Rantissi-Liquidation "Hundert Vergeltungsschläge"

Nach dem Tod ihres Führers Abdel Asis Rantissi will die Hamas die Identität seines Nachfolgers geheim halten. Das Vorgehen Israels wird weltweit kritisiert. Die Hamas droht mit Rache.




Trauer um Rantissi: "Hamas wird den Widerstand fortsetzen"
AFP

Trauer um Rantissi: "Hamas wird den Widerstand fortsetzen"

Gaza - Die gezielte Tötung von Hamas-Führer Abdel Asis Rantissi ist weltweit verurteilt worden und hat Sorge vor einer weiteren Verschärfung des Nahost-Konflikts ausgelöst. Von London über Peking bis Canberra wurde Israel ein Bruch des Völkerrechts vorgeworfen. Die Hamas kündigte am Sonntag "hundert Vergeltungsschläge" an; Araber in zahlreichen Staaten schworen blutige Rache für Rantissis Tod.

Der britische Außenminister Jack Straw kritisierte die Liquidierung des radikalen Politikers als "ungesetzlich, ungerechtfertigt und kontraproduktiv". Auch der neue spanische Außenminister Miguel Angel Moratinos sprach von einer "kontraproduktiven Initiative", die die Wiederaufnahme von Verhandlungen erschwere. Russland zeigte sich ernsthaft besorgt über mögliche Konsequenzen, das französische Außenministerium nannte die Tötung Rantissis eine inakzeptable Aktion. Die EU forderte ein baldiges erneutes Treffen des Quartetts von EU, USA, Russland und den Vereinten Nationen zur Wiederbelebung des Friedensprozesses.

Papst Johannes Paul II. sagte in Rom, er verfolge die Nachrichten aus dem Heiligen Land "mit großer Traurigkeit" und sprach von "unmenschlichen Taten". Kritik kam auch aus Griechenland, Japan, der Türkei, Schweden und China.

Die palästinensische Regierung machte die USA für den Angriff auf Rantissi indirekt mitverantwortlich: Israel sei durch die weitgehenden Zugeständnisse von US-Präsident George W. Bush an Ministerpräsident Ariel Scharon ermutigt worden, sagte Regierungschef Ahmed Kureia. Das Weiße Haus wies Vorwürfe zurück, über die Tötung vorab informiert worden zu sein. Allerdings gab es auch keine Kritik aus Washington. "Israel hat das Recht, sich gegen Terroranschläge zu verteidigen", sagte US-Regierungssprecher Scott McClellan. Es müsse die Folgen seines Handelns jedoch sorgfältig bedenken.

Dass die USA die Aktion nicht verurteilten, sorgte wiederum für Empörung in Europa. Israel habe gegen das Völkerrecht verstoßen und es sei bedauerlich, dass die USA dies nicht ebenso sähen, sagte EU-Außenkommissar Chris Patten.

Von der Arabischen Liga und aus Libyen wurde der Vorwurf des Staatsterrorismus gegen Israel erhoben. Der Sprecher der Arabischen Liga, Hossam Saki, sagte in Kairo, der Angriff wenige Tage nach dem USA-Besuch Scharons nähre den Verdacht, dass Israel die Rückendeckung Washingtons dafür erhalten habe. Der schiitische Führer in Libanon, Großayatollah Scheich Mohammed Hussein Fadlalla, nannte die Regierung Bush Rantissis "Mörder Nummer 1".

Der jordanische König Abdullah II. warnte während eines USA-Besuchs, das "abscheuliche Verbrechen" an Rantissi werde weitere Gewalt nach sich ziehen, wie die jordanische Nachrichtenagentur Petra berichtete. Befürchtungen vor einer weiteren Verschärfung der Situation wurden auch aus Malaysia und Libanon laut. Der jemenitische Präsident Ali Abdallah Saleh forderte, Scharon vor ein Kriegsgericht zu stellen.



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