Syriens Opposition: "Die Islamisten reißen die Macht an sich"
Das Massaker im syrischen Tremseh hat auf erschreckende Weise gezeigt, wie rücksichtslos der Bürgerkrieg auf beiden Seiten geführt wird. Randa Kassis, Mitglied im oppositionellen Syrischen Nationalrat, spricht im Interview über die Lage im Land und kritisiert die islamistischen Rebellen scharf.
Selbstmordanschläge, Artilleriebeschuss, Massaker - die Lage in Syrien verschärft sich mit jedem Tag. Am Donnerstag wurden allein in der Ortschaft Tremseh bei Hama mehr als 200 Zivilisten ermordet. Syriens Opposition und die Vereinten Nationen machen das Regime für das Verbrechen verantwortlich. Damaskus weist alle Schuld von sich.
Eine politische Lösung des Konflikts ist nicht absehbar: Diktator Baschar al-Assad klammert sich mit allen Mitteln an die Macht, die Opposition rüstet zwar militärisch auf, ist aber politisch zutiefst zerstritten.
Randa Kassis, Präsidentin einer säkularen Oppositionsgruppe, zeichnet im Interview mit SPIEGEL ONLINE ein düsteres Bild der Lage in Syrien. Zwar wachse die Zahl der Regimegegner stetig an, doch Assad werde weiterhin rücksichtslos jeden Widerstand bekämpfen. Zugleich kritisiert Kassis die islamistischen Gruppen innerhalb der Opposition, die mit der Unterstützung der Golfstaaten die Macht an sich rissen und Andersdenkende als politische Feinde betrachteten.
SPIEGEL ONLINE: Wer ist für das Massaker in dem syrischen Ort Tremseh verantwortlich, bei dem laut jüngsten Angaben am vergangenen Donnerstag mehr als 200 Menschen getötet wurden?
Kassis: Die Regierungstruppen und ihre Helfer sind die Schuldigen. Ganze Stadtviertel und Dörfer geraten in ihre Zielfernrohre. Baschar al-Assad will jetzt alle Syrer einschüchtern - pauschal und ohne Ausnahme. Er will uns alle auf die Knie zwingen und knebeln. Buchstäblich jeder Syrer soll hautnah erfahren, was es heißt, Widerstand zu leisten. Es wird weitere Massaker geben.
SPIEGEL ONLINE: Wie sieht denn das Kräfteverhältnis zwischen Regime und Aufständischen derzeit aus?
Kassis: Anders als zu Beginn der Revolution lehnen heute mehr als 80 Prozent der Syrer die Herrschaft der Assad-Clique ab. Die Opposition ist mittlerweile auch gut bewaffnet, dafür sorgen Katar und Saudi-Arabien. Doch die Armee und die anderen staatlichen Sicherheitsorgane verfügen inzwischen über modernste Waffen. Weil sie diese skrupellos einsetzen, ist ein baldiges Ende der Gräuel nicht in Sicht.
SPIEGEL ONLINE: Also ziehen die russischen und iranischen Waffenlieferungen den Konflikt in die Länge?
Kassis: Natürlich ist das ein wichtiger Faktor, obwohl das Regime ohnehin schon genügend Waffen hat. Doch der militärische Durchbruch der Aufständischen bleibt auch aus, weil die unüberwindlichen Gegensätze zwischen islamistischen Dschihad-Kämpfern und der Mehrheit der Bevölkerung immer offener zutage treten. Die von den Golfstaaten bestens finanzierten und ausgerüsteten Islamisten-Verbände reißen die Entscheidungsgewalt rücksichtslos an sich. Syrer, die gegen die Diktatur zur Waffe greifen, ohne sich ihrem Kommando zu unterstellen, werden verketzert oder als unpatriotisch gebrandmarkt. Das betrifft auch zahlreiche Soldaten und Offiziere, die zwar zur Opposition überlaufen, aber nicht bereit sind, das korrupte Terrorregime des Assad-Clans gegen eine religiöse Gewaltherrschaft einzutauschen.
SPIEGEL ONLINE: Aber die Mehrheit der Syrer sind doch fromme Muslime.
Kassis: Dennoch besteht mindestens die Hälfte der Syrer auf der Beibehaltung der Trennung von Religion und Staat, da sehe ich keinen Widerspruch. Die Auseinandersetzungen zwischen den herrschsüchtigen, entsetzlich intoleranten Islamisten und den nicht religiös motivierten Widerstandskämpfern, denen niemand unter die Arme greift, machen ein rasches Kriegsende unwahrscheinlich. Ganz abgesehen von der verbrannten Erde, die die Regierungstruppen überall im Land hinterlassen.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn gar keinen Weg, um das Blutvergießen zu stoppen?
Kassis: Das Assad-Regime muss das Morden beenden und freiwillig abtreten, und die Islamisten-Kampftrupps müssen die nicht religiös motivierten Oppositionsgruppen als gleichberechtigte Partner akzeptieren und sie nicht länger wie politische Feinde behandeln. Dann werden sich auch die im Irak abgetauchten Mitglieder der Baath-Partei zurückmelden, die sich nichts zuschulden kommen ließen und den Polizeistaat des Assad-Clans ablehnen.
SPIEGEL ONLINE: Baath-Mitglieder als Hoffnungsträger für einen demokratischen Neuanfang?
Kassis: Warum denn nicht? Im Irak haben die USA den demokratisch gesinnten Ijad Allawi, ein ehemaliges Mitglied der Baath-Partei, als Ministerpräsidenten akzeptiert, dem Millionen von Irakern mehr demokratische Grundwerte zusprechen als dem religiösen Regierungschef Nuri al-Maliki und seinen Ministern in Bagdad.
SPIEGEL ONLINE: Hoffen Sie nicht mehr auf die US-Amerikaner, die sich energisch für ein demokratisches Syrien einsetzen?
Kassis: Die Amerikaner setzen in den Ländern des Arabischen Frühlings auf die Muslimbrüder. Sie glauben, dass sie die Machthaber von morgen sein werden, und stellen sich darauf ein.
SPIEGEL ONLINE: Wie lange wird es noch dauern, bis Assad aufgibt?
Kassis: Ich wünsche mir, dass er in wenigen Wochen erledigt ist. Aber rein militärisch betrachtet kann es noch viele Monate dauern. Es sei denn, ein Wunder geschieht.
SPIEGEL ONLINE: Wie könnte das aussehen?
Kassis: Wunder sind nicht vorhersehbar, ebenso wenig wie die Volkserhebungen in Tunesien, Ägypten und Syrien. Ich kenne niemanden, der mit solch völlig unerwarteten, jahrzehntelang absurd anmutenden Eingriffen in das Rad der Geschichte gerechnet hatte.
Das Interview führte Volkhard Windfuhr
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- Samstag, 14.07.2012 – 14:35 Uhr
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- Randa Kassis, 35, ist Präsidentin des Verbands der Säkularen Demokratischen Koalition Syriens mit Sitz in Paris und Mitglied im oppositionellen Syrischen Nationalrat.

Bevölkerung: 22,505 Mio.
Hauptstadt: Damaskus
Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad
Regierungschef: Wail al-Halki
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