenden Toten in einer Discothek in Orlando (USA) an - und verübten auch in Bagdad einen Anschlag. Wie in diesem Jahr auch war damals der Stadtteil Karrada das Ziel, rund 300 Menschen starben.

Warum morden Terroristen während des Ramadan besonders häufig?

Der Ramadan ist der neunte Monat im islamischen Kalender. Weltweit fasten gläubige Muslime. Sie verzichten von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang auf Essen und Trinken, rauchen nicht und verzichten auf Sex. Es ist eine Zeit der Einkehr. (Hier erfahren Sie mehr über den Fastenmonat Ramadan).

Aber: Der Ramadan ist seit den Anfängen des Islams auch ein Monat des Kampfes. Der muslimischen Überlieferung zufolge besiegte der Prophet Mohammed mit seinen Anhängern im Jahr 624 in der Schlacht von Badr während des Fastenmonats die Kuraisch, den mächtigsten Stamm seiner Heimatstadt Mekka.

Die Schlacht von Badr aber markierte eine Zäsur in der Frühgeschichte des Islams, den Wendepunkt im Ringen um die Vormachtstellung. Die militärisch überlegenen Kuraisch hatten mit hohen Opferzahlen und - was noch viel schwerer wog - einem beispiellosen Prestigeverlust zu kämpfen. Wenige Jahre später zog Mohammed mit seiner Armee dann siegreich in Mekka ein.

Diese Geschichte hat in der arabischen Welt immer wieder als Vorbild und Rechtfertigung für kriegerische Angriffe herhalten müssen. So nannte etwa der ägyptische Präsident Anwar as-Sadat 1973 seinen Überraschungsangriff auf Israel im Jom-Kippur-Krieg - der auch als Ramadan-Krieg bekannt ist - "Operation Badr".

Nun, im 21. Jahrhundert, berufen sich die modernen Dschihadisten auf diese Überlieferung, um mit ihrer asymmetrischen Kriegsführung militärisch überlegene Gegner nicht zwingend in die Enge, aber in jedem Fall zur Verzweiflung zu treiben.

Symbolische Machtdemonstrationen versus Taktik der Nadelstiche

Diese antworten mit den Waffen des 20. Jahrhunderts: Die hochgerüstete Armee des ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi bombardierte in den vergangenen Tagen als Reaktion auf den Anschlag gegen die koptische Minderheit mutmaßliche Terroristencamps in Libyen.

Die USA haben am Dienstag damit begonnen, kurdische Kämpfer der Rebellenallianz in Nordsyrien mit Waffen und Fahrzeugen zu beliefern. Zudem unterstützen sie den Vormarsch verschiedener Oppositionskräfte auf die syrische IS-Hochburg Rakka und forcieren den Endkampf um die irakische Stadt Mossul.

Russland hat unterdessen am Mittwoch bekannt gegeben, seine Marine habe vom Mittelmeer aus Stellungen der Terrormiliz in der syrischen Oasenstadt Palmyra mit vier Marschflugkörpern beschossen.

Durch diese symbolischen Machtdemonstration mit Waffen werden die Terroristen des IS und anderer Gruppen vermutlich nicht verschwinden. Im Gegenteil: Unter Druck intensivierten sie ihre Taktik der tödlichen Nadelstiche bislang immer.

Für die Menschen zwischen Kabul und Bagdad - aber auch im Rest der Welt - bedeutet das: Auch 2017 wird der Ramadan wohl wieder blutig.

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