Rassismus in den USA: Obama beschwört Amerikas Erbsünde - und gerät in Gefahr

Von , New York

Barack Obamas Rede über die Rassenproblematik hat in den USA eine landesweite Debatte ausgelöst. In Kirchen, Unis, TV-Shows und Blogs widmen sich die Amerikaner erstmals offen den Ressentiments zwischen Schwarzen und Weißen. Einem könnte das schaden: Obama.

Die Abyssinian Baptist Church ist Harlems Seele. New York Citys älteste Schwarzen-Gemeinde, vor 200 Jahren aus Protest gegen religiöse Segregation gegründet, spielt bis heute eine prägende Rolle in der US-Bürgerrechtsbewegung. Ihr Chefpastor Calvin Butts gilt als eine der profiliertesten Stimmen in der Debatte um Rassismus in Amerika.

Präsidentschaftsbewerber Barack Obama: "Die Erbsünde dieser Nation"
AP

Präsidentschaftsbewerber Barack Obama: "Die Erbsünde dieser Nation"

Es überraschte also nicht, dass Reverend Butts dieses Jahr keine gewöhnliche Osterpredigt hielt. "Amerika zu kritisieren, das ist nichts, weswegen man jemanden verdammen sollte", donnerte er vor Tausenden meist schwarzen Kirchgängern, die sich in dem neugotischen Gewölbe versammelt hatten, darunter Star-Komödiant Chris Rock. "Es hat schwarze und weiße Prediger gegeben, die Amerika kritisiert haben." Das Publikum jubelte zustimmend.

Butts meinte Jeremiah Wright, Barack Obamas Ex-Pastor, dessen kontroverse Äußerungen über Weiße, den 11. September 2001 und die USA im Allgemeinen dem Demokraten dessen erste handfeste Wahlkampfkrise beschert haben. Wrights Worte, räumte Butts ein, seien "uncharakteristisch hässlich". Und doch verständlich: "Diese Nation ist zu Schwarzen auch uncharakteristisch hässlich gewesen."

Der 59-jährige Butts - der formell Obamas Rivalin Hillary Clinton unterstützt - war nicht der Einzige, dessen Osterpredigt diesmal nicht nur von der Wiederauferstehung handelte, sondern von einem ganz aktuellen Problem: Rassismus in den USA. Im ganzen Land folgten Kirchen dem Aufruf Obamas, der die Wright-Affäre am vorigen Dienstag mit einer großen Rede über die Rassenproblematik aus dem Weg zu räumen versucht und gefordert hatte, einen Ausweg zu finden aus der "Rassen-Sackgasse, in der wir seit Jahren stecken".

Nicht nur Kirchen griffen Obamas Aufforderung auf. Quer durch die USA hat die Rede eine beispiellose Diskussion um Rassismus, Ressentiments und Versöhnung losgetreten - im Internet, in den Medien, in Talkshows, an Universitäten, in Kneipen und in Büros.

Ob die historische Rede Obama politisch genützt hat oder das Wright-Debakel zum Wahlkampf-Desaster wird, bleibt dabei unklar. Fest steht: Amerika öffnet seine älteste Wunde - die "Rassenfrage, die wir nie ausgeräumt haben", so Obama, und die ihren Ursprung in der Sklaverei habe, "der Erbsünde dieser Nation".

Mindestens acht Millionen Menschen haben sich diese harten Worte bisher angehört, live oder als Online-Video. Eine einzige, 37-minütige Langfassung - nur eine von vielen - erreichte am Ostermontagabend auf YouTube mehr als 3,1 Millionen Aufrufe. "37 Minuten, die unser Land verändern könnten", schrieb ein YouTube-Nutzer. "Falls wir klug und mutig genug sind."

Mal abgesehen von allem wahlstrategischem Kalkül: Obamas Rede zerriss den Schleier der politischen Korrektheit, der diese Diskussion lange vernebelt hat. Er sprach nicht nur von "der Güte und Grausamkeit, der scharfen Intelligenz und schockierenden Ignoranz, dem Kampf und den Erfolgen, der Liebe und, ja, der Verbitterung und Voreingenommenheit, die die schwarze Erfahrung in Amerika ausmachen". Sondern auch ganz offen von dem "Zorn, der in Teilen der weißen Gemeinschaft existiert".

Seltene Worte, die nun eine landesweite Diskussion auslösten. Nicholas Kristof lobte die Rede in der "New York Times" dafür, die "Kluft zwischen dem weißen und dem schwarzen Amerika" beim Namen zu nennen - und dabei erstmals auch Weiße zum Zuhören gebracht zu haben: "Und sie sind wie vom Blitz getroffen."

Denn meist existierte diese Kluft bisher nur als verzerrtes, versteinertes Stereotyp. Etwa beim Mordprozess gegen Ex-Footballstar O. J. Simpson 1995 oder zuletzt beim Verfahren gegen die "Jena Six", sechs schwarze Teenager in Louisiana, die voriges Jahr wegen Mordversuchs angeklagt worden waren.

Oder sie wird als museales Relikt abgehandelt, in Ausstellungen, Dokumentarfilmen und TV-Serien. Sicher, sagte Reverend Butts am Sonntag, das Attentat auf Martin Luther King 1968 und der Lynchmord am Teenager Emmett Till 1955 seien historische Ereignisse - aber trotzdem "noch zu meinen Lebzeiten geschehen".

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