Rassen-Debatte in den USA Schwarzer Professor lästert über "Bruder Obama"

Seine Hautfarbe macht der US-Präsident selten zum Thema. Doch jetzt rückt sie ein einflussreicher schwarzer Professor wieder ins Blickfeld: Er wirft Barack Obama vor, Erfüllungsgehilfe weißer Interessen zu sein. Andere schwarze Intellektuelle kontern den Vorwurf sofort. 

Obama-Kritiker und Philosoph Cornel West: "Schwarzes Maskottchen im Weißen Haus"
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Obama-Kritiker und Philosoph Cornel West: "Schwarzes Maskottchen im Weißen Haus"

Von , Washington


Man muss sich Cornel West eigentlich als einen glücklichen Menschen vorstellen. Der Philosophieprofessor mit dem wilden Spitzbart ist berühmt für sein Buch "Race Matters". Darin erklärt er, dass Hautfarbe immer noch eine Rolle spielt in einem Amerika, auch wenn sich das Land so gern vom Rassismus befreit sähe.

Also war der Wahlsieg Barack Obamas auch ein Sieg für West.

Nur fühlt sich der Princeton-Akademiker, leidenschaftlicher Wahlkampfhelfer für Obama, mittlerweile um seinen Sieg betrogen. Eigentlich habe sich doch nichts geändert, motzt West. Obama ist für ihn ein schwarzer Präsident, aber keiner für die Schwarzen. Die wichtigsten Statistiken - ob nun Arbeitslosigkeit, Verhaftungsraten oder Drogenmissbrauch - seien für Afro-Amerikaner kaum erfreulicher geworden, analysiert der Professor.

Und schuld daran sei der Mann im Weißen Haus.

"Ich denke, mein lieber Bruder Barack Obama hat eine gewisse Angst vor freien schwarzen Menschen", schimpft West auf der Webseite Truthdig. Man erlebe bei ihm eine Entfremdung von seiner Hautfarbe. Schlimmer noch: Der 44. Präsident sei "ein schwarzes Maskottchen der Wall-Street-Oligarchen".

"Maskottchen", das sitzt. Der Begriff knüpft, das weiß Forscher West natürlich genau, an einen der schlimmsten Vorwürfe in der afro-amerikanischen Gemeinschaft an - dass jeder, der Weiße nicht offen herausfordere, seine Hautfarbe verrate.

Als literarisches Beispiel dient dafür "Onkel Tom", engelsgleicher Sklave aus Harriet Beecher Stowes Roman "Onkel Toms Hütte". Der lässt sich zu Tode misshandeln, er meidet den Aufstand gegen seinen brutalen weißen Besitzer.

Kämpferischen Bürgerrechtlern gilt Stowes Held als abschreckendes Beispiel, sein Name gar als Schimpfwort.

Obama wollte partout kein typisch schwarzer Kandidat sein

Jetzt soll also Obama ein "Onkel Tom" sein, ein Maskottchen - das sich gar zum Erfüllungsgehilfen weißer Interessen mache. Der Präsident sei ja nun auch "Kopf der amerikanischen Tötungsmaschinerie", grummelt West, und meint damit dessen Rolle als militärischer Oberbefehlshaber der USA. "Und er ist stolz darauf."

Mit seiner Kritik steht der Professor nicht allein. Teile der afro-amerikanischen Gemeinschaft beschweren sich seit langem über Obamas Hilfsprogramme für Wall-Street-Banken oder seine Truppenaufstockung in Afghanistan.

Die Interessen von Schwarzen sehen manche Kritiker dagegen nicht gut genug vertreten. Immerhin musste auch Obama die Gelder einiger Förderprojekte in großen Städten zusammenstreichen, die besonders Afro-Amerikanern zugute kommen würden.

Außerdem hatten Teile der schwarzen Gemeinschaft schon im Wahlkampf skeptisch auf den Bewerber mit der weißen Mutter aus Kansas und dem Vater aus Kenia reagiert. Schließlich wollte Obama partout kein typisch schwarzer Kandidat sein. Er forderte afro-amerikanische Männer mutig auf, ihre Frauen nicht im Stich zu lassen oder ihren Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen - statt Bildungsanstrengungen als "uncool" zu verspotten.

Im Wahlkampf äußerte Obama zudem durchaus Verständnis für weißes Unbehagen in Rassenfragen.

Bei den meisten Afro-Amerikanern überwiegt der Stolz

Doch bei den meisten Afro-Amerikanern überwiegt nach wie vor der Stolz über den schwarzen Mann im Weißen Haus. "Wenn jetzt die Wahl wäre, würden sie überwältigend für ihn stimmen", sagt David Remnick, Chefredakteur des "New Yorker" und Autor eines Buches über Obamas Wurzeln.

Das zeigt sich auch an der Reaktion auf Wests Tiraden - der einflussreiche Vordenker wird von anderen afro-amerikanischen Intellektuellen böse abgewatscht.

"West glaubt, er argumentiert profund. Aber er wirkt einfach nur kleinlich", schreibt der einflussreiche Blogger Adam Serwer, wie Obama mit einem weißen und schwarzem Elternteil aufgewachsen. Dem Princeton-Professor ginge es nicht um Politik, sondern nur um seine Person, kritisiert Serwer.

Tatsächlich ist West, der Rap-Platten aufnahm und in Hollywoodfilmen wie "Matrix" mitspielte, für seine Eitelkeit berüchtigt. Vor einigen Jahren schmiss er seinen Harvard-Job hin, als der damalige Uni-Präsident Lawrence Summers ihm vorhielt, sich nicht genug auf die akademische Arbeit zu konzentrieren.

Auch bei Wests Obama-Schelte geht es nun um Eitelkeiten: Er beklagt sich etwa darüber, vom Präsidenten keine Tickets für dessen Inaugurations-Feier erhalten zu haben.

Obama-Kritiker West - von Kollegen verspottet und entlarvt

Melissa Harris-Perry, ehemalige Princeton-Kollegin, urteilt daher in "The Nation" scharf: Cornel Wests "Predigt" biete einen erstaunlichen Einblick in das "delikate Ego" selbsternannter schwarzer Führer, die ein Symbol der Vergangenheit geworden seien.

Bürgerrechts-Veteran Al Sharpton ergänzt: West könne sich wohl nicht auf die positive Agenda des Präsidenten konzentrieren, weil er so beschäftigt sei, seine eigenen Bücher zu verkaufen.

Wests Tiraden wirken schon deshalb befremdlich, weil Obama wegen seiner Hautfarbe nach wie vor Angriffen ausgesetzt ist.

Glenn Beck, erzkonservativer TV-Moderator, hielt dem US-Präsidenten "tief verankerten Hass auf Weiße" vor. Sein Kollege Rush Limbaugh hetzte, Obama wäre doch heute ein Tour-Guide auf Hawaii, wenn er nicht zufällig schwarze Haut hätte. Baumogul und Möchtegern-Präsidentschaftskandidat Donald Trump suggerierte, ohne "affirmative action" - das US-Vorzugsprogramm für Minderheiten - hätte es der Präsident nie an die Eliteuni Harvard geschafft.

Vor dieser Art von "verstecktem Rassismus" hat West in seiner Forschung immer gewarnt, es war ein moderner Ansatz.

Aber jetzt steht er selber da wie jemand, der von den anderen Anhängern seiner Gemeinschaft als altmodisch entlarvt wird. Denn Afro-Amerikaner, das zeigt eine aktuelle "Newsweek"-Umfrage, sind unter dem schwarzen Präsidenten Obama weit optimistischer als der Rest des Landes.

Also wirkt West auf einmal wie ein ziemlich eitler Fatzke, der sich beleidigt aufspielt. Seine Hautfarbe hat damit nichts zu tun, sie spielt nur eine Nebenrolle. Und das ist vielleicht das einzig Positive an dieser Debatte.



insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
schultern 24.05.2011
1. na dann : Quotenregelung....
"Die wichtigsten Statistiken - ob nun Arbeitslosigkeit, Verhaftungsraten oder Drogenmissbrauch - seien für Afro-Amerikaner kaum erfreulicher geworden, analysiert der Professor. Und schuld daran sei der Mann im Weißen Haus. " klar, Obama sollte endlich Quoten einführen...zwangsweise weniger Afroamerikaner verhaften lassen....und Weiße zum Drogenmißbrauch zwingen, damit die Statistken besser werden.....
g0r3 24.05.2011
2. ...
Ich bin überrascht, wie blauäugig und so manch einer der "geistigen Elite" die Welt doch sieht...
Demokratischer_Beobachter 24.05.2011
3. Halbehalbe
Warum wird Hussein OBAMA stets auf seine negroide Seite reduziert und als "Halbschwarzer" tituliert? Selten ist die andere Seite zu hören, denn er ist genauso Halbweißer. Aber auch er selbst scheint sich eher als Schwarzer zu sehen, denn in der für die USA typischen Rassentrennung (die auch in jedem Hollywood-Streifen zu sehen ist) hat er sich mit einer "echten" Schwarzen statt mit einer reinrassigen Weißen verbandelt. Wird es irgendwann einmal soweit sein, daß Ehen zwischen Schwarzen und Weißen in den USA genauso häufig sind wie untereinander?
ThomasPr, 24.05.2011
4. .
Zitat von sysopSeine Hautfarbe macht der US-Präsident selten zum Thema. Doch jetzt rückt sie ein einflussreicher schwarzer Professor wieder ins Blickfeld: Er wirft Barack Obama vor, Erfüllungsgehilfe weißer Interessen zu sein. Andere schwarze Intellektuelle kontern den Vorwurf sofort.* http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,764485,00.html
"...dass jeder, der Weiße nicht offen herausfordere, seine Hautfarbe verrate." Wenn ich schwarze offen herausfordere, nennt man mich einen Rassisten. Aber ich bin kein Professor, das wird der Grund sein. Ansonsten: Der ist nur ein weiterer Spinner. Die gibt es in jedem Land und in jeder Hautfarbe.
Phil2302 24.05.2011
5. Ich versteh es auch nicht so ganz
Wäre es nicht eher rassistisch, wenn Obama sich stärker um Schwarze als um Weiße kümmern würde?
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