Randale in Belgrad Uno verurteilt Gewaltausbruch - verkohlte Leiche in US-Botschaft

Sie legten Feuer, rissen die amerikanische Flagge nieder, hissten die serbische: Bei Massenprotesten in Belgrad gegen die Unabhängigkeit des Kosovo drangen Hunderte Krawallmacher in die US-Botschaft ein. Ein Mensch starb. Die Uno verurteilt die Angriffe aufs Schärfste.


Belgrad - Zu Hunderten randalierten junge Serben am Abend in der amerikanischen Botschaft in Belgrad: Flammen loderten, die Krawallmacher warfen Möbel und Papiere aus den Fenstern des US-Gebäudes und hissten kurzzeitig die serbische Fahne. Etwa 1000 Menschen, die die Randale beobachteten, skandierten "Serbien, Serbien". Polizisten trieben die Menge mit Tränengas auseinander.

Nach den Krawallen wurde im Gebäude der US-Botschaft eine verkohlte Leiche gefunden. Über die Identität des Toten gibt es bisher keine Klarheit. Nach US-Angaben war das gesamte US-Personal der Botschaft in Sicherheit. Ob dies auch für Mitarbeiter galt, die keine US-Bürger sind, ist unklar. Der Sprecher der US-Botschaft sagte dem Sender CNN, bei dem Toten könnte es sich um einen Teilnehmer der Kundgebung handeln. "Es sieht so aus, als ob es ein Demonstrant ist, der vom Feuer eingeschlossen wurde."

Die serbische Polizei schützte das Gebäude der US-Botschaft nicht. Es war seit einer gewaltsamen Demonstration Anfang der Woche geschlossen. Die serbischen Sicherheitskräfte trafen nach US-Angaben erst zwei Stunden nach Beginn der Übergriffe auf die Botschaft ein. "Im Endeffekt waren nicht die erforderlichen Sicherheitskräfte vor Ort", sagte US-Außenamtsministeriumssprecher Sean McCormack. "Ob es eine Frage der Zahlen, des Willens oder der Möglichkeiten war, kann ich nicht sagen." Man habe der serbischen Führung deutlich gemacht, dass man sie "persönlich verantwortlich" gemacht hätte, wenn US-Bürger bei den Angriffen zu Schaden gekommen wären.

Der Staatssekretär im US-Außenministerium, Nicholas Burns, habe dem serbischen Regierungschef Vojislav Kostunica und Außenminister Vuk Jeremic in Telefonaten die Haltung Washingtons erklärt, sagte McCormack. "Die Nachricht war sehr deutlich: dass die Situation (vor der US-Botschaft in Belgrad) nicht hinnehmbar war und dass sie sofort hätten handeln und ausreichend Sicherheitskräfte vorhalten müssen, so dass es nicht zu den Angriffen auf unser Botschaftsgelände und unsere Mitarbeiter hätte kommen können", sagte McCormack.

Unterdessen verurteilte der Uno-Sicherheitsrat in New York die Attacken auf die Botschaften in Belgrad in "schärfster Form". Das höchste Uno-Gremium erinnerte an das "grundlegende Prinzip" der Unverletzlichkeit von diplomatischen Vertretungen und hob die Verpflichtung des Gastlandes zum Schutz von Auslandsmissionen hervor.

Die EU hat Serbien derweil aufgefordert, den Schutz der diplomatischen Vertretungen sicherzustellen. "Die Botschaften müssen beschützt werden, das ist eine Verpflichtung des Landes", mahnte der EU-Außenbeauftragte Javier Solana im slowenischen Brdo. Die Lage müsse sich wieder beruhigen, ehe die EU mit Serbien weiter über den Beginn von Verhandlungen über einen EU-Beitritt sprechen könne.

Zu den Ausschreitungen war es am Rande einer Demonstration von rund 200.000 Menschen gegen die Unabhängigkeit des Kosovos gekommen. Nach Polizeiangaben wurden etwa hundert Menschen verletzt.

Auch die deutsche diplomatische Vertretung wurde angegriffen. Fensterscheiben gingen zu Bruch, berichteten Augenzeugen. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes in Berlin bestätigte, dass Sachschaden entstand. Es seien aber keine Demonstranten in das Gebäude eingedrungen. Außerdem bewarfen die Randalierer die türkische, die kroatische und die bosnische Botschaft mit Steinen. Hooligans schlugen die Scheiben eines McDonald's-Restaurants ein und warfen Brandsätze hinein. Mindestens zwei Dutzend Autos, eine Straßenbahn und fünf Linienbusse gingen in Flammen auf, der öffentliche Nahverkehr wurde eingestellt. Im gesamten Stadtzentrum brannten Müllcontainer, zahlreiche Kioske wurden kurz und klein geschlagen.

Auch die Bundesregierung beobachtet die Lage in Serbien mit großer Sorge. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) telefonierte noch am Abend mit der Regierung in Belgrad und forderte sie auf, die Sicherheit der Botschaften zu gewährleisten und für eine Beruhigung der Lage in der Hauptstadt zu sorgen.

Serbiens Präsident Boris Tadic rief zu Ruhe und Zurückhaltung auf. Die Serben im benachbarten Bosnien-Herzegowina verabschiedeten eine Resolution, in der sie ihrerseits mit der Abspaltung von Bosnien drohen.

Die Serben betrachten das Kosovo als ihr historisches Siedlungsgebiet auf dem Balkan. "Kosovo ist serbisch und wird es für immer bleiben", sagte der nationalkonservative Regierungschef Vojislav Kostunica. Serbien werde unter keinem Druck oder Drohung auf das Kosovo verzichten, sagte er in seiner emotional aufgeladenen Rede unter regem Beifall der Menge gestern am späten Nachmittag.

anr/dpa/Reuters/AFP/AP



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