Urteil gegen Ratko Mladic Keine Strafe hoch genug

Unter seinem Befehl wurde tausendfach gemordet und vergewaltigt: Serbenführer Ratko Mladic erwartet heute in Den Haag ein Urteil. Doch auch die härteste Strafe wird die Überlebenden nicht versöhnen. Drei Begegnungen.

AP/ ICTY

Babyknochen, Strampelanzug, Schnuller: In einem Massengrab in Nordbosnien lagen die Überreste der vier Monate alten Amila, ihrer Mutter, ihrer Geschwister und mehr als 260 ihrer Nachbarn.

Amila wurde am selben Tag des Jahres 1992 geborgen, an dem Millionen Bosnier in einem Referendum die Unabhängigkeit Bosniens und Herzegowinas von Jugoslawien wählten. Mit ihrem Leben begann auch der Angriff Restjugoslawiens auf Bosnien. Sie starb vier Monate später, der Krieg endete erst nach vier Jahren.

Der Mann, der allein in Bosnien den Mord an Amila und rund 100.000 weitere Morde zu verantworten hat, heißt Ratko Mladic. Er war oberster General der selbsternannten "Serbischen Republik" innerhalb Bosniens, wurde "Schlächter vom Balkan" genannt. Am Mittwoch spricht das Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag das Urteil gegen den inzwischen 74-Jährigen. Vorgeworfen werden ihm Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit - eine lebenslange Haftstrafe scheint sehr wahrscheinlich. Reue zeigt er bis heute nicht.

Der Krieg hat die Region geprägt, auch mehr als 20 Jahre nach seinem Ende ist er gegenwärtig. Wie gehen die Menschen in den Gebieten, in denen Mladic mit seinen Truppen gewütet hat, heute mit den düsteren Erinnerungen um? Begegnungen mit drei Betroffenen.


"Vor dem Völkermord war meine Stadt Prijedor ein Paradies", erinnert sich der Schriftsteller Suvad Cehic. "Wir wussten nicht einmal, wer welcher Ethnie angehört. Ich war mir sicher, dass uns in Bosnien so etwas nicht passieren kann."

Suvad Cehic
Melina Borcak

Suvad Cehic

Gleichzeitig stellte Radovan Karadzic seinen Plan zur Erschaffung "Großserbiens" vor. Der Präsident der selbst ernannten "Serbischen Republik" forderte: Nichtserben müssen von Serben getrennt werden, ein Teil Bosniens an Serbien angeschlossen werden.

Mladic reagierte. "Allen Nichtserben wurde befohlen, weiße Bänder um ihre Oberarme zu binden und ihre Häuser mit weißen Tüchern zu markieren. Wer das nicht gemacht hat, wurde sofort getötet", erinnert sich Suvad Cehic.

Trotz allem hoffte er noch auf Frieden: "Menschen aus der Straße nebenan wurden schon abtransportiert, aber ich dachte mir: 'Uns kann das nicht passieren!'"

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Ratko Mladic: Das Grauen in Tausenden Massengräbern

Wenige Tage später saß er im Lager Trnopolje: "Ich fühlte mich, als wäre ich ein Statist in einem Film über den Zweiten Weltkrieg." Das komplette Dorf Trnopolje wurde zum Konzentrationslager für über 23.000 Menschen umgewandelt. In der ehemaligen Grundschule waren Frauen und Kinder, in anderen Gebäuden Suvad Cehic und weitere Männer gefangen.

Die einstigen Freunde und Nachbarn waren jetzt Wächter im Lager. Suvad Cehic und seine Familie wurden ins ebenfalls von Mladics Truppen angegriffene Kroatien deportiert und flohen weiter nach Berlin. Er fing an, über Krieg und Völkermord zu schreiben. Der Schmerz des Erlebten füllt bisher schon acht Bücher.

Die traurigen Geheimnisse des Waldes

Auch heute, mehr als 20 Jahre nach Kriegsende, werden im ehemaligen Kriegsgebiet noch Leichen gefunden. Wie die von Zekira Begic. Als sie im neunten Monat schwanger war, wurden sie und ihr ungeborenes Kind mit einem Schuss in Zekiras Bauch getötet. Der Mörder kannte sie, die 20-Jährige war Brautjungfer bei seiner Hochzeit gewesen. Mit 37 weiteren Müttern und Kindern wurde sie in ein Massengrab geworfen. Hunderte solcher Gräber in Bosnien wurden mehrfach geöffnet, die zerrissenen Leichenteile mit Baggern und Lkws an anderen Orten wieder in neue Massengräber geworfen. Dieser Versuch, die Morde zu vertuschen, führte dazu, dass die Überreste vieler Menschen an mehreren Orten verstreut sind.

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Einer, der nach den Vermissten sucht, ist Ramiz Nukic. Er überlebte den Völkermord in Srebrenica. Seine Brüder und sein Vater nicht. Vier Jahre nach dem Massaker, in dem über 8300 Bosniaken getötet wurden, kehrte er in sein Dorf zurück, um die Leichen seiner Familienmitglieder zu finden.

Seitdem sucht der Bauer fast jeden Tag im Wald neben seinem Haus nach menschlichen Überresten. Zertrümmerte Schädel, andere Knochenteile: Bisher hat Ramiz Nukic die Überreste von mindestens 250 Menschen gefunden. Die Knochen seiner Familie wurden 2015 entdeckt, 20 Jahre nach ihrer Ermordung. Aufhören zu suchen will er trotzdem nicht, niemals: "Ich kann nicht zulassen, dass die Knochen eines Menschen irgendwo verrotten, während seine Mutter weint und hofft."

Ramiz Nukic lebt in Armut, versucht seine kranke Frau und seine Familie durch den Anbau von Erdbeeren und Arbeit als Tagelöhner zu ernähren. Doch das Gefühl, mitleidenden Überlebenden zu helfen, erfüllt ihn: "Wenn ich einen Knochen finde, fühle ich mich wie der reichste Mann der Welt!"

Die vergessenen "Kinder des Hasses"

Alen Muhic
Melina Borcak

Alen Muhic

Auch Alen Muhic ist auf der Suche. Zur Welt kam er im Kriegskrankenhaus von Gorazde, umgeben von Sterbenden. Mit viel Liebe versuchten seine Eltern, ihm eine schöne Kindheit zu ermöglichen, trotz des Kriegschaos. Mit elf Jahren erfuhr er, dass es sich gar nicht um seine leiblichen Eltern handelt. Seine biologische Mutter wurde mehrfach vergewaltigt und wollte ihn nach der Geburt nicht einmal ansehen. Muharem Muhic, Hausmeister des Krankenhauses, nahm das Baby als Teil seiner Familie auf. Seit Jahren sucht Alen Muhic Antworten von seinem Vater, dem Vergewaltiger. Doch trotz DNA-Beweis und Gerichtsurteil bestreitet dieser, ein Serbe aus Foca, Alens Vater zu sein.

Nach jahrelangen Versuchen lernte Alen seine biologische Mutter kennen. Doch sie haben keinen Kontakt mehr. "Ich möchte kein Hindernis für ihr Glück sein", erklärt Alen. Die genaue Zahl der im Bosnien-Krieg vergewaltigten Frauen ist schwer zu ermitteln. Viele starben an den Folgen der Misshandlung, begingen Selbstmord oder schweigen aus Scham über das erlebte Trauma.

Die Toten des Krieg sind in Bosnien Alltagsthema. Anders sieht es bei den Menschen aus, die als Folge des Krieges geboren wurden. Da Mladics Truppen Vergewaltigungen systematisch als Kriegswaffe einsetzten, werden daraus entstandene Kinder "Kinder des Hasses" genannt.

Alen arbeitet heute als Medizintechniker in dem Krankenhaus, in dem er 1993 geboren wurde. Seinen 16 Monate alten Sohn will er so erziehen, wie seine Adoptiveltern ihn erzogen haben: "Ich möchte, dass er glücklich ist, so wie ich wegen meiner Eltern glücklich bin."

An Gerechtigkeit im Fall Mladic glaubt Alen nicht, selbst wenn lebenslange Haft wahrscheinlich scheint: "Für das, was Mladic getan hat, kann keine Strafe hoch genug sein!"

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