Jerusalem - Seit Tagen fliegen Mörsergranaten von jenseits der Grenze auf die Golan-Höhen. Um eine Eskalation der ohnehin angespannten Lage zu vermeiden, wertete die israelische Regierung die Angriffe als Versehen. Doch man will auch nicht riskieren, dass ihre Zurückhaltung als Schwäche ausgelegt wird. Erstmals seit dem Jom-Kippur-Krieg hat die Armee deshalb Schüsse in Richtung Syrien abgegeben. Wie ein Armeesprecher mitteilte, schossen israelische Soldaten eine Rakete in Richtung syrischer Gebiete ab.
"Eine syrische Mörsergranate hat einen unserer Grenzposten getroffen", erklärte Armee-Sprecher Avital Leibovich. "Wir antworteten mit einem Warnschuss". Man gehe davon aus, dass es sich um ein Versehen handele. Deshalb habe man ebenfalls mit einem Warnschuss reagiert, fügte Leibovich hinzu.
Israelische Militärquellen sagten der Nachrichtenagentur AFP, die Soldaten hätten eine äußerst präzise Panzerabwehrrakete vom Typ Tamus abgefeuert und absichtlich Ziele verfehlt, in anderen Statements war von mehreren Schüssen die Rede. Zugleich reichte Israel eine Beschwerde bei den auf den Golan-Höhen stationierten Uno-Truppen ein. Darin hieß es, die Schüsse aus Syrien würden nicht toleriert "und unsere Antwort wird unnachgiebig sein".
Israel und Syrien sind erbitterte Gegner, die Feindschaft hat zu mehreren bewaffneten Konflikten geführt. Seit 1974 herrscht eine gespannte Ruhe an der gemeinsamen Grenze.
Sorge vor Ausweitung des Bürgerkriegs
Anfang Oktober hatte auch die Türkei nach einem tödlichen Granateneinschlag in einem Grenzdorf mit Artillerie auf Syrien gefeuert. Seitdem ist die Sorge groß, der syrische Bürgerkrieg könnte auf die Nachbarländer übergreifen.
Die Ausweitung des Konflikts wäre auch im Sinne der Opposition, die sich zurzeit von der internationalen Gemeinschaft im Stich gelassen fühlt. Man benötige mehr Geld und Waffen für den Kampf gegen die Regierung von Präsident Baschar al Assad, sagte George Sabra, der am Freitag zum Vorsitzenden des Syrischen Nationalrats (SNC) gewählt worden war. "Leider bekommen wir nichts von ihnen außer ein paar Stellungnahmen, etwas Ermutigung", sagte Sabra am Samstag.
Sabra forderte vom Ausland eine Unterstützung der Aufständischen ohne Vorbedingungen. Die Hilfe dürfe nicht an einen Führungswechsel innerhalb der Oppositionsbewegung gebunden sein, sagte der 65-Jährige. Auf die Frage, was er sich am meisten vom Ausland wünsche, sagte Sabra am Freitag: "Waffen, Waffen, Waffen."
Sabra führte am Samstag in der katarischen Hauptstadt Doha Gespräche mit anderen Oppositionsgruppen, um eine noch breiter angelegte Führung der Opposition zu bilden. Das wird auch von den Unterstützern der Aufständischen im Westen und in den arabischen Ländern befürwortet.
Kämpfe in Syrien gehen unvermindert weiter
Unterdessen gingen die Kämpfe unvermindert weiter. Bei zwei Selbstmordanschlägen in der südsyrischen Stadt Daraa wurden nach Angaben von Aktivisten am Samstag mindestens 20 Angehörige der Sicherheitskräfte getötet. Die Attentäter gelangten in der Nähe eines Gebäudes des Militärgeheimdienstes, wie die in Großbritannien ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete. Das Gebiet gilt als Hochsicherheitszone. Nach den Detonationen hätten sich Aufständische und Regierungstruppen schwere Gefechte geliefert, meldete die Beobachtungsstelle unter Berufung auf Aktivisten vor Ort. Die staatliche Nachrichtenagentur Sana berichtete von zahlreichen Opfern und schweren Sachschäden. Nähere Details über die Anschläge wurden nicht genannt.
Syrische Regierungstruppen griffen nach Angaben von Aktivisten ein Gebiet an der Grenze zur Türkei mit Hubschraubern und Artillerie an. Aufständische hatten dort zuvor einen Grenzübergang unter ihre Kontrolle gebracht. Die Gegend um den Übergang Ras al Ain sei im Belagerungszustand, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Sonntag. Dutzende Aufständische versuchten, den Übergang zu halten.
mik/dpa/AP/Reuters
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