Rauschgiftsucht in China "Hart zuschlagen"

Chinesische Jugendliche greifen immer häufiger zu Drogen, Heroinsucht breitet sich aus. Mit drastischen Maßnahmen versucht die Polizei, den Rauschgiftkonsum einzudämmen. Ortstermin in einem Pekinger Entzugszentrum.


Drogenkonsum: Bei chinesischen Jugendlichen hoch im Kurs
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Drogenkonsum: Bei chinesischen Jugendlichen hoch im Kurs

Peking - Es ist ein grauer Wintermorgen auf einem ummauerten Platz im Südwesten von Peking. Ein paar dutzend Männer in blau-weiß gestreiften Schlafanzügen marschieren in Viererreihen im Kreis und singen: "Haltet fest zusammen und lasst den Kopf nicht hängen!" Etwas weiter hinten spielen einige Basketball, eingehüllt in die gleiche Kleidung, ein paar Frauen hüpfen Seil. An der Mauer haben sich Männer aufgestellt, stramm stehen sie in einer Reihe. Ihr Blick geht starr geradeaus.

Was aussieht wie eine Umerziehungsanstalt aus finsteren Zeiten, ist das "Pekinger Zentrum für den Zwangsentzug Rauschgiftsüchtiger". Es soll eine Modellinstitution sein, so versichert wenigstens Pekings Polizei. Hier sollen vor allem Heroinabhängige von der Sucht geheilt werden, der immer mehr junge Chinesen verfallen.

So rasch, wie sich im Reich der Mitte die Privatwirtschaft ausbreitet, greift auch Rauschgiftsucht um sich, der Schatten jeder offenen Gesellschaft. Noch versucht die Propaganda-Abteilung der Partei die Lage schön zu reden, doch die Wirklichkeit sieht anders aus: Immer mehr Chinesen hängen an der Nadel, Jugendliche schlucken in den Discos Designerdrogen wie Ecstasy oder "Ice". Knapp 100.000 Drogenabhängige waren im letzten Jahr offiziell registriert, die Dunkelziffer dürfte weit höher sein. Die Beschaffungskriminalität wuchert, wie Experten unter der Hand zugeben.

Sensation im Staatsapparat

Erstmals hat jetzt die Pekinger Polizei ausländischen Journalisten Einblick in ihre Arbeit gewährt, eine kleine Sensation im ansonsten von Misstrauen geprägten Staatsapparat. Anderthalb Stunden vom Stadtzentrum entfernt sieht das Drogenzentrum aus wie ein ganz normaler Betrieb am Stadtrand der Millionenmetropole. Braune mehrstöckige Ziegelhäuser stehen dort, der Schornstein des Heizwerks ragt in den Himmel. Außer schwarz uniformierten Polizisten sind zunächst keine Menschen zu sehen.

In einem Versammlungsraum berichten drei Beamte von ihren Erfolgen im Kampf gegen das Verbrechen. "Hart zuschlagen" heißt die Kampagne, die seit vielen Monaten auf Hochtouren läuft. Sie berichten vom Kampf gegen Mafia, Waffenhändler und Dealer, und auch das brennende Problem des Fahrraddiebstahls bleibt nicht unerwähnt.

Am Ende der Präsentation liest die Chefin des Hospitals, Lü Qiulin, Statistiken über ihre Anstalt vor: 1997 wurde sie eröffnet, 800 Betten gibt es, 118 Menschen, davon 21 Ärzte und Schwestern, arbeiten hier. Neuankömmlinge durchlaufen sieben verschiedenen medizinische Untersuchungen, Männer und Frauen leben getrennt, HIV-Infizierte und Geschlechtskranke kommen in einen Extratrakt, ebenso wie die Jugendlichen.

Drei bis sechs Monate bleiben die Patienten in der Klinik. In 226 Unterrichtsstunden lernen sie vom Fluch der Drogen und von der Überlegenheit der Partei. Fragen der Journalisten allerdings lässt Offizier Lü, eine schmächtige Frau mit kurzem Männerhaarschnitt, nicht zu. Wie hoch ist die Rückfallquote? Auf welche Weise kommen die Patienten von der Droge los? Wer sind die Süchtigen? Die Chefin springt auf.

Mehr als eine Chance gibt es nicht

Das sind Dinge, über die man nicht reden muss, so meint das Ministerium offenbar. Eines teilen die Beamten dann doch noch mit: Wer rückfällig wird, erhält keine zweite Chance. Er wandert in eins der berüchtigten Umerziehungslager, wozu in China kein Gerichtsurteil notwendig ist.

Die Schlafsäle des Zentrums sind blitzsauber, die Betten wie in einer Kaserne präzise ausgerichtet. Die Türen haben schwere Schlösser. In einem Block der Anstalt sitzen Frauen am Computer, spielen Halma, Schach oder Billard, malen und lesen. Bewacht werden sie von Polizistinnen in Schwesternkluft.

Polizeikameraleute und Fotografen in zivil umschwärmen die Besuchergruppe, auf Fragen antworten die Frauen, wenn überhaupt, wortkarg. Eine Patientin aus Lanzhou verstummt sofort, als ein Zivilbeamter ihr mit barscher Handbewegung bedeutet zu schweigen.

Versuch eines Gespräches mit einer Krankenschwester im Lesesaal: "Ist dieser Raum nur für Frauen oder auch für Männer?" "Das kommt darauf an." "Wird er gemeinsam genutzt?" "Das kommt darauf an." "Wann wird er genutzt?" "Das kommt darauf an." "Worauf kommt es an?" "Auf die Entscheidung von oben."

Schnell werden die Berichterstatter durch die Flure geschleust. Alles scheint hier zweifarbig zu sein: Grün-weiß die Flure, blau-weiß die Patienten. Eine Mauer schottet einen zweiten Teil des Geländes ab - offenkundig leben hier noch nicht geheilte Patienten. Hinter den Fenstern sind Menschen in weiß-blauen Uniformen zu sehen. Nach knapp einer Stunde müssen die Journalisten wieder in die Busse steigen.

Selbstbewusst duch eiserne Disziplin

"Wir wollen den Patienten zu neuem Selbstbewusstsein verhelfen, damit sie keine Drogen mehr an sich heranlassen", hatte Chefin Lü verkündet und dabei vom Blatt abgelesen. Nach ihrer Ansicht erreicht man Selbstbewusstsein offenbar über andere Tugenden: Eiserne Disziplin, demütigender Gehorsam, scharfe Ordnung. Von den Ursachen der Sucht sprechen die Polizisten ebenso wenig wie von den Nöten der Patienten, von ihren Schicksalen, von ihrer Herkunft. Die müssen für ihren - unfreiwilligen - Aufenthalt bezahlen: 7000 Yuan, umgerechnet knapp 1900 Mark.

Dass es hinter den braunen Mauern anders zugeht, wenn nicht gerade Besucher durch die Flure ziehen, berichtete kürzlich die "Süddeutsche Zeitung". Ehemalige Patienten hatten sich dem Blatt offenbart und über das Leben im Pekinger Drogenhospital berichtetet. Sie mussten stundenlang regungslos auf dem Bett sitzen, die Augen nach unten gerichtet. Wer aufblickte, musste Klo oder Flure putzen, im schlimmsten Fall setzte es Schläge. Aufenthalte auf der Toilette länger als eine Minute duldeten die Wärter nicht, das Essen durfte nur zwei Minuten dauern. Duschen konnten die Patienten nur einmal in der Woche für zehn Minuten - sie wurden mit einem Schlauch abgespritzt.

Wer Geld hatte, konnte sich allerdings schon nach drei Wochen freikaufen und das Polizeihospital draußen in den Bergen vor Peking hinter sich lassen - einem Modell für das ganze Land.



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