Naher Osten: Israel feuert Warnschüsse auf Syrien

Israel hat erstmals seit Jahrzehnten eine Rakete in Richtung Syrien abgefeuert. Die Armee habe auf eine Granate reagiert, die auf den Golanhöhen gelandet sei, hieß es im israelischen Rundfunk. Jerusalem hatte Damaskus zuvor vor Grenzverletzungen gewarnt.

Jerusalem - Seit Tagen fliegen Mörsergranaten von jenseits der Grenze auf die Golan-Höhen. Um eine Eskalation der ohnehin angespannten Lage zu vermeiden, wertete die israelische Regierung die Angriffe als Versehen. Doch man will auch nicht riskieren, dass ihre Zurückhaltung als Schwäche ausgelegt wird. Erstmals seit dem Jom-Kippur-Krieg hat die Armee deshalb Schüsse in Richtung Syrien abgegeben. Wie ein Armeesprecher mitteilte, schossen israelische Soldaten eine Rakete in Richtung syrischer Gebiete ab.

"Eine syrische Mörsergranate hat einen unserer Grenzposten getroffen", erklärte Armee-Sprecher Avital Leibovich. "Wir antworteten mit einem Warnschuss". Man gehe davon aus, dass es sich um ein Versehen handele. Deshalb habe man ebenfalls mit einem Warnschuss reagiert, fügte Leibovich hinzu.

Israelische Militärquellen sagten der Nachrichtenagentur AFP, die Soldaten hätten eine äußerst präzise Panzerabwehrrakete vom Typ Tamus abgefeuert und absichtlich Ziele verfehlt, in anderen Statements war von mehreren Schüssen die Rede. Zugleich reichte Israel eine Beschwerde bei den auf den Golan-Höhen stationierten Uno-Truppen ein. Darin hieß es, die Schüsse aus Syrien würden nicht toleriert "und unsere Antwort wird unnachgiebig sein".

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Golanhöhen: Israel feuert Rakete nach Syrien
Die israelische Regierung hatte Syriens Führung zuvor vor einer Ausweitung der Grenzzwischenfälle an den Golanhöhen gewarnt. "Das syrische Regime ist für das verantwortlich, was sich entlang der Grenze ereignet", hatte Vize-Regierungschef Mosche Jaalon am Freitag erklärt. Wenn die israelische Regierung feststelle, dass sich die Zwischenfälle der vergangenen Tage "in unsere Richtung ausdehnen, werde wir die Bürger Israels und die Souveränität des israelischen Staats zu verteidigen wissen", fügte Jaalon hinzu.

Israel und Syrien sind erbitterte Gegner, die Feindschaft hat zu mehreren bewaffneten Konflikten geführt. Seit 1974 herrscht eine gespannte Ruhe an der gemeinsamen Grenze.

Sorge vor Ausweitung des Bürgerkriegs

Anfang Oktober hatte auch die Türkei nach einem tödlichen Granateneinschlag in einem Grenzdorf mit Artillerie auf Syrien gefeuert. Seitdem ist die Sorge groß, der syrische Bürgerkrieg könnte auf die Nachbarländer übergreifen.

Die Ausweitung des Konflikts wäre auch im Sinne der Opposition, die sich zurzeit von der internationalen Gemeinschaft im Stich gelassen fühlt. Man benötige mehr Geld und Waffen für den Kampf gegen die Regierung von Präsident Baschar al Assad, sagte George Sabra, der am Freitag zum Vorsitzenden des Syrischen Nationalrats (SNC) gewählt worden war. "Leider bekommen wir nichts von ihnen außer ein paar Stellungnahmen, etwas Ermutigung", sagte Sabra am Samstag.

Sabra forderte vom Ausland eine Unterstützung der Aufständischen ohne Vorbedingungen. Die Hilfe dürfe nicht an einen Führungswechsel innerhalb der Oppositionsbewegung gebunden sein, sagte der 65-Jährige. Auf die Frage, was er sich am meisten vom Ausland wünsche, sagte Sabra am Freitag: "Waffen, Waffen, Waffen."

Sabra führte am Samstag in der katarischen Hauptstadt Doha Gespräche mit anderen Oppositionsgruppen, um eine noch breiter angelegte Führung der Opposition zu bilden. Das wird auch von den Unterstützern der Aufständischen im Westen und in den arabischen Ländern befürwortet.

Kämpfe in Syrien gehen unvermindert weiter

Unterdessen gingen die Kämpfe unvermindert weiter. Bei zwei Selbstmordanschlägen in der südsyrischen Stadt Daraa wurden nach Angaben von Aktivisten am Samstag mindestens 20 Angehörige der Sicherheitskräfte getötet. Die Attentäter gelangten in der Nähe eines Gebäudes des Militärgeheimdienstes, wie die in Großbritannien ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete. Das Gebiet gilt als Hochsicherheitszone. Nach den Detonationen hätten sich Aufständische und Regierungstruppen schwere Gefechte geliefert, meldete die Beobachtungsstelle unter Berufung auf Aktivisten vor Ort. Die staatliche Nachrichtenagentur Sana berichtete von zahlreichen Opfern und schweren Sachschäden. Nähere Details über die Anschläge wurden nicht genannt.

Syrische Regierungstruppen griffen nach Angaben von Aktivisten ein Gebiet an der Grenze zur Türkei mit Hubschraubern und Artillerie an. Aufständische hatten dort zuvor einen Grenzübergang unter ihre Kontrolle gebracht. Die Gegend um den Übergang Ras al Ain sei im Belagerungszustand, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Sonntag. Dutzende Aufständische versuchten, den Übergang zu halten.

mik/dpa/AP/Reuters

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1. Krieg endlich beenden
Walther Kempinski 11.11.2012
Ist zwar naiv, aber es wäre genial, wenn die einzigen Demokratien in dieser Region, die Türkei und Israel gleichzeitig Syrien angreifen würden (im Sinne des endgültigen Friedens). In der Mitte Syriens würden sich dann israelische und türkische Soldaten freudig begegnen und der Spuk wäre vorbei. Aber sowas gabs leider nur im 2. Weltkrieg. Der Elbe-Tag wird wohl ein Unikat in der Menschheitsgeschichte bleiben. Dabei wäre eine gleichzeitige Operation beider Demokratien sogar qualitativ besser als der Elbe-Tag. Denn das Stalin-Regime war ja nicht wirklich besser als die Hitler-Diktatur.
2.
Rido 11.11.2012
Zitat von sysopAFPIsrael hat erstmals mit Warnschüssen auf einen Beschuss aus Syrien geantwortet. Die Armee habe auf eine Granate reagiert, die auf den Golan-Höhen gelandet sei, hieß es im israelischen Rundfunk. Jerusalem hatte Damaskus zuvor vor Grenzverletzungen gewarnt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ras-al-ain-syrische-helikopter-bombardieren-grenzregion-zur-tuerkei-a-866534.html
Bleibt nur zu hoffen, dass sich das ganze nicht zu einem Kreig ausweitet. Die US-Wahlen sind vorbei...
3. Warnschüsse mit tödlichen Folgen.
rolandjulius 11.11.2012
Sehr einfach, um einen neuen Krieg anzuzetteln. Meine Schüsse waren nur zur Warnung abgefeuert. Es tut mir sehr leid, wenn jemand dabei umkam. Doch der Krieg hat eben begonnen, mit tödlichen Warnschüssen. Wie und auf was zielt ein ein Soldat wenn er niemand treffen will, aber der Gegner soll trotzdem eingeschüchtert werden? Wenn geschossen wird, wird eskaliert. Ist das der Sinn der Warnschüsse?
4.
Lea S. 11.11.2012
Zitat von sysopAFPIsrael hat erstmals mit Warnschüssen auf einen Beschuss aus Syrien geantwortet. Die Armee habe auf eine Granate reagiert, die auf den Golan-Höhen gelandet sei, hieß es im israelischen Rundfunk. Jerusalem hatte Damaskus zuvor vor Grenzverletzungen gewarnt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ras-al-ain-syrische-helikopter-bombardieren-grenzregion-zur-tuerkei-a-866534.html
Was sollte Israel anderes tun? Wer auch immer die Schüsse über die Grenze abgegeben hat, nicht zu reagieren wäre die schlechteste aller Möglichkeiten.
5. Es wird nichts passieren
stefan1904 11.11.2012
Israel ist nicht so blöd sich in den syrischen Bürgerkrieg einzumischen, mehr als ein paar Vergeltungsschläge wird es nicht geben.
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