Ramadan Syriens Opposition wagt die Machtprobe

Die Aufstände in Syrien laufen seit Monaten, jetzt könnte es zum Showdown kommen: Die Opposition will im Fastenmonat Ramadan Machthaber Baschar al-Assad zu Fall bringen. Doch das Regime schickt Panzer nach Hama - und geht massiv gegen die Aufständischen vor.

Von Ulrike Putz, Jerusalem

DPA/ Al Arabiya

Jede Stunde verschwindet in Syrien ein Mensch: ein Vater, ein Bruder, vielleicht eine Tochter. Oft werden sie auf Demonstrationen gegen das Regime Baschar al-Assads weggefangen. Neuerdings werden sie auch nachts abgeholt: aus dem Schlaf gerissen, geschlagen, gedemütigt, in Autos gezerrt und weggebracht.

Zurück bleiben die Angehörigen, die fürchten müssen, dass ihren Lieben das Schlimmste angetan wird. Folter ist in Syriens Gefängnissen an der Tagesordnung, der Tod auch. Etwa 1600 Menschen sind nach Angaben von Oppositionsgruppen seit dem Beginn der Aufstände Mitte März von Regierungstruppen getötet worden. Viele wurden auf offener Straße erschossen. Allein am frühen Sonntagmorgen kamen nach Angaben von syrischen Aktivisten in der Stadt Hama 45 Menschen ums Leben. Die Panzer der Regierungstruppen hätten in Wohngebiete gefeuert, Scharfschützen hätten von Dächern aus geschossen.

Doch nicht wenige Syrer sterben in Haft. Etwa 11.000 Syrer wurden festgenommen, doch nicht alle tauchen in den Registern der Gefängnisverwaltungen auf. Nach 2918 Syrern forschen ihre Angehörigen nach Angaben der Aktivistenplattform Avaaz.org vergeblich. Ihre Spuren verlieren sich in der Schattenwelt der syrischen Kerker.

Um den seit nunmehr vier Monaten andauernden Zyklus von Protesten und deren Niederschlagung zu brechen, um dem Töten und den Verhaftungen endlich Einhalt zu gebieten, wollen die syrischen Aufständischen nun eine neue Offensive starten. Ab diesem Freitag wollen sie unter dem Motto "Euer Schweigen bringt uns um!" protestieren und so die schweigende Mehrheit der Bevölkerung dazu bewegen, sich mit ihnen zu solidarisieren.

Ab Montag, wenn der Fastenmonat Ramadan beginnt und das Leben in Nahost sich in die Abend- und Nachtstunden verlagert, wollen sie täglich nach dem Fastenbrechen demonstrieren. Das kündigen Aktivisten in Videos an, die sie auf der Internetplattform YouTube veröffentlicht haben. So hoffen sie, ihrer Bewegung endlich die Dynamik zu verleihen, mit der sie Präsident Assad aus dem Amt jagen können. Sammelpunkte sollen jeweils die Moscheen sein, in denen die abendlichen Ramadan-Gebete abgehalten werden.

Moscheen als Zufluchtsorte und Krankenhäuser

Moscheen spielen für die syrische Revolte eine große Rolle. Zwar ist Syrien ein vornehmlich säkulares Land, doch die Gotteshäuser gehören zu den wenigen Orten, in denen sich die Männer treffen können, ohne gleich der staatlichen Repression ausgesetzt zu sein. In den von den Sicherheitskräften belagerten Provinzstädten und Dörfern waren die Moscheen in den vergangenen Wochen Zufluchtsorte, andere wurden zu Krankenhäusern umfunktioniert.

Sicher sind die Assad-Gegner aber auch im Schatten des Minaretts nicht: Im April stürmte die Armee die Moschee in Daraa, in der sich Protestler der ersten Stunde verschanzt hatten. Der Angriff auf das Gotteshaus galt vielen Syrern als Warnung, dass das Regime den Aufstand mit allen Mitteln niederschlagen würde.

Doch es scheint, als dürften die Protestler nun hoffen, dass der Ramadan den Wendepunkt im Machtkampf um Damaskus markiert. Zwei Ereignisse der vergangenen Woche deuteten darauf hin, dass die bislang zurückhaltende syrische Mittelklasse gewillt sein könnte, sich dem Aufstand gegen das System anzuschließen.

Zunächst trat am Mittwoch in Aleppo das Personal zweier Krankenhäuser in den Streik, um die Freilassung von zuvor in der Stadt Inhaftierten durchzusetzen. Später am Mittwoch organisierten Anwälte dort eine Demonstration vor dem örtlichen Justizpalast. Hunderte Juristen forderten in Sprechchören Freiheit und die politische Unabhängigkeit für ihre Berufsvereinigung. Zwei Gruppen von Akademikern, die in der bislang von Protesten weitgehend verschonten syrischen Wirtschaftsmetropole Aleppo ihrem Unmut Luft machen - es könnte das Zeichen sein, dass der Aufstand nun den Schwung bekommt, den er für einen Umsturz braucht.

Seit Beginn der Aufstände wurden fünf Gouverneure abgelöst

Assad bemüht sich unterdessen, der Bewegung Wind aus den Segeln zu nehmen, indem er Reformen auf den Weg bringt. Am Sonntag wechselte er in zwei von Protesten erschütterten Provinzen die Gouverneure aus. Seit Beginn der Aufstände sind damit fünf Statthalter abgelöst worden. Am Montag kündigte Damaskus an, fortan politische Parteien zuzulassen. In den vergangenen fünf Jahrzehnten lag alle Macht in Syrien bei der Baath-Partei.

Ein Rat syrischer Aktivisten erteilte am Freitag dem Werben al-Qaidas eine klare Absage. Der Nachfolger Osama Bin Ladens an der Spitze der Terrororganisation, Aiman al-Sawahiri, hatte sich am Donnerstag mit einer Videobotschaft zu Wort gemeldet. Darin pries er die Aufständischen in Syrien als "Heilige Krieger". Assad sei der Führer "einer kriminellen Bande, Abkömmling von Verrätern", so Sawahiri.

Der Verband der lokalen Koordinierungsgruppen LCCS wies den Versuch "von Extremistengruppen, bei der Revolution eine Rolle zu spielen" in einer Erklärung zurück. Syrien erlebe eine friedliche, nationale Revolution, die mit der Ideologie und Vorgehensweise von al-Qaida nichts zu tun habe. Sawahiri habe den Aufständischen mit seiner Wortmeldung keinen Gefallen getan, so die Aktivisten. Damaskus werde seine Aussage als Vorwand nehmen, die Aufständischen als Terroristen zu brandmarken. Tatsächlich spricht Assad seit Ausbruch der Proteste am 15. März davon, dass "bewaffnete Terroristengruppen" Syrien ins Chaos stürzen wollen.

Während al-Qaida versucht, durch Unterstützung der syrischen Revolution verlorengegangene Sympathien wiederzugewinnen, wehrt sich die libanesische Schiiten-Miliz Hisbollah gegen den Verdacht, sie würde dem Regime bei der Niederschlagung der Proteste helfen. "Hisbollah bestreitet die Vorwürfe einiger syrischer Oppositioneller vehement", verlautete am Donnerstag aus dem Presse-Büro der Miliz in Beirut.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Regulisssima 31.07.2011
1. Das Regime schickt Panzer und geht massiv gegen die Aufständischen v
Mit russischer Billigung, mit russischer Protektion im UN-Sicherheitsrat und mit russischen Panzern
Heinz-und-Kunz 31.07.2011
2. Und schon sind sie da!
Zitat von sysopDie*Aufstände in Syrien laufen seit Monaten, jetzt könnte es zum Showdown kommen: Die Opposition will im*Fastenmonat Ramadan Machthaber Baschar al-Assad zu Fall bringen. Doch das Regime schickt Panzer nach Hama - und geht massiv gegen die Aufständischen vor. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,777397,00.html
...die üblichen Verdächtigen: Ob es was nützt? In Ägypten werden die sog. Islamisten jeden Tag aktiver, in Tunesien sind sie auch schon gut im Geschäft und nun sieht man sie auch in Libyen. Kein Wunder, das der Alevit(!) Assad da die Samthandschuhe auszieht. Für ihn und seine Glaubensbrüder geht es vmtl. um das nackte Überleben.
leberknecht 31.07.2011
3. mit Billigung den UNO...
Zitat von RegulisssimaMit russischer Billigung, mit russischer Protektion im UN-Sicherheitsrat und mit russischen Panzern
Das ist das dilemma! die uno beschließt ,daß friedliche demonstranten in libyen beschützt werden sollen und die nato beschießt derzeit die fernsehsender und unterstützt eine bürgerkriegsseite. damit wird die uno mißbraucht! da haben die russen zugestimmt! aber da von der nato beschlüsse nicht eingehalten werden, wird dort die bremse gezogen! übrigens: Gadaffis soldaten schießen auch mit NATO Waffen! noch eine kleine Bemerkung: in afrika werden die hungern. menschen von uns mit ca 8 mill. unterstützt-und die bürgerkrieger in benbazi bekommen 100 millionen!???????????????????????
drouhy 31.07.2011
4. Orakel?
Zitat von sysopDie*Aufstände in Syrien laufen seit Monaten, jetzt könnte es zum Showdown kommen: Die Opposition will im*Fastenmonat Ramadan Machthaber Baschar al-Assad zu Fall bringen. Doch das Regime schickt Panzer nach Hama - und geht massiv gegen die Aufständischen vor. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,777397,00.html
Bei einer kompletten Nachrichtensperre, die über dem Land liegt, sind solche Aufmacher doch eher kontraproduktiv. Die wahre Lage in diesem Lande werden wohl nicht mal die westlichen Geheimdienste wissen, obwohl sie ihre Fingerchen wohl mit im Spiele haben werden. Besser informiert sein werden die Sponsoren der Imame, welche dort im Auftrag des saudischen Herrscherhauses tätig sind, um den Leuten das zu versprechen, wofür man im Heimatland geköpft wird - Freiheit und Demokratie.
maty2010 31.07.2011
5. Glaubwürdig?
Zitat von RegulisssimaMit russischer Billigung, mit russischer Protektion im UN-Sicherheitsrat und mit russischen Panzern
was glauben Sie von wem die Auständischen ausgerüstet werden? bei diesen Aufständen hat der Mossad und CIA immer die Finger im Spiel.Überall da wo es im nahen Osten brennt, wurde die Lunte von den Amerikanern und Israelis angezündet!wie immer geht es nur um wirtschaftliche und machtpolitische Interessen.Syrien soll jetzt zu Fall gebracht werden, damit als nächstes der Iran `demokratisiert`werden kann.Natürlich mit Bomben.Die angloamerikanischen Menschenschlächter werden schon dafür sorgen....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.