Razzia bei Tschalabi Amerika verstößt seinen Lieblingsiraker

Einst war er der Liebling des Pentagon: Die US-Regierung hatte dem Exilpolitiker Ahmed Tschalabi bei der Gestaltung des Nachkriegsirak eine gewichtige Rolle zugedacht. Doch mittlerweile ist das Mitglied des Regierungsrates in der Gunst der Amerikaner tief gesunken. Jetzt haben US-Soldaten sogar sein Haus auf den Kopf gestellt.

Von Dominik Baur


Metapher für den tiefen Fall Tschalabis: Bei der Razzia ging ein Bild des Politikers zu Bruch
AFP

Metapher für den tiefen Fall Tschalabis: Bei der Razzia ging ein Bild des Politikers zu Bruch

Hamburg - Die Soldaten kamen am Morgen. Rund hundert Angehörige der US-Streitkräfte zählten Augenzeugen vor dem Anwesen des Irakischen Nationalkongresses (INC) in Bagdad. Gemeinsam mit irakischen Polizisten sowie einigen FBI- und CIA-Agenten stürmten sie das Haus von Ahmed Tschalabi und die Büroräume des INC, des Parteienbündnisses, das einst im Londoner Exil gegen Diktator Saddam Hussein gekämpft hatte. Tschalabi war damals der Favorit der US-Regierung, wenn es darum ging, wer den Nachkriegsirak führen sollte. Was Hamid Karzai in Afghanistan war, sollte Tschalabi im Irak werden.

Drei von Tschalabis Männern nahm das US-Militär fest. Computer, Akten und Gewehre schleppten die Soldaten aus den Büros. Als sie abgezogen waren, zeigte sich Reportern, so berichtet die "New York Times", nur noch ein Bild der Verwüstung: eingetretene Türen, auf den Kopf gestellte Möbel und - wie bezeichnend - zerbrochene Bilder des INC-Chefs Tschalabi. Die Razzia zeigte wohl so deutlich wie kein anderes Ereignis, wie tief der frühere Liebling der US-Regierung im Laufe des ersten Nachkriegsjahres im Irak gefallen ist.

Sprecher der amerikanischen Streitkräfte lehnten jeglichen Kommentar zu der Aktion ab. Das sei eine interne Angelegenheit der Iraker. Ein irakischer Richter hatte zuvor mehrere Haftbefehle gegen Tschalabi erlassen. Der Vorwurf: Der Politiker soll eine Untersuchung über Korruption unter dem "Oil for Food"-Programm der Vereinten Nationen behindert haben. Schon 1992 war der äußerst reiche Geschäftsmann in Abwesenheit von einem jordanischen Militärgericht wegen Betrugs verurteilt worden, nachdem eine von ihm gegründete Bank pleite gegangen war.

Tschalabi lieferte die gewünschten Beweise

Tschalabi freilich sieht das anders: Die US-Zivilverwaltung wolle Druck auf ihn ausüben, behauptet er, weil er vollständige Souveränität für das irakische Volk eingefordert habe. Auch dass die US-Zivilverwaltung jüngst Aufgaben an ehemalige Mitglieder von Saddams Baath-Partei vergeben hat, war auf seine scharfe Kritik gestoßen. "Wenn jemand aufsteht und seine Standpunkte unabhängig und nachdrücklich vertritt, scheinen die Amerikaner das nicht zu mögen", sagte heute ein Sprecher nach der Razzia.

"Rein irakische Angelegenheit": US-Soldaten vor dem Tschalabi-Anwesen
AP

"Rein irakische Angelegenheit": US-Soldaten vor dem Tschalabi-Anwesen

In der Tat distanzieren sich die USA schon länger von dem Mitglied des irakischen Regierungsrates. Erst vor kurzem hatten sie monatliche Zahlungen von 340.000 Dollar an den INC-eigenen Geheimdienst eingestellt - jene Einrichtung, von der sich die Bush-Regierung vor dem Krieg mit vermeintlichen Beweisen über Massenvernichtungswaffen im Besitze von Saddam Hussein hat versorgen lassen.

Solange der INC das gewünschte Material lieferte, stand Tschalabi bei US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und seinem Vize Paul Wolfowitz hoch in der Gunst. Die Zusammenarbeit lief gut. Auch noch im April 2003, als US-Soldaten in Bagdad die Saddam-Statue stürzten: Das Pentagon flog Tschalabi und seine 600 Mann starke Miliz damals in den Irak ein - und konnte auf deren verlässliche Unterstützung zählen. Tschalabis Leute spürten beispielsweise etliche Mitglieder des gestürzten Saddam-Regimes auf. Er selbst wurde mit einem Sitz im Regierungsrat belohnt.

"Die Leute wollen einen Sündenbock"

Doch schon mit der Ankunft im Irak begann Tschalabis Abstieg. 46 Jahre hatte der 59-Jährige im Exil gelebt, in Bagdad fehlte ihm jede Hausmacht. Der Stand des in den USA ausgebildeten Mathematikers in der Heimat ist schlecht. Ihm hängen verschiedene Korruptions- und Betrugsvorwürfe an, Versuche, sich mit wichtigen Personen wie Großajatollah Ali Husseini al-Sistani gut zu stellen, scheinen bisher wenig gefruchtet zu haben. Umfragen zeigen: Kaum einem Politiker misstrauen die Iraker so sehr wie Tschalabi.

"Let my people go": Tschalabi bei der Pressekonferenz nach der Razzia
REUTERS

"Let my people go": Tschalabi bei der Pressekonferenz nach der Razzia

Aber auch in Washington begann Tschalabis Stern schnell zu sinken. Spätestens als sich die "Beweise" über Saddams Arsenal an Massenvernichtungswaffen nicht mehr halten ließen, machte sich im Pentagon große Verärgerung über den Verbündeten breit. Ihm so viel Macht zu unterstellen, dass er die gesamten amerikanische Regierung hätte täuschen können, sei "unfair und verblüffend" zugleich, verteidigte sich Tschalabi vor ein paar Wochen im Gespräch mit dem "Time"-Magazin. Seine Erklärung ist sehr einfach: "Es ist Wahlkampf, und die Leute wollen einen Sündenbock."

Der säkulare Schiit reagierte auf den Liebesentzug aus Washington seinerseits damit, dass er nach neuen Freunden Ausschau hielt. Zunehmend suchte er Kontakt zu den anderen Schiiten des Regierungsrates. Gemeinsam mit ihnen weigerte er sich Anfang März, die Übergangsverfassung zu unterzeichnen, da diese noch nicht den Segen der beiden Großajatollahs von Nadschaf bekommen hatte. Für seine weiteren politischen Ambitionen setzt Tschalabi offensichtlich auf das schiitische Ticket - auch wenn er selbst behauptet, er strebe überhaupt kein Amt in einer künftigen Regierung an.

Nach der Razzia heute gab sich der schillernde Politiker wieder ganz als Opfer: Bei einer Pressekonferenz hielt er den Reportern das Foto von sich selbst hin, dessen Glasrahmen zu Bruch gegangen war. Die Soldaten und Polizisten hätten ihn aus dem Bett gerissen, klagte Tschalabi, in seinen Büros hätten sie sich aufgeführt wie die Vandalen und dann auch noch eine wertvolle Koran-Ausgabe mitgehen lassen. Der US-Verwalter im Iral, Paul Bremer, habe wohl den verstand verloren schimpfte er.

Zum Schluss machte sich Tschalabi noch einmal dafür stark, dass die USA den Irakern die vollständige Herrschaft über ihr Land übergeben sollten. Und als ob er ausgerechnet ein amerikanisches Gospel anstimmen wollte, rief er: "Let my people go. Let my people be free."



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