Urteil gegen Ratko Mladic Der Schlächter ist schuldig, verarbeitet ist nichts

Tausende starben auf Befehl von Ratko Mladic im Balkankrieg, dafür muss der Ex-General lebenslang in Haft. Die Reaktionen reichen von Genugtuung bis Trotz - eine Aufarbeitung ersetzt das Urteil nicht.

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Es war das letzte und wohl auch wichtigste Urteil des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) - das Urteil über jenen Mann, der als Oberbefehlshaber der bosnisch-serbischen Armee den Völkermord an den bosnischen Muslimen strategisch organisierte und logistisch umsetzen ließ. Ein Mann, der im Unterschied zu manch anderen Planern des Völkermords auch selbst im Feld unterwegs war - und der zugleich in Serbien und in der Republika Srpska in Bosnien noch immer als der größte aller Krieshelden gefeiert wird.

Lebenslänglich, so lautete, fast erwartbar, das Urteil gegen Ratko Mladic nach einem viereinhalbjährigen Prozess mit 530 Verhandlungstagen, der Anhörung von fast 600 Zeugen und der Begutachtung von rund 10.000 Beweisstücken. Der "Schlächter und Henker des Balkans" vernahm die Urteilsverkündung zunächst mit häufigem sarkastischen Grinsen und wütendem Kopfschütteln. Später bezichtigte er den Richter schreiend, ein Lügner zu sein - und wurde dafür des Gerichtssaals verwiesen.

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Mladic-Urteil: Jubel und Tränen

Wenig überraschend fielen auch die Reaktionen aus: Genugtuung, vermischt mit Trauer unter den Bosniern, Trotz und Wut bei den Serben. Bosnische Medien präsentierten in den letzten Tagen noch einmal zahlreiche Berichte von überlebenden Opfern, viele bosnische Politiker betonten, eine wirklich gerechte Strafe für die Kriegsverbrechen könne es niemals geben.

Serbische Medien hingegen zeigten seit Tagen Bilder eines Ratko Mladic, der lächelt und siegesgewiss den Daumen hebt. "Für uns ist und bleibt er ein Held und eine Legende!", titelte das offiziöse Belgrader Blatt "Informer". Serbiens Präsident Aleksandar Vucic kommentierte das Urteil gegen Mladic mit den Worten, es sei "ein schwieriger Tag". Er bitte die serbischen Bürger, so Vucic, "ihre Köpfe zu heben und weiterhin stolz in einem souveränen Serbien zu leben, das niemandem gestattet, es zu demütigen".

Mladic wurde von den Richtern in allen Anklagepunkten - die von Völkermord über Massaker und Folter bis hin zu systematischen Vertreibungen reichen - schuldig gesprochen.

Mit einer Ausnahme, die zugleich der wichtigste Anklagepunkt war: der eines systematischen, flächendeckenden Völkermordes in Bosnien.

Das Gericht sah dafür keinen Beweis. Lediglich für den Ort Srebrenica und seine unmittelbare Umgebung erkannte das Gericht einen Völkermord an - beim Massaker von Srebrenica waren im Juli 1995 mehr als 8000 bosnische muslimische Männer und Jungen ermordet worden. Das Gericht urteilte damit genau wie bereits letztes Jahr im Fall des ehemaligen Präsidenten der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, der jedoch "nur" 40 Jahre Haft erhalten hatte.

Viele Vertreter der überlebenden Opfer nahmen das Urteil gegen Mladic mit gemischten Gefühlen auf. Der Präsident des Verbands der ehemaligen Lagerhäftlinge in Bosnien-Herzegowina, Jasmin Meskovic, sagte dem SPIEGEL, er und seine Leidensgenossen seien zwar froh, dass Mladic endlich verurteilt worden sei. Zugleich aber eben auch unzufrieden, dass das Gericht die Massaker in sechs ostbosnischen Städten nicht als Völkermord gewertet habe. Allerdings spreche der ICTY nun erstmals von "Konzentrationslagern" für Gefangene, nicht mehr nur von "Haftzentren". "Insgesamt ist es ein bedeutender Tag für die Opfer in Bosnien", so Meskovic.

Der Genozid ist nun nicht mehr zu leugnen

Ähnlich sieht es auch Resad Trbonja, der Bosnien-Repräsentant der internationalen Vereinigung "Remember Srebrenica". Trbonja, selbst Überlebender der Belagerung von Sarajevo, sagte dem SPIEGEL, dieses Urteil sei einerseits bedeutend, weil nun endgültig niemand mehr die Kriegsverbrechen in Bosnien leugnen könne. Anderseits werde der bosnische Genozid auf einen einzigen Ort fixiert. "Das ist für die Opfer sehr schmerzlich, denn es hat sowohl von serbischer als auch von kroatischer Seite den Plan flächendeckender, systematischer ethnischer Säuberungen wie auch des Völkermordes gegeben."

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Dennoch hat das Gericht mit dem Urteil gegen Mladic einen würdigen Abschluss seiner mehr als zwei Jahrzehnte dauernden Arbeit gefunden. Gerade in den letzten Jahren hatte es in Den Haag eine Reihe skandalöser Freisprüche für mutmaßliche Kriegsverbrecher gegeben. Unter anderem für den kroatischen General Ante Gotovina, den serbischen Kriegshetzer Vojislav Seselj, den bosnischen Militärkommandeur Naser Oric und den Ex-UCK-Kommandanten und heutigen kosovarischen Regierungschef Ramush Haradinaj. Mal verschwanden Zeugen, mal schlampte die Anklage.

Die Verarbeitung der Kriegsverbrechen wird noch lange dauern

Zu einer Aufarbeitung der Kriegsvergangenheit wird die Arbeit des Gerichts jedoch vorerst kaum führen, darin sind sich die meisten unabhängigen Beobachter in der Region einig. Der kroatische Politologe Zarko Puhovski sieht einen "postjugoslawischen viktimologischen Wettbewerb" - jeder wolle das größte Opfer sein und sehe die größte Schuld bei den anderen. In Serbien, wo selbst das Verbrechen von Srebrenica nicht als Völkermord anerkannt wird, würden ehemalige Kriegsverbrecher mehr und mehr verherrlicht, sagt die Belgrader Menschenrechtsaktivistin Sonja Biserko: "Erst eine künftige Generation wird auswerten und aufarbeiten, was das Gericht an Dokumentationen hinterlässt."

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In Kroatien beispielsweise wurde erst vor wenigen Tagen anlässlich der Gedenkfeier zum Fall der Stadt Vukovar wieder einiger Generäle und Kommandanten des "Heimatkriegs" gedacht, die mutmaßlich in Kriegsverbrechen verstrickt waren.

Kroatien verlangt außerdem einen Freispruch der sechs verurteilten bosnisch-kroatischen Kriegsverbrecher aus dem Fall Prilic et al., zu dem das Berufungsurteil nächste Woche in Den Haag verkündet wird - als letzter Akt des ICTY. In Serbien wiederum wurde vor Kurzem der als Kriegsverbrecher verurteilte Vladimir Lazarevic, ein ehemaliger Befehlshaber aus dem Kosovokrieg und veranwortlich für Massaker an Zivilisten, als Lehrbauftragter an die Belgrader Militärakademie berufen.

"Täter werden als Helden gefeiert, stark nationalistische Diskurse, die in den Kriegsnarrativen verwurzelt sind, sind en vogue", sagt der bosnisch-österreichische Politologe Vedran Dzihic im Gespräch mit dem SPIEGEL. Dies hänge auch damit zusammen, so Dzihic, dass das normative Model des Westens und der EU schwächer geworden sei. "Es sind neue Formen des autoritären Regierens entstanden, die ihre Opfergeschichte pflegen und die Schuld stets bei den anderen suchen."

Zusammengefasst: Ratko Mladic muss lebenslänglich in Haft - weil er als Militärführer Gräueltaten während des Balkankriegs verantwortete. Das Gericht folgte der Anklage in allen Punkten, mit einer Ausnahme: Mladic ist nicht schuldig eines systematischen, flächendeckenden Völkermordes in Bosnien. Das kritisieren bosnische Überlebende und Nachfahren der Opfer. Trotzdem sind sie froh über die erwartete harte Strafe. In Serbien wird Mladic von vielen weiterhin als Held gefeiert.

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